Alonso siegt in Hockenheim
Vettel wutentbrannt und "mit gebrochenem Herzen"
Nach dem Heimspiel war der Frust beim Weltmeister groß. Zurückgestuft und von Alonso geschlagen - für Vettel ein Wochenende zum Vergessen.
Hockenheim. So wütend hatte man Sebastian Vettel vielleicht noch nie gesehen: Als ihm Phsyio Heikki Huovinen am Ende eines völlig verkorksten Heimat-Ausflugs das ernüchternde Urteil mit der Rückstufung von Rang zwei auf Platz fünf unter die Nase hielt, war für den Formel-1-Weltmeister das Maß voll. Der 25-Jährige schnappte sich einen Teller Nudeln und verschwand wutschnaubend in seiner Kabine im Red-Bull-Motorhome.
Wer daraufhin zu ihm wollte, wurde aufgehalten. Dies sei keine gute Idee, versicherten Vertraute, Vettel sei unglaublich geladen. Ausgerechnet 45 km von seinem Elternhaus entfernt und vor heimischem Publikum erlebte der Hesse einen Tag zum Vergessen - und einen vielleicht vorentscheidenden Rückschlag im Titelrennen gegen den schon 44 Punkte enteilten Hockenheim-Sieger Fernando Alonso.
Zudem musste er sich nach seiner Kritik am forsch fahrenden Lewis Hamilton vom britischen Boulevardblatt Mirror auch noch als "Heulsuse" bezeichnen lassen. "Vettel verlässt den Hockenheimring mit gebrochenem Herzen", spottete die Sun.
Nach dem abschließenden Urteil der FIA, die ihn wegen Überholens abseits der Strecke mit einer 20-Sekunden-Strafe belegte, schwieg Vettel lieber. Verschwörungstheorien wie zuletzt in Valencia wollte er nicht äußern. Das Gefühl, dass der Weltverband den Weltmeister der letzten beiden Jahre und sein finanzstarkes Team mit allen Mitteln einbremsen will, hatte sich allerdings schon am Morgen verstärkt. Für das als illegal eingestufte Auto bekam die FIA Red Bull aber nicht zu greifen.
Viele sahen in der persönlichen Strafe für Vettel nach dem Manöver gegen Jenson Button eine Retourkutsche. Fakt ist aber auch: Vettel war selbst schuld. Im Regelwerk sei dies ein eindeutiger Fall, betonte der ehemalige Rennfahrer Alexander Wurz, der selbst gelegentlich als Rennkommissar im Einsatz ist: "Vettel hätte sich nach dem Überholen einfach zurückfallen lassen müssen. Das hat er aber nicht gemacht." Auch Ex-Weltmeister Damon Hill betonte: "Das Einfachste wäre gewesen, er hätte seinen Platz direkt wieder an Jenson abgetreten."
Vettel wäre auf Rang drei zurückgefallen - und hätte alle Chancen gehabt, sich den zweiten Platz wieder zu erobern. "Meine Hinterreifen waren am Ende, er hätte mich sicher nochmal überholen können", sagte Button. Zumindest vom Kommandostand hätte der Weltmeister zurückgepfiffen werden können, doch der Funk blieb stumm.
Denn das Red-Bull-Team sah sich im Recht. Das bestätigte auch Motorsportberater Helmut Marko. "Die ganze Situation wurde von Jenson Button ausgelöst, er hat Sebastian keinen Platz gelassen und ihn hinausgedrängt", sagte der 69-Jährige bei ServusTV: "Um eine Kollision zu vermeiden, musste Sebastian ausweichen." Laut Marko daher keine eindeutige Situation, "im Zweifel für den Angeklagten" hätte es also heißen müssen. Dass dies nicht der Fall war, habe "einen Beigeschmack".
Schon als vermeintlicher Zweiter nach Rennende auf dem Podium hatte Vettel eher missmutig dreingeschaut. Die Wunde, auch im fünften Anlauf den Heimsieg verpasst zu haben, schmerzte schon zu diesem Zeitpunkt, zwei Stunden vor dem finalen Rückschlag für den Wahl-Schweizer.
Von einem "Heimfluch" zu sprechen, halten Experten aber für übertrieben. "Wenn man auf Platz zwei fährt, ist das doch kein Fluch", sagte Motorrad-Star Sandro Cortese dem SID. Der WM-Spitzenreiter der Moto3-Klasse hatte vor zwei Wochen als erster Deutscher seit 41 Jahren einen deutschen Sieg auf dem Sachsenring eingefahren: "Das war ein Hammer-Gefühl. Sebastian fehlt es noch in seiner Sammlung. Aber er hat sonst schon alles erreicht, und ich bin sicher, dass er das in naher Zukunft erleben wird."
Auch RTL-Experte Christian Danner will von einem "Fluch" nichts wissen. "Davon kann man sprechen, wenn man immer selben Rennen ausscheidet", sagte er dem SID: "Außerdem gibt es in der Formel 1 nicht so etwas wie Angstgegner im Fußball. Zum Nachdenken hast du unter dem Helm gar keine Zeit."
Für Danner, der bisher immer auf Vettel getippt hatte, ist nun aber Alonso der klare WM-Favorit. "Ihn darfst du nie, nie, nie unterschätzen. Im Moment ist er einfach superstark", sagte Danner: "Und bei Red Bull wird es Zeit, dass sie mal ein paar Bricketts nachlegen."
Zumindest hat Vettel vor der Sommerpause noch eine Chance, seinen Frust abzubauen. Am Sonntag in Budapest Alonso an dessen 31. Geburtstag zu schlagen, wäre sicher eine Genugtuung. Die verspürte diesmal nur der Asturier. "Ich bin kein politischer Mensch. Aber dass ein Spanier in einem italienischen Auto, das ein Grieche designt hat, in Deutschland gewinnt - das hat schon was", sagte er schmunzelnd.
Politische Spitzen verteilten auch die Medien. "Alonso siegt im Vettel-Merkel-Territorium", schrieb die spanische AS. Und auch der italienische Corriere dello Sport schickte einen Gruß an die Kanzlerin: "Dieser Sieg ist Frau Merkel gewidmet." (sid/abendblatt.de)

















