"Der einzig legitime Nachfolger Kasparows"
Schach-WM: Weselin Topalow dominiert in San Luis
SAN LUIS. In der Nacht zum Sonntag ist Weselin Topalow dem Titel eines Schach-Weltmeisters wieder um 17 Züge nähergekommen. Der Inder Viswanathan Anand mußte mit den weißen Steinen nach einem eigenen Figurenopfer sofort danach in eine dreimalige Zugwiederholung einwilligen, um wenigstens einen halben Punkt zu retten. Damit führt der 30 Jahre alte Bulgare das Turnier der acht weltbesten Großmeister im argentinischen San Luis nach sechs Siegen und drei Remis mit 7,5 Punkten aus neun Partien souverän an.
Der Russe Peter Swidler folgt mit zwei Punkten Rückstand, Alexander Morosewitsch (Rußland) und dem aktuellen Weltranglistenersten Anand fehlen bereits zweieinhalb Zähler auf Topalow. Dem genügen in den letzten fünf Spielen fünf Unentschieden zur Weltmeisterschaft. Die Ungarin Judit Polgar, einzige Frau im Feld, bleibt mit 2,5 Punkten Letzte. Insgesamt eine Million Dollar stehen noch bis zum Freitag auf dem Spiel, der neue König des Schachs erhält am Ende 300 000.
"Topalow wäre der einzig legitime Nachfolger des zurückgetretenen Garri Kasparows", sagt Altmeister Wiktor Kortschnoi (74), "sein Spiel steckt voller Phantasie und Energie. Sein mutiger Stil gefällt mir."
Topalows Rochade an die Weltspitze wäre die logische Konsequenz der Ergebnisse dieses Jahres. Der Bulgare, der in seiner Heimat das Ansehen eines Fußballstars genießt, hatte den Nachweis seines Führungsanspruchs in vier Weltklasseturnieren erbracht. Und er war es auch, der Mitte März den 42 Jahre alten Kasparow in dessen letzter Partie als Profi im spanischen Linares besiegte und mit ihm den prestigeträchtigen Turniersieg teilte. Schon damals glaubte der schachmüde Russe, seinem Nachfolger als weltbester Spieler gratuliert zu haben.
Topalow vereint viele positive Eigenschaften Kasparows, der 20 Jahre lang die Weltrangliste dominierte. Seine Vorbereitung ist ähnlich exzellent, am heimischen Brett tüftelt er mit Unterstützung der Datenbank des Hamburger Schachsoftwarehauses Chessbase und dem weltführenden Schachcomputerprogramm "Fritz" im Dialog mit seinen Sekundanten ideenreiche Eröffnungsvarianten aus, die weit ins Mittelspiel wirken.
Sein Kampfgeist unterscheidet ihn zudem von seinen Kollegen. Wo andere Stellungen frühzeitig remis geben, müht er sich, Nuancen herauszuspielen und diese mit ausgefeilter Endspieltechnik zum Sieg zu promovieren. Grundlage dieser Kraftakte mit bis zu sieben Stunden Spielzeit und manchmal mehr als 100 Zügen ist seine körperliche Fitness, die er sich in Waldläufen und beim Hanteltraining holt.
Was ihn von anderen Weltklasse-Großmeistern unterscheide, wurde Topalow vor der WM gefragt? "Daß ich keine Angst vor dem Verlieren habe!", antwortete er. Seine Zahl an entschiedenden Partien übersteigt gewöhnlich die der Unentschieden. Das ist bei keinem anderen in dieser konstanten Ausprägung der Fall. "Gäbe es mehr Spieler mit der kämpferischen Einstellung Topalows, wäre die leidige Diskussion um einen möglichen Remistod des Schachspiels in diesem Jahr gar nicht erst aufgekommen", sagt der Hamburger Großmeister Matthias Wahls.
Was dem Bulgaren jahrelang fehlte, waren stabile Nerven. Die Zusammenarbeit mit einem Psychologen half ihm, auch unter Druck Höchstleistungen umzusetzen. "Ich weiß jetzt, wie ich mich unter Streß entspannen kann", sagt Topalow. In San Luis kamen bisher keine Zweifel auf, daß er neben König, Dame und Bauern auch sich im Griff habe. Prognosen aber über den Ausgang der WM wollte er am Sonntag immer noch nicht machen. "Schach ist zwar kein unberechenbares Spiel, aber die Menschen, die es spielen, sind es", sagte Weselin Topalow - und lächelte milde.







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