07.04.07

Verlängerung: Das Sportgespräch heute mit der Hamburger Weltmeisterin Susianna Kentikian

"Ich wollte schon als Siebenjährige Großes schaffen"

Die Boxerin über drohende Abschiebungen und das Lachen über Geschichten, die eher zum Weinen sind.

ABENDBLATT: Frau Kentikian, Sie sind seit 16. Februar Boxweltmeisterin im Fliegengewicht. Wie fühlt sich das an?

SUSIANNA KENTIKIAN: Am Anfang hat mich der Rummel überrollt. Jetzt kann ich alles genießen.

ABENDBLATT: Sie werden von ProSieben als Hauptfigur des neuen Sendeformats "Fight Night" aufgebaut. Merken Sie bereits ein gesteigertes öffentliches Interesse?

KENTIKIAN: Auf jeden Fall. Meine Internet-Homepage wird pro Tag 3000-mal angeklickt. Im Gästebuch sind bestimmt 2500 Einträge, auch Liebeserklärungen und Heiratsanträge sind dabei.

ABENDBLATT: Haben die Chancen?

KENTIKIAN: Nein, ich habe gar keine Zeit für eine feste Beziehung.

ABENDBLATT: Lesen Sie alle Zuschriften persönlich?

KENTIKIAN: Ich versuche es. Ich will allen, die Fragen stellen, antworten. Das bin ich den Leuten doch schuldig.

ABENDBLATT: Können Sie falsche Freunde von richtigen trennen?

KENTIKIAN: Ich bin sehr hilfsbereit und gutgläubig und muss aufpassen, dass das nicht ausgenutzt wird. Ich muss lernen, bei manchen Dingen hart zu sein.

ABENDBLATT: Wie lernt man das? Wie bleiben Sie auf dem Boden?

KENTIKIAN: Ich weiß, wo ich herkomme. Helfen tut mein Promoter Dietmar Poszwa. Nach der ersten "Fight Night" war ich überwältigt von den Eindrücken, das hat er gespürt und mich aus der Schusslinie genommen, indem er mich eine Woche in den Urlaub geschickt hat. Dafür war ich sehr dankbar. Und dann sorgen meine Freunde und meine Familie dafür, dass ich nicht abhebe.

ABENDBLATT: Ihre Familiengeschichte ist eine besondere. Sie kamen 1992 als armenische Kriegsflüchtlinge nach Deutschland. Es ist das Klischee von einer, die sich von unten in die Spitze durchgeboxt hat. Muss man eine solch harte Zeit erlebt haben, um es nach oben zu schaffen?

KENTIKIAN: Nein. Ich wäre auch in der Position, in der ich heute bin, wenn ich das nicht durchgemacht hätte. Vielleicht wäre ich sogar noch besser, weil ich mich noch mehr auf das Boxen hätte konzentrieren können.

ABENDBLATT: Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Heimat?

KENTIKIAN: Kaum eine. Ich war fünf, als wir die Hauptstadt Eriwan, wo wir in einer Dreizimmerwohnung lebten, verlassen haben. Mein Vater war dort Lokführer, und dann sollte er in die Armee einberufen werden, um im Bürgerkrieg zu kämpfen. Da hat er sich für die Flucht entschieden.

ABENDBLATT: Warum sind Sie nach Deutschland gegangen?

KENTIKIAN: Weiß ich nicht. Ich habe meinen Vater nie danach gefragt. Er dachte wohl, Deutschland sei ein sicheres Land mit viel Wohlstand für alle.

ABENDBLATT: Stimmte das nicht?

KENTIKIAN: Anfangs nicht. Unsere erste Station war Berlin, von da sind wir später nach Moldawien gezogen. Nach dem Grund habe ich nie gefragt. Erst 1996 sind wir nach Hamburg gekommen.

ABENDBLATT: Wie kamen Sie mit dem Leben als Flüchtling klar?

KENTIKIAN: Für mich war das nicht so schlimm. Ich habe überall Freunde gefunden, weil ich ein offener Mensch bin. Aber für meinen Bruder, der ein stiller Typ ist, und meine Eltern war es schwerer. Wir haben in Hamburg zuerst auf einem Flüchtlingsschiff gelebt und dann in einem Asylheim in Langenhorn. Die Enge dort war ein Problem, man musste sich mit Menschen vieler verschiedener Nationalitäten arrangieren. Da waren zwar viele Nette dabei, aber auch andere, die es mit Sauberkeit nicht so genau nahmen. Das war schon komisch.

ABENDBLATT: Konnten Sie damals eine Schule besuchen?

KENTIKIAN: Ja, ich war zunächst auf einer Aufbauschule, um die Sprache zu lernen, und dann auf einer Grundschule. Schule hat mir immer Spaß gemacht, sie fiel mir nie schwer, weil ich immer lernen wollte. Ich habe meinen Hauptschulabschluss gemacht, danach die Realschule und versuche jetzt, mein Abitur per Fernkurs nachzumachen.

ABENDBLATT: Aber Sie mussten immer in der Angst leben, abgeschoben zu werden?

KENTIKIAN: Das stimmt. Einmal wurden wir morgens von Zivilpolizisten wachgeklingelt. Wir sollten sofort packen, unser Flug nach Armenien ginge in drei Stunden. Wir haben also gepackt und wurden per Bus zum Flughafen gebracht. Zum Glück konnten wir von dort telefonieren, so dass ich meinen Vereinstrainer anrufen konnte. Er hat unseren Anwalt kontaktiert, der hat die Abschiebung aufschieben können.

ABENDBLATT: Es heißt, Sie hätten als diejenige, die am besten Deutsch konnte, für die Familie Verhandlungen geführt und mit diversen Nebenjobs dazu beigetragen, die Familie zu ernähren.

KENTIKIAN: Na ja, diese Geschichte wird häufig übertrieben dargestellt. Ich möchte nicht, dass da so ein Drama draus gemacht wird. Mein Bruder konnte genauso gut Deutsch wie ich, war aber einfach nicht so gesprächig, deshalb habe ich meist geredet. Ich hatte nach der Schule einen Putzjob im Fitnessstudio, aber von dem Geld, was ich da verdient habe, habe ich mir auch mal was gegönnt. Es hat mich glücklich gemacht, dass ich dazu beitragen konnte, für die Familie zu sorgen. Wir teilen alles. Es reicht uns zum Glück, dass wir eine Familie sind. Wir hatten eine harte Zeit damals, aber die hat jeder Mensch irgendwann in seinem Leben mal zu überstehen.

ABENDBLATT: Untertreiben Sie nicht etwas? Immerhin wird Ihre Lebensgeschichte Ende Mai in der ARD zu sehen sein.

KENTIKIAN: Das stimmt. Aber ich mag es trotzdem nicht, wenn sie zu sehr überzeichnet wird. Natürlich gab es Tage, an denen wir uns als Ausländer in Deutschland wertlos gefühlt haben. Aber ich hatte trotzdem meistens Spaß am Leben, weil ich Herausforderungen liebe. Wenn wir heute zurückblicken, müssen wir sogar lachen, obwohl die meisten Geschichten eher zum Weinen sind.

ABENDBLATT: Haben Sie das Gefühl, was verpasst zu haben, weil Sie früh hart arbeiten mussten?

KENTIKIAN: Nein, gar nicht. Ich bin sowieso nicht der Typ für Diskos. Ich gönne mir gern was Schickes zum Anziehen oder eine Handtasche. Aber das reicht mir, und das konnte ich in gewissem Rahmen auch früher schon. Ich habe außerdem einen großen Freundeskreis und deshalb auch gar nicht das Gefühl, etwas versäumt zu haben. Im Gegenteil, ich bin für einige meiner Mitschüler ein Vorbild, weil sie an mir sehen, dass sich harte Arbeit wirklich lohnt.

ABENDBLATT: Haben Sie sich mal psychologische Hilfe geholt, um das Geschehene zu verarbeiten?

KENTIKIAN: Nein, das brauche ich nicht. Ich war immer ein positiver Mensch, habe immer gewusst, dass meine Zeit kommt. Der Glaube an Gott hat mir außerdem geholfen. Ich danke ihm dafür, dass ich der Mensch bin, der ich bin. Er hat mich dazu gemacht.

ABENDBLATT: War Ihre frühere Lebenssituation auch ein Antrieb?

KENTIKIAN: Das natürlich. Aber man muss die Einstellung mitbekommen, nie aufgeben zu wollen. Ich habe mir schon als Siebenjährige gesagt, dass ich etwas Großes schaffen will. Damals war mir nur nicht klar, was es sein würde.

ABENDBLATT: Wieso wurde es das Boxen?

KENTIKIAN: Mein Vater wollte, dass ich selbstbewusst werde und mich verteidigen kann. Ich habe viele Sportarten ausprobiert, aber erst beim Boxen hatte ich das Gefühl, dass es zu mir passt. Mein erster Trainer beim BSV 19, Frank Rieht, sagte, ich hätte den Biss, um erfolgreich zu werden.

ABENDBLATT: Früher haben Sie durch das Training alle angestauten Aggressionen abgebaut. Wie motivieren Sie sich heute?

KENTIKIAN: So wie damals: Training ist das Beste für mich. Das Gefühl, alles aus sich herausgeholt zu haben, ist schön. Ich konnte nie ruhig sitzen, muss immer in Bewegung sein. Auf einer einsamen Insel würde ich eingehen.

ABENDBLATT: Was kann eine Weltmeisterin sportlich verbessern?

KENTIKIAN: Ich weiß, dass vieles in mir steckt, was ich noch nicht gezeigt habe. Ich möchte, dass die Leute irgendwann sehen, dass ich von allem etwas beherrsche.

ABENDBLATT: Beobachter Ihrer Kämpfe sagen, dass Sie wie ein Mann boxen. Kommt das daher, dass Sie mit Männern trainieren?

KENTIKIAN: Es stimmt, dass ich mit Männern trainiere, weil sie mich körperlich weiterbringen. Aber dass ich wie ein Mann kämpfe, sehe ich nicht so. Was soll denn das überhaupt heißen? Es geht doch darum, was für einen Stil man hat, und der ist nicht nach Geschlechtern getrennt.

ABENDBLATT: Es ist aber Ihr Stil, Ihre Gegnerinnen im Ring zu zerstören. Muss man diese dafür hassen, um so zuzuschlagen?

KENTIKIAN: Ich hasse sie nicht, sie haben mir ja nichts getan. Ich will sie auch nicht zerstören, sondern nur zeigen, was ich kann. Im Ring muss man dann gnadenlos sein.

ABENDBLATT: Was fühlen Sie bei einem K. o.-Schlag?

KENTIKIAN: Im ersten Moment freut man sich, man trainiert ja diese Schläge, damit sie eine Wirkung haben. Aber kurz danach kommt die Sorge. Geht es meiner Gegnerin gut? Ich würde mich furchtbar fühlen, wenn ich jemanden schwer oder gar tödlich verletzen würde.

ABENDBLATT: Und wie fühlt es sich an, wenn man selbst k. o. geht?

KENTIKIAN: Das weiß ich nicht, ich habe es bislang nicht erlebt und kann auch gut noch ein bisschen darauf verzichten. Toi, toi, toi.

ABENDBLATT: Wann kämpfen Sie gegen Regina Halmich?

KENTIKIAN: Nie. Ich will gegen die Besten antreten. Aber gegen sie zu boxen kann ich mir nicht vorstellen. Sie ist mein Vorbild, man zerstört nicht die eigene Ikone.

ABENDBLATT: Können Sie sich vorstellen, irgendwann nach Armenien zurückzukehren?

KENTIKIAN: Nein. Ich habe zwei Herzen in meiner Brust, aber ich fühle mich mehr als Deutsche. Meine Einbürgerung läuft. Ich könnte in Armenien nicht leben, weil ich die Sprache nicht lesen kann. Ich war seit unserer Flucht nicht dort, obwohl ein Großteil unserer Familie noch in Eriwan lebt. Meinen letzten Kampf gab es dort als Aufzeichnung im Fernsehen, die Menschen kennen mich. Ich habe für Oktober eine Einladung von der Regierung, die erfolgreiche Sportler ehren will. Die werde ich wohl annehmen. Aber aus Hamburg kriegt mich auf Dauer niemand mehr weg.

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