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Sport

Boxen: Der Hamburger Profistall Arena baut sich ein neues Deutschland-Standbein - im Duisburger Gym von Exweltmeister Graciano Rocchigiani

"Wenn man sich prügelt, dann muss es sich lohnen"

Abendblatt:

Herr Rocchigiani, Sie haben vor einigen Monaten davon geträumt, ein eigenes Box-Unternehmen aufzubauen. Ihr schickes neues Gym in Duisburg blieb dann aber leer. Warum hat es nicht so geklappt, wie Sie es sich vorgestellt hatten?

Graciano Rocchigiani:

Es gab einfach zu wenig Sportler, die zur Verfügung standen. Ich habe nur einen Sponsor und kann deshalb keine großen finanziellen Angebote machen wie andere Promoter in Deutschland. Und wenn man das nicht kann, dann ist man nicht attraktiv. Ich habe das vielleicht etwas unterschätzt.



Abendblatt:

Nun sollen Sie das deutsche Standbein des Hamburger Arena-Stalls werden. Ist es wahr, dass das Angebot von Arena-Chef Ahmet Öner Sie davor bewahrt hat, Ihr Gym zu schließen?

Rocchigiani:

Es war schon so, dass ich mit dem Gedanken gespielt habe, den Laden dichtzumachen. Arena ist für mich wie ein kompletter Neustart. Darüber bin ich sehr froh. Ich trainiere mit dem Cruisergewichtler Herbie Hide und dem Weltergewichtler Selcuk Aydin zwei Weltklasse-Leute. Die haben richtig was auf dem Kasten, da muss ich nur ein wenig feilen, und dann werden wir Erfolge haben. Die beiden können bald Weltmeister sein.



Abendblatt:

Arena-Chef Ahmet Öner gilt als ähnlich sturer Charakter wie Sie. Ist da Streit nicht programmiert, wenn es nicht so läuft wie erwartet?

Rocchigiani:

Ich kenne Herrn Öner noch nicht so gut, um das beurteilen zu können. Wir wollen beide den maximalen Erfolg. Und da werden wir auch Konflikte aushalten. Bisher hat er alles gehalten, was er versprochen hat.



Abendblatt:

Ist es ein Problem für Sie, dass Sie sich in eine neue Abhängigkeit begeben, wo Sie doch vom eigenen Unternehmen geträumt hatten?

Rocchigiani:

Nein, gar nicht. Es geht mir auch nicht um Abhängigkeit oder darum, allein etwas auf die Beine zu stellen. Ich hätte mir auch vorstellen können, mit meinem Bruder Ralf, der in Berlin Trainer ist, gemeinsam etwas zu machen. Das Geschäft mit Arena ist für beide Seiten doch eine praktische Lösung. Ich bekomme gute Sportler, und Arena bekommt einen guten Trainer.



Abendblatt:

Was zeichnet Sie denn als guten Trainer aus? Nur, dass Sie selbst ein exzellenter Boxer waren?

Rocchigiani:

Ich denke schon, dass ich als Vorbild ganz gut tauge. Ich kenne das Geschäft, ich weiß, was die Jungs brauchen und wie sie ticken. Und ich kann eine Menge Geschichten erzählen, um ihnen zu verdeutlichen, was gut für sie ist und was nicht. Ich versuche natürlich, meinen Jungs Werte wie Pünktlichkeit, Fleiß und Disziplin zu vermitteln. Aber die, die Profi werden wollen und das Zeug dazu haben, wissen das meist von selbst. Die haben den Respekt, den man braucht, um ganz nach oben zu kommen. Am schlimmsten sind die, die nichts auf dem Kasten haben und dann schlecht reden oder sich schlecht benehmen. Die machen einen fertig.



Abendblatt:

Was die Disziplin betrifft, dürften Sie als Vorbild auch nicht alle überzeugen, immerhin saßen Sie lange wegen verschiedener Delikte im Gefängnis.

Rocchigiani:

Aber gerade das kann auch hilfreich sein, schließlich weiß ich aus eigener Erfahrung, wovor ich warne.



Abendblatt:

Das heißt, viele fragen Sie immer noch, wie es so war im Knast?

Rocchigiani:

Natürlich. Das wird auch immer so sein.



Abendblatt:

Und es stört Sie nicht, dass viele in Ihnen immer noch den tumben Schläger sehen, sogar Angst vor Ihnen haben?

Rocchigiani:

Nein, das stört mich nicht, ich mache mir nichts mehr daraus, wie die Leute über mich reden oder denken. Wer mich kennt, der mag mich. Und mit wem ich nicht kann, der ist mir egal. Ich glaube auch nicht, dass viele Angst vor mir haben.



Abendblatt:

Was sagen Sie denn Ihren Jungs, wenn die Sie nach dem Knast fragen?

Rocchigiani:

Ich sage jedem: Bau keine Scheiße, damit du da nicht hinmusst. Jeder Tag im Gefängnis ist ein verlorener Tag. Aber ich sage auch: Manchmal kann man es eben nicht vermeiden, dass man mit dem Gesetz in Konflikt gerät.



Abendblatt:

Bereuen Sie es, dass Sie im Gefängnis waren?

Rocchigiani:

Ich sage es so: Geschadet hat mir die Denkpause vielleicht nicht, aber natürlich hätte ich sie mir lieber erspart. Allerdings gebe ich zu, dass ich die Zeit, die ich gesessen habe, insgesamt verdient hatte. Zwar nicht für manche Dinge, für die ich letztlich verurteilt wurde, aber dafür bin ich auch für manchen Unsinn, den ich getrieben habe, nicht erwischt worden. Eins will ich jedoch einmal klar festhalten: Ich sehe mich rückblickend nicht als Kriminellen.



Abendblatt:

Sind Sie denn heute geläutert, haben Sie Ihre Emotionen besser im Griff?

Rocchigiani:

Ich denke schon. Ich rate heute meinen Jungs, dass sie lieber einmal mehr weghören sollen als sofort drauflosschlagen. Wenn man sich prügelt, dann muss es sich auch lohnen. Das hat mir früher gefehlt, dass mir mal einer gesagt hat, wo es langgeht. Im Erfolg klopfen einem alle auf die Schultern, und dann wird man schnell größenwahnsinnig. Das ging auch mir so. Und deshalb sehe ich meine Aufgabe auch darin, meinen Sportlern Bodenhaftung zu geben.



Abendblatt:

Wer Sie bei Kämpfen Ihrer Schützlinge am Ring erlebt, kann schnell das Gefühl bekommen: Da sitzt einer in der Ecke, der am liebsten selbst kämpfen würde.

Rocchigiani:

Nein, nein, diese Zeit ist absolut vorbei. Das weiß ich, und das will ich auch so. Aber natürlich fiebere ich mit meinen Jungs. Das ist doch normal, wenn man gemeinsam für ein Ziel arbeitet, dass man da emotional voll drinsteckt. Ich schicke ja keine Leute in den Ring, die mir egal sind, nur um damit mein Geld zu verdienen. Die Jungs sind wie meine Kinder, ihre Kämpfe sind eine Herzensangelegenheit für mich. Das sieht man mir an.



Abendblatt:

Glauben Sie, dass es Ihren Sportlern hilft, wenn der Trainer manchmal aufgeregter ist als sie selbst?

Rocchigiani:

Ich glaube, dass man das immer ausprobieren muss, ob man zueinanderpasst. Manche wird das vielleicht stören, andere finden es gut. Ich muss ja für mich selbst erst einmal herausfinden, welcher Weg der beste ist. Und ich muss ja auch erst beweisen, dass ich als Weltklasse-Sportler auch ein großer Trainer werden kann.



Abendblatt:

Haben Sie jemals mit dem Gedanken gespielt, das Boxgeschäft zu verlassen?

Rocchigiani:

Nein, nie. Ich habe 30 Jahre lang geboxt, was sollte ich anderes machen? Ich habe nichts anderes gelernt, und mir macht das Boxen Spaß, weil es das ist, was ich am besten kann. Und einfach nur rumhängen, das wäre nichts für mich gewesen.



Abendblatt:

Obwohl Sie es könnten, nachdem Sie vor ein paar Jahren eine Millionenklage gegen den Weltverband WBC gewonnen haben, oder?

Rocchigiani:

Dazu sage ich gar nichts. Das ist meine Privatsache. Ich weiß, dass viele Leute darüber reden, aber das ist mir egal. Was auf dem Konto ist oder nicht, geht niemanden etwas an.



Abendblatt:

Würden Sie sich nach allem, was Sie im Leben erfahren haben, als glücklichen Menschen bezeichnen?

Rocchigiani:

Ja, ich beklage mich nicht, denn ich stehe auf der Sonnenseite des Lebens. Allerdings dauert es manchmal, bis man so etwas begreift. Das war auch bei mir so. Aber jetzt weiß ich es, und dafür bin ich dankbar.Interview: Björn Jensen

 

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