Boxen: Schwergewichts-Weltmeister Wladimir Klitschko schreibt im Abendblatt über seine Anfänge in Hamburg und erklärt, warum er die Stadt liebt
"Wir fühlen uns in Deutschland wie Adoptivkinder"
Wladimir Klitschko liebt Spaziergänge durch den Hafen. "Es ist absolut beeindruckend, wenn man in einem Restaurant an der Elbe in der Sonne sitzt, und auf einmal wird es dunkel, weil ein Kreuzfahrt-Riese vorbeikommt. Das finde ich faszinierend", sagt er.
Hamburg. Hamburg! Diese Stadt nenne ich nun seit zwölf Jahren meine Heimat. Sie ist es nicht nur, weil ich hier meinen Lebensmittelpunkt habe und vier bis fünf Monate des Jahres verbringe, sondern auch, weil mich immer, wenn ich von einer Reise zurückkomme, ein Gefühl beschleicht, das jeder kennt, wenn er in sein Zuhause zurückkommt. Natürlich nenne ich als Ukrainer auch Kiew meine Heimat, aber Hamburg ist die Stadt, in der ich mich heimisch fühle. Deshalb freue ich mich auch so sehr auf den Kampf am Sonnabend.
An meinen ersten Besuch in Hamburg erinnere ich mich sehr gut. Es war im August 1996. Klaus-Peter Kohl, Chef des Universum-Stalles, hatte meinen Bruder Vitali und mich zum WM-Kampf im Halbschwergewicht zwischen Dariusz Michalczewski und Graciano Rocchigiani ans Millerntor eingeladen. Vorher haben wir eine Bootsfahrt auf der Alster gemacht. Die Sonne schien, und wir wussten nach diesem Wochenende, dass wir das Angebot von Kohl annehmen würden.
Voller Vorfreude kehrte ich dann im November zurück nach Hamburg. Aber was war das? Die Stadt zeigte sich von einer ganz anderen Seite. Es regnete ständig, es gab keine Blätter mehr an den Bäumen, es war kalt und dunkel, und ich wollte eigentlich nur noch weg. Vitali und ich konnten die Sprache nicht, wir verstanden nichts im Radio, nichts im Fernsehen, wir konnten keine Zeitung lesen. Wir haben nach russischen Läden gesucht, aber nichts gefunden. Es war schrecklich. Aber ich hatte eine Verpflichtung und musste jeden Monat boxen. An meinen ersten Profikampf erinnere ich mich natürlich auch. Am 16. November habe ich vor ungefähr 600 Leuten in der Wandsbeker Sporthalle geboxt, K.-o.-Sieg in Runde eins gegen einen Mexikaner namens Fabian Meza. Der Anfang war also geglückt.
Vitali und ich haben dann angefangen, die Stadt für uns zu entdecken. Wir haben uns alles angeschaut, Museen, Galerien, auch das Nachtleben intensiv genossen. Auf dem Kiez haben wir überall die Nase hineingesteckt. Der erste Gang durch die Herbertstraße war natürlich sehr aufregend. Mittlerweile reizt mich das nicht mehr so sehr.
Nachdem wir kurze Zeit im Intercontinental-Hotel gewohnt hatten, zogen wir in eine Wohnung nahe des Gyms in Wandsbek. Ich war mit 14 schon aufs Sportinternat gegangen, wusste also, wie es war, allein zu leben. Aber weil wir nicht kochen konnten, waren wir jeden Tag zweimal beim griechischen Restaurant "Minas" in Wandsbek essen. Wenn ich heute gefragt werde, welchen Ort in Hamburg ich jedem Besucher zeigen würde, nenne ich dieses Restaurant. Dort fühle ich mich bis heute geborgen und zuhause. Es ist mein Lieblingsort in der Stadt.
Frühstück gab es damals immer im Gym. Das Hausmeister-Ehepaar Moni und Dieter Balschun hat sich um alle Boxer gekümmert, die Wäsche wurde gewaschen, sie waren für uns wie Eltern. Bis heute lade ich die beiden zu allen meinen Kämpfen ein - und ich freue mich sehr, dass sie auch meistens dabei sind. Überhaupt habe ich zu einigen Menschen aus meiner Anfangszeit in Hamburg noch guten Kontakt, zum Beispiel zu meiner ersten PR-Beraterin Kerstin Eggert. Und natürlich auch zu unserem heutigen Manager Bernd Bönte, den ich damals noch als Premiere-Reporter kennenlernte.
Eine ganz besondere Beziehung hatten Vitali und ich zu unserem Trainer Fritz Sdunek. Als wir das erste Mal ins Gym kamen, war alles neu für uns. Wir sollten um 16 Uhr zum Training kommen, waren aber erst um 17.30 Uhr da. Fritz hat uns natürlich sofort angebrüllt. Von ihm haben wir sehr schnell gelernt, dass man pünktlich sein muss. Von da an hatten wir wirklich eine super Zeit bei Universum. Die vielen netten Kollegen, darunter mit Regina Halmich auch eine Frau, was für uns anfangs etwas gewöhnungsbedürftig war, haben es uns leicht gemacht, uns zu integrieren. Wir haben im Umgang mit den Kollegen, aber vor allem durch die Lektüre der Hamburger Zeitungen Bild, Mopo und Abendblatt die Sprache gelernt. Von da an war es wirklich einfach für uns. Trotzdem hätte ich mir damals nie träumen lassen, dass ich einmal in Deutschland so beliebt sein würde, dass ich große Hallen füllen könnte. Es erfüllt mich immer noch mit Stolz, sagen zu können, dass Vitali und ich uns in Deutschland wie Adoptivkinder fühlen.
Zwar haben wir Universum 2004 verlassen, aber der Stadt werde ich nie den Rücken kehren. Seit diesem Jahr haben wir hier mit der Klitschko Management Group sogar unseren Firmensitz und sind Arbeitgeber! Ich habe eine Menge Freunde gefunden und werde immer eine enge Verbindung nach Hamburg haben. Wenn ich heute durch die Stadt fahre, erzählt jede Straße eine Geschichte.
Es gibt allerdings auch etwas, was mich an Hamburg ärgert, und das ist nicht das Wetter, denn das wird durch den Klimawandel ja auch immer besser. Hamburg müsste mehr für sich werben, sich viel besser präsentieren, damit es in der Welt wahrgenommen wird als das, was es ist: eine Weltstadt mit dem besonderen maritimen Flair, mit allem, was eine moderne Großstadt bieten muss. Die Stadt ist reich, es geht ihr gut, deshalb verstehe ich auch nicht, dass so viele Unternehmen nach Berlin abwandern. Ich freue mich jedenfalls, dass ich mit meinem Kampf, der in mehr als 100 Länder übertragen wird, einen kleinen Teil beitragen kann, um Hamburg bekannter zu machen.
Sonnabend, 22.10 Uhr, RTL live







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