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Sport

Sportgespräch mit Apnoetaucherin Heidi Heidenreich

Tauchen: "Aufsteigen ist wie Wiedergeburt"

Die 29-jährige Hamburgerin spricht über den Rausch der Tiefe und ihr Latino-Temperament, drei gefährliche Blackouts und den Wettkampf gegen sich selbst.

In der unendlichen Tiefe des Meeres: Heidi Heidenreich.
Foto: ORIGINAL zu : O:\\BILDER\\B_FERT

ABENDBLATT: Wenn wir gemeinsam ins Schwimmbad gingen und wetten würden, wer länger tauchen kann: Wie viele Minuten müsste ich unten durchhalten?

HEIDI HEIDENREICH: Beim Zeittauchen etwa vier Minuten und 30 Sekunden.

ABENDBLATT: Bei welcher Zeit haben Sie angefangen?

HEIDENREICH: Um die zwei Minuten.

ABENDBLATT: Kaum vorstellbar.

HEIDENREICH: Meine Bestzeit ist aber alles andere als rekordverdächtig. Es gibt Frauen, die können wesentlich länger unten bleiben. Mir liegt diese Disziplin gar nicht, da kommt mir mein Latino-Temperament in die Quere. Ich bin zu ungeduldig. Erst denke ich nach, dann singe ich gedanklich, plane den Tag durch oder ärgere mich über etwas - mir fehlt einfach die Ruhe.

ABENDBLATT: Wie sieht es mit Streckentauchen aus?

HEIDENREICH: Da schaffe ich 100 Meter - ohne Flossen.

ABENDBLATT: In Griechenland sind jetzt aber Ihre Tieftauchfähigkeiten gefragt. Was peilen Sie in Loutraki an, wo Sie an diesem Wochenende an einem offiziellen Wettkampf teilnehmen?

HEIDENREICH: Ich will den deutschen Rekord in der Disziplin "Free Immersion" brechen. Dazu muss ich mich 46 Meter an einem Seil in die Tiefe ziehen, die Marke abreißen und mich anschließend wieder in die andere Richtung nach oben ziehen.

ABENDBLATT: Haben Sie diese Tiefe schon mal erreicht?

HEIDENREICH: Ja, allerdings mit Flossen. Für diese Disziplin ohne habe ich in den vergangenen Wochen und Monaten viel trainiert, vor allem im muskulären Bereich musste ich einiges tun, weil ja ganz andere Bewegungen und Krafteinsätze benötigt werden als bei anderen Disziplinen.

ABENDBLATT: Was erwarten Sie vom Wettkampf?

HEIDENREICH: Das lässt sich im Vorwege nicht sagen, es sind immer andere Verhältnisse, man trifft immer neue Menschen. Ich bin beispielsweise stets sehr unentschlossen, ob ich mit oder ohne Gesichtsmaske tauchen soll. Letztes Jahr in Ägypten habe ich bis kurz vorm Countdown nicht gewusst, ob ich mit oder ohne Brille tauche. Dann kam vor mir ein Taucher hoch und sagte: "Da unten ist ein Hammerhai!" Da habe ich meine Maske spontan abgenommen und gesagt: Los geht's - ich will nur nicht alles da unten sehen müssen!

ABENDBLATT: Was ist Apnoetauchen überhaupt: ein exotischer Randsport, ein Abenteuer, Leistungssport?

HEIDENREICH: Von allem etwas, primär aber eine echte Herausforderung.

ABENDBLATT: Wie begeistert man sich für so eine Sportart? Wenn Kinder im Fernsehen Fußballstars sehen, wollen sie zum Fußball. Aber nicht jeder Mensch, der Flipper sieht, will abtauchen . . .

HEIDENREICH: Viele Apnoisten wurden durch den Film "Im Rausch der Tiefe" für diesen Sport begeistert. Das ist unser Kultfilm.

ABENDBLATT: Das allein kann den Reiz aber nicht ausmachen.

HEIDENREICH: Natürlich nicht, es ist viel mehr. Ich bin vom Tauchen mit Ausrüstung zum Apnoetauchen gekommen. Für mich ging es von Anfang an darum, meine körperlichen Grenzen zu erkunden, zu sehen: Wie weit komme ich? Was ist mein Körper in der Lage zu leisten? Apnoetauchen ist ein permanenter Forschungsprozess. Dich erwarten verschiedene Herausforderungen. Du musst dich überwinden, in die dunkle, unbekannte Tiefe hinunterzugleiten, du musst den Druckausgleich technisch beherrschen und dich auf neue Begebenheiten einlassen.

ABENDBLATT: Haben Abgänge in dunkle Tiefen auch etwas mit Angstüberwindung zu tun?

HEIDENREICH: Anfangs auf jeden Fall. Meine ersten Tauchgänge in Deutschland haben in einem dunklen See stattgefunden. Da ist es so, dass man beim Blick nach unten Respekt hat und immer wieder denkt: Oh, die Luft könnte nicht reichen, und hoffentlich klappt der Rückweg.

ABENDBLATT: Einmal zum Verständnis für Laien: Man sucht sich eine Tiefe aus, beispielsweise 32 Meter - und taucht dann hinunter. Anzukommen ist ja die eine Sache, aber woher weiß man vorher, dass die Luft für den Rückweg auch noch vorhanden ist?

HEIDENREICH: Das hat mit jeder Menge Training zu tun. Du arbeitest dich Stück für Stück an diese Marken heran, Meter für Meter. Vor einem Wettkampf musst du die Tiefe schon erreicht haben. Da wird auch von den Organisatoren penibel drauf geachtet. Extreme Tiefen, die du im Training nie erreichst hast, darfst du nicht angeben.

ABENDBLATT: Und wenn die Luft trotzdem nicht ausreicht?

HEIDENREICH: Das habe ich noch nicht erlebt. Es ist eher so, dass viele Apnoetaucher ab einer gewissen Tiefe Probleme mit dem Druckausgleich bekommen. Und wenn das der Fall ist, dann bleibt dir unabhängig von der verbliebenen Luft gar keine andere Möglichkeit mehr, als umzudrehen. Die Schmerzen, speziell in den Ohren, zwingen dich dazu.

ABENDBLATT: Hatten Sie schon mal einen Blackout, eine plötzliche Ohnmacht beim Tauchen?

HEIDENREICH: Ja. Das ist aus meiner Sicht ein Teil dieses Sports, kein schöner, aber man muss sich erkunden, seine Grenzen finden. In meinen vier, fünf Jahren hatte ich vielleicht drei Blackouts, glücklicherweise in der Halle. Aber durch diese Erfahrungen kann ich jetzt sehr gut die Anzeichen meines Körpers deuten, um zu wissen, wann ich mich an der Grenze des Belastbaren bewege.

ABENDBLATT: Wie trainieren Sie überhaupt? So viele tiefe Tauchgewässer gibt es in Hamburg ja nicht . . .

HEIDENREICH: Das Pensum ist vielfältig. Wir trainieren meist im Hallenschwimmbad und tauchen auf Strecke - mit und ohne Flossen. Es gibt Leute, die machen viele kleine Tauchgänge über 50 Meter, ich bevorzuge zwei bis drei Maximalversuche. Zwischen den Trainingstagen im Wasser mache ich Ausdauerübungen, arbeite an meiner Kräftigung oder auch an der Atemtechnik. Zum Tieftauchen fahren wir zum Kreidesee Hemmoor bei Stade und arbeiten uns schrittweise an tiefere Marken heran. Bei kleineren Tauchgängen versuche ich mein Abtauchen zu verbessern und an Bewegungsoptimierungen zu arbeiten.

ABENDBLATT: Haben Sie einen Trainer?

HEIDENREICH: Nein. Es gibt keine Trainer. Das meiste passiert durch Eigenanalyse, beispielsweise anhand von Videoaufzeichnungen. Technische Fragen werden unter den Tauchern ebenso besprochen wie Bewegungsabläufe. Und bei Wettkämpfen sucht sich fast jeder einen Kollegen oder Freund, der für die Tage und Vorbereitungen das Coaching übernimmt und je nach Bedarf einwirkt - auf mich muss es meistens beruhigend sein, weil ich immer so aufgeregt bin.

ABENDBLATT: Dabei gelten Apnoetaucher doch als Ruhepuls-Größen. Wo liegt Ihrer?

HEIDENREICH (lacht): Bei 70 Schlägen in der Minute.

ABENDBLATT: Dann sind Sie vielleicht gar nicht geschaffen fürs Apnoetauchen.

HEIDENREICH: Aber ich bringe dafür den Mut mit, den man benötigt. Ich kenne Taucher, die einen Ruhepuls von 30 bis 40 haben, aber die trauen sich dafür nicht in die gleichen Tiefen wie ich.

ABENDBLATT: Können Sie Ihre Tauchgänge genießen?

HEIDENREICH: Auf dem Weg nach unten weniger. Da konzentriere ich mich auf den Tauchgang und die Technik. Unten genieße ich die Ruhe - die ist so wunderschön, wenn du fast schwerelos zum Teil dieser Tiefe wirst. Auf dem Rückweg setzen die Gedanken wieder ein. Dann kann ich mich auch an der erreichten Leistung begeistern. Das Aufsteigen nach dem Tauchgang ist ein bisschen so etwas wie eine Wiedergeburt, ein wahnsinnig tolles Erlebnis. Insbesondere in Ländern wie Griechenland oder Ägypten, wo die Sonnenstrahlen sich im Wasser brechen, wo die Sicht gut ist, steigern sich diese Gefühle noch. Sobald man die Tiefenmarke in der Hand hat, weiß man: Jetzt wird alles gut.

ABENDBLATT: Gibt es beim Apnoetauchen einen harten Konkurrenzkampf zwischen den einzelnen Wettkämpfern?

HEIDENREICH: Für mich nicht. Ich absolviere diese Wettkämpfe nicht gegen andere, sondern ich führe sie gegen mich selbst. Ich will mir damit beweisen, was ich erreichen kann, wo meine Limits liegen.

 

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