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Sport

Schach - der ganz normale Wahnsinn

Großmeister: Zug um Zug ins Irrenhaus?

Hamburg

Am Ende wollte Wilhelm Steinitz Gott eine Figur vorgeben. Der gebürtige Österreicher, Schach-Weltmeister von 1866 bis 1894, landete im Irrenhaus.

Paul Morphy, sein Vorgänger im Geiste und am Brett, zog sich nach kurzer Karriere in jungen Jahren erst vom Schachspielen, dann vom öffentlichen Leben in den USA zurück und verdächtigte seinen Schwager, daß er ihn betrügen und umbringen wollte.

Der krankhaft ehrgeizige Russe Alexander Aljechin, Weltmeister von 1927 bis 1935 und 1937 bis zu seinem Tode 1946, war Alkoholiker, liebte das Rauchen stinkender Zigarren und liebkoste schon mal Katzen während einer Partie.

Es sind Geschichten und Anekdoten wie diese, die Stefan Zweig zur "Schachnovelle" oder Vladimir Nabokov zu "Luschins Verteidigung" inspirierten. Der schmale Grat zwischen Genie und Wahnsinn, der heute vielleicht als "Borderline Case" diagnostiziert würde, faszinierte sie und prägt bis heute das öffentliche Bild des Schach-Großmeisters.

Mögen Facetten auch zutreffen, klinische Symptome weisen einst wie jetzt Schachspieler nicht häufiger als andere künstlerische Gruppen auf. Der moderne Profi wiederum, körperlich trainiert, hat nicht mal Zeit, seinen Spleen zu pflegen. Bis zu zehn Stunden täglich tüftelt er am Computer Varianten aus. Bits und Bytes haben die Kreativität, mögliche Ursache auffälliger Charaktermerkmale, Zug um Zug matt gesetzt. Schachspieler sind heute Technokraten, Wissen ihr König. Phantasie haben sie zu Bauern degradiert.

Wie unspektakulär die Szene geworden ist, beweist das Turnier der Weltbesten, die von heute an in Argentinien um den Weltmeister-Titel ziehen. Sieben der acht leben in festen Beziehungen, vier haben ein Kind. Der normale Wahnsinn eben.

Dennoch: Schach bleibt "die komplizierteste Vergeudung menschlicher Intelligenz, die außerhalb einer Werbeagentur zu finden ist", wie der US-Krimiautor Raymond Chandler erkannte. Wie unrecht viele aber den Genies von damals tun, zeigt das Schicksal Steinitz'. Er glaubte schon im 19. Jahrhundert, ohne Draht und Hörer telefonieren zu können. Inzwichen wissen wir: Der Mann war nicht verrückt, sondern Visionär.

P. S.: Der Autor spielte jahrelang für den Hamburger Schachklub in der Bundesliga. Er landete vor 19 Jahren beim Abendblatt.

 

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