Verlängerung: Das Sportgespräch mit den Olympiakandidaten Kristina Reynolds und Jens Thiele
"Die Sportler müssen es ausbaden"
Die Hockeyspielerin und der Schwimmer über Proteste gegen China, mündige Ath leten und das Schweigen der Politik.
Abendblatt:
Am 8. August beginnen in Peking die 29. Olympischen Sommerspiele. Dreieinhalb Monate vorher redet niemand in diesem Zusammenhang über Sport und Sportler. Tibet, Menschenrechte und Boykott sind die beherrschenden Themen. Frau Reynolds, Herr Thiele, können Sie sich überhaupt noch auf diese Spiele freuen?
Jens Thiele:
Die Vorkommnisse trüben in der Tat meine Vorfreude, auch wenn ich mich erst noch für Peking qualifizieren muss. Mich irritiert, was plötzlich aus den Vorfällen in Tibet in den internationalen Medien gemacht wird. Die Problematik hat sich zwar zugespitzt, doch sie besteht in ihrer Grundstruktur seit 50 Jahren, ohne dass es diese massive Art weltweiter Proteste früher gegeben hätte. Ich habe manchmal den Eindruck, da wollen sich Leute auf Kosten der Spiele und der Tibeter profilieren, auch aufseiten der Medien.
Kristina Reynolds:
Olympische Spiele sind für einen Sportler das größte Ereignis, auf das du dich jahrelang freust und auf das du dich irre lange vorbereitest. Es ist der Höhepunkt deiner Karriere, vor allem wenn du kein Profisportler bist, aber selbst für die. Jetzt ist in den Gedanken an Olympia bei mir immer ein bitterer Beigeschmack. Wie die Menschen in Tibet behandelt werden, wie in China die Menschenrechte weiter missachtet werden, das verdirbt mir die Vorfreude auf die Spiele.
Abendblatt:
Haben Sie bereits darüber nachgedacht, wie Sie Ihren Protest in Peking ausdrücken wollen?
Reynolds:
Mir fällt es schwer, jetzt irgendwelche Protestaktionen anzukündigen. Noch bin ich nicht für die Spiele nominiert. Ein Boykott der Eröffnungsfeier käme für mich in Betracht - auch wenn der Verzicht mir schwer fiele - oder das Tragen eines Trauerflors beim Einmarsch. Schön wäre es, wenn sich unsere beiden Hockeymannschaften auf eine gemeinsame Linie verständigen könnten. Noch wissen wir zudem nicht, was als Protestform erlaubt ist und was nicht. Ich würde jedoch gern ein deutliches Zeichen setzen, dass ich mit den Zuständen in China nicht einverstanden bin, in welcher Form auch immer. Die Spiele sind für China ein Riesengeschäft und eine große Chance, sich der Welt zu präsentieren. Deshalb müssen wir genau hinschauen, was in diesem Land passiert.
Thiele:
Wenn ich in Peking dabei sein sollte, werde ich, falls ich gefragt werde, Stellung zu Menschenrechten, Tibet und China beziehen. Alle weiteren Aktionen sollten überlegt und mit anderen Mannschaftsmitgliedern abgestimmt sein. Die Frage ist doch: Was bringen uns Proteste? Bei der Zensur in China werden die Chinesen von dem größten Teil der Aktionen nichts mitbekommen oder diese eventuell falsch bewerten. Eröffnungs- und Abschlussfeier kann man natürlich boykottieren, doch gerade diese Veranstaltungen machen für einen Sportler mit den größten Reiz Olympischer Spiele aus. Ich bin überzeugt: Keinem Chinesen wird es auffallen, wenn die deutsche Mannschaft nicht ins Olympiastadion einmarschiert oder der Bundespräsident nicht auf der Tribüne sitzt. Letztlich, fürchte ich, wird jede alleinige Aktion der Athleten verpuffen und keine Verbesserung der Lage bringen.
Abendblatt:
Sportler sollen ständig zu Menschenrechtsfragen in China Stellung nehmen, Politik und vor allem Wirtschaft jedoch schweigen sich zu diesen Vorgängen seit Jahrzehnten weitgehend aus. Ein großer Olympiasponsor wie VW zum Beispiel hat bisher kein Wort über Tibet verloren, um in China keine Marktanteile zu verlieren. Fühlen Sie sich als Sportler von Politik und Medien missbraucht?
Reynolds:
Ich möchte schon meine Meinung zu China sagen, teilweise ist es allerdings extrem, was auf uns Sportlern alles abgeladen wird. Wir stellen uns unserer Verantwortung als Repräsentanten unseres Landes, wir können Zeichen setzen, und das sollten wir auch tun. Ich würde es jedoch begrüßen, wenn sich Politik und Wirtschaft mit dem Sport solidarisierten.
Thiele:
Missbraucht nicht, ausgenutzt ja. Das Verhalten von großen Teilen der Politik und der kompletten Wirtschaft halte ich für lächerlich und peinlich. Wenn jemand etwas an den Verhältnissen in China ändern kann, sind es diese gesellschaftlichen Bereiche und nicht allein der Sport. Was aber passiert, wenn sich zum Beispiel Kanzlerin Angela Merkel mit dem Dalai Lama trifft, haben wir ja im vergangenen Jahr erlebt. Da herrschte vier Monate Stillstand in den deutsch-chinesischen Beziehungen, und die Aufträge gingen nach Frankreich. Wenn etwas bewirkt werden soll, dann müssen alle Gruppen zusammenarbeiten.
Abendblatt:
Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat einen Olympiaboykott kategorisch ausgeschlossen. Halten Sie es für richtig, dass diese Option frühzeitig aus der Hand gegeben wurde?
Thiele:
Das Konzept Olympiaboykott hat sich in der Geschichte der Spiele als untauglich erwiesen. Politisch haben die Boykotte 1980 in Moskau und 1984 in Los Angeles nichts bewirkt. Sie haben allein die olympische Bewegung, die für Frieden und Fairness steht, in ihren Grundfesten erschüttert. Und niemand ist bisher auf die Idee gekommen, 2010 die Fußball-WM in Südafrika zu boykottieren, um die Lebensbedingungen der Schwarzen, die in Ghettos leben, zu verbessern. Auch sind die Fußballer 1978 vorbehaltlos in Argentinien angetreten, obwohl dort eine Militärjunta die Menschenrechte brutal mit Füßen getreten hat.
Reynolds:
Wenn ein Olympiaboykott einen einzigen Menschenrechtler in China aus dem Gefängnis holen würde, müsste man darüber nachdenken. Das Gegenteil würde vermutlich geschehen. Dass Olympia in Peking stattfindet, dass die Chinesen das Land für 25 000 ausländische Medienvertreter öffnen müssen, scheint mir für die Regierung und die Kommunistische Partei eine viel härtere Herausforderung zu sein.
Abendblatt:
Ist der Beschluss des DOSB mit den Sportlern abgestimmt worden?
Thiele:
Seit wann fragt man Sportler um Ihre Meinung? Die sind doch nur die wichtigsten Personen der Veranstaltungen.
Reynolds:
Natürlich hat uns niemand gefragt. Ich unterstütze trotzdem diese Entscheidung.
Abendblatt:
War es richtig vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC), im Jahre 2001 die Spiele nach Peking zu vergeben?
Thiele:
Das IOC hat mit dieser Entscheidung die Sportler in die Bredouille gebracht. Die haben es jetzt auszubaden, dass sich die IOC-Sponsoren auf dem chinesischen Markt mit 1,3 Milliarden Menschen präsentieren wollten. Wenn sich das IOC darüber hinaus anmaßt, China missionieren zu wollen, hätte es einen Plan B in der Schublade haben sollen, falls sich - wie geschehen - die erhofften Verbesserungen in Bezug auf Meinungsfreiheit und Menschenrechte nicht einstellen. Man hätte mit den Chinesen eine Agenda abarbeiten und bei Nichterfüllung wesentlicher Punkte die Spiele an einen anderen Ort verlegen müssen. Athen, die Olympiastadt von 2004, wäre eine Alternative gewesen. Zumindest hätte diese Drohkulisse aufgebaut werden müssen. Letztlich läuft das bei Beitrittskandidaten der EU nicht anders.
Abendblatt:
Fühlen sie sich ausreichend über die Vorgänge in Tibet informiert?
Reynolds:
Ich bin ein politisch interessierter Mensch, höre, sehe und lese Nachrichten, ein fundiertes Urteil über die Verhältnisse in China oder die Vorfälle in Tibet maße ich mir aber nicht an. Dafür sind meine Kenntnisse nicht detailliert genug. Und auch in den westlichen Medien werden Meinungen gemacht.
Thiele:
Was wirklich in Tibet passiert, wissen wohl die wenigsten. Wann ist jemand ein Revolutionär, wann ein Terrorist? Der Grat ist oft schmal, und es kommt meist auf die Position des Betrachters an. Das grundsätzliche Problem der Chinesen ist: Sie sind nicht transparent, sie wollen alles unter Kontrolle halten und schüren damit das weltweite Misstrauen. Der Verdacht liegt natürlich nah: Wer keine freie Berichterstattung zulässt, hat etwas zu verbergen.
Abendblatt:
Ist die ganze Situation nicht paradox? Sie setzen sich für Meinungsfreiheit in China ein, anderseits verbietet Ihnen die olympische Charta, sich politisch oder religiös zu äußern.
Reynolds:
Keiner weiß genau, was wir dürfen. Bisher sind wir vom Verband nicht über Spielräume für Protestaktionen informiert worden. Ich erwarte, dass dies im Vorfeld der Spiele geschieht. Und ich erwarte vom DOSB volle Rückendeckung, damit wir uns in China frei äußern können.
Abendblatt:
Sollten Diktaturen überhaupt große Sportveranstaltungen abhalten dürfen?
Thiele:
Darüber kann man diskutieren. Aber wo wollen Sie die Grenze ziehen? Amnesty International prangert auch Menschenrechtsverletzungen in Deutschland an. Die USA haben Guantanamo und halten Ureinwohner in Reservaten, wie die Australier die Aborigines. Trotzdem waren die Olympischen Spiele 2000 in Sydney ein voller Erfolg. Probleme, die Politik und Wirtschaft schaffen, weil sie bedenkenlos Gewinn maximieren wollen, können wir Sportler nicht allein lösen. Das überfordert uns.
Abendblatt:
Sollte das IOC in Peking Sportler von den Spielen suspendieren, weil diese China kritisiert haben, würden Sie sich solidarisieren und ebenfalls abreisen?
Reynolds:
Das kommt auf den konkreten Fall an. Grundsätzlich schließe ich das nicht aus. Solch eine gravierende Entscheidung sollte aber mit der Mannschaft abgestimmt sein.
Thiele:
Sport und Politik werden sich bei diesen Spielen nicht trennen lassen. Ich hoffe, das IOC ist sensibel genug, den Sportlern Freiräume der Meinungsäußerung zu lassen. Sonst wird es in Peking nur Verlierer geben - und das hilft keinem.







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