29.11.08

Sportgespräch: Der Sportwissenschaftler Roland Loy über weit verbreitete Irrtümer im Fußball

"Erfolg durch One-Touch-Fußball? Reinste Spekulation!"

Von Interview: Reinhard Keck

Abendblatt:

Herr Loy, fahren Sie als Fußballanalytiker bei Anpfiff den Rechner hoch, wenn andere ein Bier aufmachen?

Ronald Loy:

Das könnte man so sagen. Allerdings beobachte ich die Spiele mit Hilfe meines Analyseprogrammes meistens erst, nachdem ich sie auf DVD aufgezeichnet habe. In den letzten 20 Jahren habe ich so alle Tore lückenlos ausgewertet.



Abendblatt:

Momentan müssen Sie viel Arbeit haben. In der Bundesliga fallen so viele Tore wie seit 20 Jahren nicht mehr. Sind die Stürmer so gut oder die Verteidiger so schlecht?

Loy:

Einer von vielen möglichen Erklärungsansätzen könnte sein, dass die derzeit von vielen Trainern praktizierte Raumdeckung damit zu tun hat. Die Grundüberlegung dabei ist, dass in Gefahrensituationen unmittelbar vor dem Tor die Gegenspieler zu wenig attackiert werden. Womöglich haben viele Spieler bei der Raumdeckung den Bogen überspannt und können nun nicht mehr umdenken.



Abendblatt:

Ist die wenig spektakuläre "Die-Null-muss-stehen"-Philosophie erfolgreicher als "Hurra-Fußball"?

Loy:

Schwer zu sagen. Aber nehmen wir nur einmal den ehemaligen Bayern-Trainer Giovanni Trappatoni. Mit seiner ultra-defensiven Philosophie ist er, gemessen an den Titeln, zu einem der erfolgreichsten Klubtrainer aller Zeiten aufgestiegen. Zudem ist wissenschaftlich erwiesen, dass häufiger jene Mannschaft Meister geworden ist, die wenige Gegentore kassierte, als jene, die am meisten Tore schoss.



Abendblatt:

Warum propagieren dann Trainer ständig Offensivfußball?

Loy:

Als Trainer hat man natürlich ein ganz anderes Standing, wenn man attraktiv spielen lässt. Wenn ein Trainer neu eingestellt wird, sagt er sehr häufig, er wolle attraktiv spielen lassen. Das soll natürlich vor allem Aufbruchstimmung symbolisieren und die Fans freuen. Ein Jürgen Klinsmann ist ja auch mit so einem Versprechen zu Bayern gekommen.



Abendblatt:

Der schnelle und attraktive One-Touch-Fußball ist also ein nettes Versprechen, bringt statistisch aber nichts?

Loy:

Ich verstehe nicht, warum Klinsmann, Bierhoff oder Löw den englischen One-Touch-Fußball ständig zum Vorbild nehmen. Nur weil dort mit 1,4 Sekunden pro Ballkontakt gespielt wird? Ich habe Tausende Untersuchungen dazu gelesen und an keiner einzigen Stelle einen verlässlichen Beweis dafür gefunden, dass der One-Touch-Fußball erfolgversprechender ist als andere Spielweisen.



Abendblatt:

Ihre eigenen Erkenntnisse zum geforderten schnellen Spiel nach vorn?

Loy:

Die Ergebnisse meiner eigenen Untersuchungen zu mehreren Tausend Angriffen weisen in folgende Richtung: Über je mehr Stationen ein Angriff vorgetragen wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit eines Tores. Angriffe, die nur über eine Station laufen, ziehen nur in gerade mal einem Prozent aller Fälle ein Tor nach sich. Angriffe, die über 13, 14 oder 15 Stationen vorgetragen werden, führen jedoch in sieben Prozent aller Fälle zum Torerfolg.



Abendblatt:

Trotzdem sind die englischen Mannschaften derzeit erfolgreicher.

Loy:

Sicher, aber wir wissen nicht, was die Ursache hierfür darstellt. Ist es das schnelle Spiel, oder sind es die herausragenden Einzelspieler wie ein Ballack oder ein Ronaldo? Man muss wissen, dass nur etwa 1,6 Prozent aller Angriffe im Fußballsport zu einem Tor führen.



Abendblatt:

Klingt wenig.

Loy:

Das ist extrem wenig. Und überall so. Auch bei Arsenal London sind es nur 1,6 Prozent aller Angriffe. Das heißt, auch das schnelle Spiel der englischen Teams führt in mehr als 98 Prozent aller Fälle nicht zum Torerfolg. Warum also England zum Vorbild nehmen?



Abendblatt:

Wenn ein Trainer sagt, wir werden die Fehler lückenlos analysieren, geht das überhaupt?

Loy:

Ich habe über 3000 Fußballspiele in den letzten Jahren systematisch beobachtet. Meine Erkenntnis ist: Fußball an sich ist ein wahnsinnig komplexes Spiel, wir sind Lichtjahre davon entfernt zu wissen, wie es funktioniert.



Abendblatt:

Welche altgediente, aber unbewiesene Expertenmeinung regt sie auf?

Loy:

Eine wäre: "Sie müssen mehr über die Flügel spielen." Ich habe viele Tausend Angriffe analysiert und herausgefunden, dass Angriffe über die Flügel zu ungefähr 1,6 Prozent zum Erfolg führen. Genauso hoch ist die Torwahrscheinlichkeit bei Angriffen durch die Mitte. Aber trotzdem stellen sich dann sogenannte Experten ins Fernsehen und behaupten Dinge, von denen sie überhaupt keine Ahnung haben. Das finde ich unmöglich.



Roland Loy beriet DFB-Teamchef Franz Beckenbauer bei der WM 1990. Er baute die Datenbank von "Ran" bei Sat.1 auf und arbeitet heute bei allen Fußball-Liveübertragungen als Berater für das ZDF.

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