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Sport

Verlängerung: Das Sportgespräch heute zum Weltcup der Windsurfer mit Bernd Flessner

"Man spürt nur noch das Tempo"

Noch bis zum 5. Oktober misst sich der 39-Jährige vor Sylt mit der Weltelite und spricht über Tempo, hartes Training und Surfen im Orkan.

Abendblatt:

Herr Flessner, was für ein Auto fahren Sie?

Bernd Flessner:

Einen Minivan und einen Toyota Land Cruiser. Wieso?



Abendblatt:

Dann sind Sie auf dem Wasser ja fast so schnell unterwegs wie auf dem Land.

Flessner:

Nicht ganz so schnell. Aber mit den modernen Materialien sind schon richtig hohe Geschwindigkeiten möglich. Den aktuellen Weltrekord hält der Franzose Antoine Albeau mit über 90 km/h. Ich schaffe mit meinen Brettern bei guten Bedingungen, sprich bei wenig Wellen und viel Wind, locker 70 bis 75 Sachen. Das ist kein Problem.



Abendblatt:

Bei diesem Tempo sollte man dann lieber nicht stürzen.

Flessner:

Richtig. Wenn man da absteigt, wird das Wasser hart wie Beton. Das ist sehr schmerzhaft.



Abendblatt:

Können Sie einem Surf-Laien erklären, wie es sich anfühlt, wenn man auf einem so dünnen und schmalen Brett über das Wasser rast?

Flessner:

Es ist unglaublich aufregend, vom Wind so getrieben zu werden. Im Training fahre ich oft längere Strecken zwischen Norderney und Juist oder Baltrum mit hohen Geschwindigkeiten, dann kommt man in einen richtigen Rausch. Man spürt nur noch das Tempo und das Wasser unter sich. Fantastisch.



Abendblatt:

Windsurfen gilt als spaßige Lifestyle-Sportart. Wie stehen Sie zu diesem Urteil?

Flessner:

Unter Otto-Normal-Verbrauchern ist diese Annahme noch immer weit verbreitet. Klar, die Wettkämpfe finden immer an den schönsten Stränden der Welt statt, da ist es schwer, diesen trendigen Charakter abzulegen. Aber im Profibereich sind die Anforderungen so anspruchsvoll, dass man sich entsprechend auf die Wettkämpfe vorbereiten muss. Verschiedene Untersuchungen haben ergeben, dass ich in gewissen Rennsituationen einen Puls von bis zu 200 Schlägen habe. Da kommt man schon dicht an seine Leistungsgrenze. Windsurfen wird häufig schlicht unterschätzt. Gerade im Rennsport muss extrem hart gearbeitet werden. Bei manchen Regatten wird, je nach Wetterlage, auch über mehrere Tage von morgens bis abends gefahren. Dann ist man physisch wie auch psychisch sehr ausgelaugt. Wer diesen Sport belächelt, dem rate ich, sich mal auf ein Surfbrett zu stellen.



Abendblatt:

Wie bereiten Sie sich auf diese Belastungen vor?

Flessner:

Ich habe einen Osteopathen, der mich betreut. Aber ich bin schon so lange dabei, dass ich genau weiß, was das beste Training für mich ist. Generell sollte man immer auf dem Brett stehen. In wichtigen Vorbereitungsphasen trainiere ich dann bis zu dreimal am Tag. Morgens nach dem Aufstehen mache ich eine Stunde Konditionstraining auf dem Fahrrad, danach geht es ins Fitnessstudio. Dort trainiere ich mit Gewichten im Kraftausdauerbereich. Und die dritte Einheit folgt auf dem Wasser, Windsurfen gehen. Das ist richtiger, harter Leistungssport. Die Top-Fahrer sind alle extrem durchtrainiert.



Abendblatt:

In vielen Sportarten beherrschte das Thema Doping in der Vergangenheit die Schlagzeilen. Wird auch beim Surfen gedopt?

Flessner:

Während der deutschen Meisterschaften muss ich immer damit rechnen, kontrolliert zu werden, was auch schon vorgekommen ist. Generell wird in der PWA (Professional Windsurfers Association) nicht kontrolliert, ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern. Man sollte Kontrollen einführen. Aber ich glaube auch, dass Doping im Surfen nicht so viel bringt wie in anderen Sportarten. Beim Surfen bin ich stark vom Material abhängig, es kommt auch auf die richtige Technik und das Gefühl an. Das kann ich mit Doping nicht trainieren. Ich weiß aber nicht, ob gedopt wird. Außerdem steckt im Surfen nicht so viel Geld und Prestige wie in anderen Sportarten, wo die Athleten mittlerweile doch fast zum Dopen gezwungen werden, wenn sie vorne dabei sein wollen.



Abendblatt:

Fußballer klagen oft, dass sie außer ihrem Hotel, dem Flughafen und dem Stadion nichts von Reisen mitkriegen. Geht es Ihnen auch so?

Flessner:

Wir Surfer haben den Vorteil, dass unser Wettkampf etwas länger dauert, meistens etwa eine Woche. Und wenn die Regatta in einer anderen Zeitzone stattfindet, reisen wir entsprechend früher an. Da kommt man dann automatisch in Kontakt mit Land und Leuten. Ich trainiere im Winter auch viel im Ausland, in Südafrika, auf Barbados und Hawaii, da schaue ich mir natürlich sehr viel an. Das ist wirklich ein Privileg meines Berufs, dass ich die Welt sehen kann.



Abendblatt:

Beim Weltcup auf Sylt, der noch bis zum 5. Oktober läuft, werden 105 000 Euro Preisgeld ausgeschüttet. Kann man mit Surfen reich werden?

Flessner:

Das ist heute sehr, sehr schwierig geworden. Ich hatte noch Glück, dass ich schon in den goldenen 90er-Jahren gefahren bin, als bei vielen Regatten noch mehr als 200 000 Dollar Preisgeld gezahlt wurde. Das hat sich mittlerweile geändert. Es gibt heute auch deutlich weniger Profis, in Deutschland vielleicht noch eine Handvoll, weil sich Sponsoren mehr und mehr zurückgezogen haben.



Abendblatt:

Kommt da manchmal Neid auf andere Sportarten auf?

Flessner:

Neid nicht. Das ist der Markt, und der bestimmt die Gehälter. Natürlich investieren Sponsoren ihr Geld verstärkt im Fußball, der Formel 1, Tennis oder auch Golf, weil sie dort mehr Aufmerksamkeit bekommen. Unser Ziel muss es sein, wieder einen Global Player für unseren Sport zu begeistern. Surfen ist sehr interessant und wird marketingtechnisch aus meiner Sicht extrem unterschätzt.



Abendblatt:

Welchen Kick gibt Ihnen das Surfen?

Flessner:

Wenn ich jetzt bei Sturm und fünf Meter hohen Wellen zum Windsurfen gehe, bei Bedingungen, wo sich eigentlich kein normaler Mensch mehr an den Strand traut, kriege ich einen unheimlichen Adrenalinstoß. Bei einem Sprung über eine Welle segele ich dann aus fünf bis zehn Metern Höhe wieder runter, das lässt einen nicht kalt. Das ist unheimlich aufregend und sehr schwer in Worte zu fassen.



Abendblatt:

Bei welchen Bedingungen gehen selbst Sie nicht mehr aufs Wasser?

Flessner:

Das ist in meinem Leben, glaube ich, erst vier Mal der Fall gewesen. Bei Orkan, also bei zwölf Windstärken, wird es auch zum Windsurfen zu gefährlich. Aber bis zu zehn Windstärken ist es absolut fahrbar, kein Problem. Wichtig ist es aber auch, nie den Respekt vor der Kraft des Windes zu verlieren.Interview: Kristof Stühm

 

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