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Sport

Dopingskandal um Sprint-Star Kelli White

Leichtathletik: Der Doppel-Weltmeisterin droht jetzt der Verlust ihrer Goldmedaillen.

Saint-Denis. Es war schon recht spät geworden am Sonnabendabend, und Boris Henry hätte eigentlich Ruhe gebraucht für seinen Wettkampf anderntags, aber sein starker Arm war jetzt für Wichtigeres gefragt als fürs Speerwerfen. Als seine Freundin Kelli White zur Pressekonferenz schritt, da versuchte Henry ihr durch Handauflegen Mut zu machen. Es war ein schwerer Gang, schwerer als jeder Lauf, den White in ihrem 26-jährigen Leben zu bestehen hatte, und es war ein Gang in die Offensive. Ja, sie habe bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Paris vor dem 100-m-Lauf Provigil eingenommen, weil sie an Narkolepsie leide und ihr Arzt Brian Goldman das vor ein paar Monaten verschrieben habe. Und nein, sie sei sich keiner Doping-Schuld bewusst, weil der enthaltene Wirkstoff Modafinil (siehe Im Gespräch S. 2), der nach dem Rennen in der Urinprobe der Goldmedaillengewinnerin nachgewiesen wurde, nicht auf der Liste verbotener Mittel aufgeführt sei. "Ich weiß, dass ich kein Unrecht begangen habe und mir keinen Vorteil verschaffen wollte." Dass die US-Sprinterin es, wissentlich oder nicht, dennoch getan hat, steht für den Weltverband IAAF fest. "Das Präparat muss auch entsprechend der jetzigen Dopingliste als verwandte Substanz angesehen werden", erklärte Arne Ljungqvist, Vorsitzender der Medizinischen Kommission. Die Leichtathletik habe deshalb beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) darauf hingewirkt, den "Wachmacher" Modafinil noch vor den Sommerspielen 2004 in Athen zu bannen. Doch noch ist man sich selbst innerhalb der IAAF uneinig, wie der Wirkstoff zu bewerten ist. Wird er der Gruppe der Amphetamine zugerechnet, würde das eine sofortige Zweijahressperre nach sich ziehen - White wäre nicht nur ihren Sprinttitel los, sondern müsste auch ihre am Donnerstag gewonnene Goldmedaille über 200 m zurückgeben. Ist Modafinil dagegen mit dem weicheren Ephedrin gleichzusetzen, würde White zwar der 100-m-Titel aberkannt; jedoch käme sie mit einer Verwarnung davon. Die zweite Medaille könnte sie behalten, falls der entsprechende Dopingtest negativ ausfalle. Am Abend kam die für White zunächst erlösende Nachricht: Wenigstens die Dopingprobe nach dem 200-m-Lauf war negativ. Dennoch sagte IAAF-Generalsekretär Istvan Gyulai: "Man kann nicht am Sonntag gedopt sein und am Donnerstag eine Medaille gewinnen." Er deutete damit an, dass White beide Medaillen verlieren könne. Bei der Pressekonferenz offenbarte White erstaunliche Gedächtnislücken. "Ich habe es genommen, um ich mich gut zu fühlen." Wie oft in den vergangenen drei Monaten? "Unregelmäßig, ein paarmal." Warum sie das Medikament vor dem Dopingtest nicht auf dem Formular deklarierte, wo sie doch alle anderen Präparate sorgfältig aufgelistet habe, will jemand wissen. "Nach einem Wettkampf ist es schwer, sich an alles zu erinnern, was man den Tag über so eingenommen hat." Gelächter. Kelli White sitzt da, scheinbar teilnahmslos wie nach ihrem 200-m-Sieg. Eben noch wurde sie als Lichtgestalt gefeiert, jetzt liegt ihr Schatten auf der ganzen WM. Ihre eigene Zukunft ist im Dunklen. "Ich werde hart dafür kämpfen, meine Goldmedaillen zu behalten", sagt sie. Das US-Team entschied sich vorsorglich, White in der Sprintstaffel nicht einzusetzen. Die Französinnen siegten knapp. In ihrer Familie habe es Fälle von Narkolepsie gegeben, sagt White. Ihr selbst hätten die Symptome - Müdigkeit tagsüber, Schlaflosigkeit nachts - sehr zu schaffen gemacht. Alle Tests in diesem Jahr seien okay gewesen. Dopinglisten, sagt White, seien für Athleten schwer zu verstehen. Überzeugend wirkt sie nicht. Vielleicht würde sie es, wenn sie sich nicht schon einmal am Rande der Legalität bewegt hätte. Vor einem Jahr fiel sie bei einem Wettkampf in Paris mit einem Kortikoid auf. In Frankreich, wo rigidere Dopingvorschriften gelten, wurde sie darauf für ein halbes Jahr von Wettkämpfen ausgeschlossen. Die WM wäre nicht betroffen gewesen. Diesmal bleibt White kaum Hoffnung. "Wenn es ein Dopingfall wird - und dafür sprechen viele Indizien -, verliert sie ihre Medaillen", stellt IAAF-Generalsekretär Istvan Gyulai klar. Ljungqvist sieht den Fall auch als Bestätigung der Anti-Doping-Strategie des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF: "So traurig wir über diesen Fall sind: Er zeigt, dass unser Kontrollsystem funktioniert."

 

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