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Sport

"Ich, der böse Österreicher"

Tischtennis: Bei der WM in Shanghai tritt Werner Schlager als Titelverteidiger an.

ABENDBLATT: Herr Schlager, wer wird in Shanghai Weltmeister: einer der favorisierten Chinesen oder vielleicht sogar Timo Boll?

WERNER SCHLAGER (32): Gute Frage, vielleicht holt aber jemand ganz anderes den Titel.

ABENDBLATT: Sie meinen Wladimir Samsonow?

SCHLAGER: Auch möglich, ein anderer Kandidat sitzt vor Ihnen.

ABENDBLATT: In der Öffentlichkeit wird Ihr Name kaum gehandelt. Woran liegt das?

SCHLAGER: Ich denke, das ist nur die deutsche Sicht, das deutsche Problem. In unserem Nachbarland sieht man es wohl nicht so gerne, wenn ein Österreicher erfolgreich ist. Nur wenn man übermenschliche Leistung bringt, dann wird das vielleicht auch vom großen Bruder in Deutschland honoriert. Aber das ist eine andere Geschichte.

ABENDBLATT: Dann zurück zu dieser Geschichte: Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein?

SCHLAGER: Sportlich bin ich sicher einer von zehn Spielern, die Weltmeister werden können. Jeder, der etwas von Tischtennis versteht, weiß, daß ich für den Titel in Frage komme. Aber das hat auch viel mit Glück zu tun.

ABENDBLATT: Was hat sich für Sie verändert seit Paris?

SCHLAGER: Vieles. Das Interesse an meiner Person ist deutlich gestiegen, man zollt mir großen Respekt in meiner Heimat, und vor allem wird der Sport nun ernst genommen. Früher waren wir als Bretterlschupferl verschrieen, nun wird Tischtennis als Sport akzeptiert und respektiert. Auch das Fernsehen zieht mit. Nach der EM hat der Verteidigungsminister angerufen und zu den Medaillen gratuliert. Zudem ist meine Verantwortung als Weltmeister gegenüber dem Sport größer geworden.

ABENDBLATT: Sind Sie in Österreich ein Volksheld geworden?

SCHLAGER: Ich kann noch auf die Straße gehen und werde zwar oft, aber eben nicht permanent erkannt. Und das ist auch in Ordnung: Solch ein Bekanntheitsgrad wie der von Thomas Muster oder Hans Krankl wäre nichts für mich.

ABENDBLATT: Sie gelten am Tisch als der beste Taktiker.

SCHLAGER: Ich habe sicher den großen Vorteil, daß mein Spiel sehr variabel und vielseitig ist und ich deshalb sehr viele Möglichkeiten habe, mehr als andere. Tischtennis ist aber so komplex, daß man selber nicht genau weiß, warum man zu einem bestimmten Zeitpunkt einen bestimmten Ball spielt. Während der Ballwechsel überlegt man nicht viel, das meiste passiert intuitiv, es sind Automatismen, die ablaufen. Das macht das Spiel ja so liebenswert.

ABENDBLATT: Alles Kopfsache?

SCHLAGER: Es sind nur Nuancen, die über den Sieg entscheiden, ein Millimeter vielleicht, Zehntelsekunden. Spiele ich einen riskanten Aufschlag und punkte, sagen alle: Genial! Klappt es nicht, sagen alle: Was ist der Schlager doch bloß für ein Trottel! Es ist ein schmaler Grat zwischen Volksheld und dem Depp der Nation.

ABENDBLATT: Wobei Sie häufiger als andere der Held sind, vor allem in den entscheidenden Phasen spielen Sie sehr gut. Sind Sie entspannter als andere?

SCHLAGER: Bei 9:9 im entscheidenden Satz geht einem einiges durch den Kopf. Du überlegst, welchen Aufschlag du nun machst, wie der Gegner darauf reagieren könnte und so weiter. Ich versuche immer so zu spielen, als stünde es 0:0 in der ersten Runde der niederösterreichischen Meisterschaften. Andererseits darfst du auch nicht zu entspannt sein.

ABENDBLATT: Entspannt ist auch nicht Ihr Verhältnis zu den deutschen Fans: Viele halten Sie für arrogant und unfreundlich.

SCHLAGER: Ich weiß. Viele stecken mich nach dem ersten Blick in eine Schublade. Wenn diese Leute sich die Mühe machen würden, mich kennenzulernen, dann wüßten sie, daß es nicht so ist. Aber ich kann auch nicht zu jedem hingehen, der der Meinung ist, daß der Schlager ein Depp ist, und ihn vom Gegenteil überzeugen. Wir Österreicher sind eben nicht gerade die Beliebtesten in Deutschland. Manch einer freut sich, wenn der Schlager früh ausscheidet. In Deutschland bin ich bei vielen Tischtennis-Fans der böse, unsympathische Österreicher.

ABENDBLATT: Und was halten Sie als Österreicher vom Deutschen Timo Boll?

SCHLAGER: Jeder muß seinen eigenen Weg gehen, und ich möchte nicht über den seinen urteilen, aber er wird dem deutschen Sport sicher noch viele schöne Stunden bescheren. Man muß aber auch respektieren, daß Tischtennis ein sehr komplexer und teilweise unberechenbarer Sport ist. Deshalb sollte man ihn nicht in den Himmel loben, wenn er gewinnt, und den Stab nicht über ihn brechen, wenn er verliert.

ABENDBLATT: Zum Abschluß: Bitte vervollständigen Sie folgenden Satz: Werner Schlager wird Weltmeister, weil . . .

SCHLAGER: . . . im Tischtennis nichts unmöglich ist. Leider ist immer auch nichts möglich. Das ist die Krux an der Sache.

Interview: TOBIAS SCHALL

 

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