Nur noch ein Punkt zur Meisterschaft
Der Triumph des Alleinherrschers Magath
Trainer Felix Magath im Abendblatt-Interview über Grafite, Dzeko, die fehlende Wertschätzung von Erfahrung und die Finanzkrise.
Unter Hochspannung: Wolfsburgs Felix Magath hat die Champions League erreicht, der Titel fehlt noch.
Foto: REUTERS
Ein Restaurant-Besuch am Sonnabend mit der Familie, am Sonntag ein Fahrradausflug in den Perlacher Forst: Wolfsburgs Trainer Felix Magath entspannte sich nach dem 5:0 in Hannover bei Frau und Kindern in München. Heute kehrt der Coach, Manager und Geschäftsführer des VfL nach Wolfsburg zurück, am Dienstagnachmittag beginnt die Vorbereitung auf das Saisonfinale am Sonnabend gegen Bremen.
Abendblatt: Herr Magath, Stuttgarts Manager Horst Heldt hat Ihnen bereits zur Meisterschaft gratuliert. Das kann kein guter Freund sein.
Felix Magath: Horst ist und bleibt ein guter Freund. Dass er uns auf den letzten Metern in Sicherheit wiegen will, ist seinem Job beim VfB geschuldet. Wir werden auf diesen Sirenengesang nicht hereinfallen und das tun, was wir die vergangenen zwei Jahre immer getan haben: seriös arbeiten.
Abendblatt: Heldt hat doch recht, was soll dem VfL noch passieren. Ein Punkt reicht gegen Bremen, und Werder wird müde sein vom Uefa-Pokal-Finale am Mittwoch.
Magath: Im Sport gilt: Erst wenn du im Ziel bist, darfst du die Arme hochreißen. Es gibt in der Fußball-Bundesliga genug Beispiele, dass sich Mannschaften zu früh gefreut haben.
Abendblatt: Wie wollen Sie der Euphorie in Wolfsburg begegnen, die spätestens nach dem 5:0 in Hannover ausgebrochen ist?
Magath: Ich habe stets realistische Einschätzungen abgegeben. Dadurch bin ich glaubwürdig. Und wenn ich sage, wir müssen hochkonzentriert in diese letzten 90 Minuten gehen, dann wird die Mannschaft dies auch umsetzen.
Abendblatt: In den ersten 15 Minuten scheint ihr Team in der Regel eher unkonzentriert zu sein. Auch in Hannover hätte es früh in Rückstand geraten können.
Magath: Wir haben die drittjüngste Mannschaft der Liga, die in einem Entwicklungsprozess steckt. Da spielt in den ersten Minuten noch eine gewisse Nervosität mit. Und hätte Torhüter Diego Benaglio nicht so hervorragend gehalten, wir hätten öfter einem Rückstand hinterherlaufen müssen.
Abendblatt: Ihre Torgaranten Grafite und Edin Dzeko hätten es sicherlich auch dann gerichtet.
Magath: Ihre Leistungen sind herausragend, keine Frage. Aber: Jeder in dieser Mannschaft trägt seinen Teil zum Erfolg bei. Grafite und Dzeko profitieren auch davon, dass unser Spiel auf sie zugeschnitten ist, dass unser Mittelfeld nicht selbst den Abschluss sucht, sondern den Pass auf die beiden. Das zeichnet dieses Team aus: Jeder stellt seine Qualitäten in den Dienst des Ganzen.
Abendblatt: Sie haben diese Mannschaft zusammengestellt. Verraten Sie uns Ihre Formel?
Magath: Ich bin vor zwei Jahren ein hohes Risiko eingegangen, als ich den VfL Wolfsburg übernahm. Die Mannschaft lag in Trümmern, sie wäre beinahe abgestiegen, auch im Jahr davor. Deshalb hatte ich mir ausbedungen, im sportlichen Bereich das alleinige Sagen zu haben. Und mit Unterstützung des VW-Konzerns, der ein Interesse an der Entwicklung der Mannschaft hatte und weiter hat, ist es mir mit meinen Stab gelungen, jene Spieler zu holen, von denen wir überzeugt waren. Dass es so schnell so gut funktionierte, hat uns dann doch überrascht.
Abendblatt: Das System Magath ist eben effektiver als das System Jürgen Klinsmann.
Magath: Das Grundproblem ist doch: Wenn ein Spieler verpflichtet werden soll, reden in den Vereinen gewöhnlich viele Leute mit: Manager, Präsident, Aufsichtsräte. Jeder hat da seine Meinung, jeder seine Interessen. Am Ende wird das Konzept des Trainers meist halbherzig umgesetzt. In Wolfsburg war ich dank des VW-Konzerns in der einmaligen Lage, mit meinen Assistenten eine Mannschaft nach unseren Vorstellungen zu konzipieren.
Abendblatt: Diktatur ist also besser als Demokratie?
Magath: Diese Zuspitzung trifft es nicht. Erfahrung und Sachverstand sind wichtige Güter für unsere Gesellschaft. Sie sind die besten Lehrer. Wir haben es aber versäumt, sie schätzen zu lernen. Leistungen werden in Deutschland selten gewürdigt, lieber werden sie zerredet. Würden wir mehr auf Menschen mit Erfahrung hören, wir würden in allen Lebensbereichen profitieren - und wir hätten vermutlich die schlimmsten Auswirkungen der Finanzkrise vermieden. Stattdessen wird jedem Trend hinterhergehetzt.
Abendblatt: Ein Seitenhieb auf Klinsmanns Computer-Fußball?
Magath: Ich bin kein Maschinen-Stürmer oder Technikfeind. Aber: Um zu erkennen, ob jemand Fußball spielen kann, teamfähig ist und zu den anderen Spielern passt, dafür habe ich zwei Augen und zwei Ohren.
Abendblatt: Herr Magath, Sie waren als Spieler dreimal mit dem HSV deutscher Meister, jetzt können Sie Ihren dritten Titel als Trainer gewinnen. Welche Siege ordnen Sie höher ein?
Magath: Als Trainer trägst du die Gesamtverantwortung. Das ist eindeutig befriedigender.








Branchenbuch Hamburg
Abendblatt auf Facebook
100. Geburtstag
Axel Springer







