23.12.08

Laufen: Viel schneller geht's nicht mehr

Der Mensch am Limit

Der 100-Meter-Weltrekord von Usain Bolt kann noch um 21 hundertstel Sekunden unterboten werden, sagt ein US-Forscher voraus. Dann seien die physikalischen Grenzen des Körpers erreicht. Demnach werden Männer den Marathon nie unter zwei Stunden schaffen.

Foto: Reuters
Die schnellsten Füße der Welt: Usain Bolt im Startblock.

Hamburg. Es war der Abend des 16. August 2008. In Peking herrschten in den letzten Stunden vor Mitternacht immer noch Temperaturen um 25 Grad Celsius, kein Wind wehte. Auf der Kunststoffbahn des Olympiastadions tänzelte Usain Bolt mit entspannter Miene, herunterhängenden Armen, halb offenen, goldenen Schuhen und einer Geste, die zwischen Lässigkeit und Größenwahn schwankte, über die Ziellinie des 100-Meter-Finales, während seine Konkurrenten aus Trinidad und den USA mit verzerrten Gesichtern ihre letzten Schritte in den federnden Boden stampften. Die drei Ziffern der digitalen Zeitmessung, die neben Bolts imposanter Gestalt aufleuchteten, entlockten den 91 000 Zuschauern einen Aufschrei aus Verzücken und Verwunderung: 9,69 Sekunden - neuer Weltrekord, drei Hundertstel schneller als der alte, den er seit dem 31. Mai hielt. Dabei hatte sich der damals 21 Jahre alte Jamaikaner seinem ersten von drei Olympiasiegen eher joggend denn sprintend genähert, 20 Meter vor dem auf ihn zukommenden Triumph das Tempo aus seinem Lauf genommen und sich durchs Ziel trudeln lassen.

"Er hätte 9,55 Sekunden laufen können, wenn er bis zum Ende des Rennens voll durchgezogen hätte", rechnete später der norwegische Physiker Hans Eriksen nach intensivem Studium der Fernsehbilder hoch. 9,55 Sekunden - in dieser Zeit sahen Wissenschaftler vor zwei Jahrzehnten den Grenzbereich menschlicher Leistungsfähigkeit. Und glauben wir jetzt dem amerikanischen Biologen Professor Mark W. Denny, wird niemand die 100 Meter jemals schneller als 9,48 Sekunden sprinten. "Das Ende der Steigerungsmöglichkeiten ist in Sicht. Mehr geben Muskeln, Sehnen und Bänder nicht her", sagte Denny der Deutschen Presse-Agentur. Noch 21 Hundertstel bis zur Ewigkeit. Bolt mag gespürt haben, warum er frühzeitig die Bremse ziehen musste. Viele Weltrekorde, und nur die zahlen sich bei Sponsoren und Veranstaltern in Dollar und Euros aus, wird er in seiner Karriere nicht mehr rennen können.

Denny stützt sich bei seiner Vorhersage auf Langzeitstudien, in denen er die Siegerzeiten bei Pferde- und Windhundrennen, von Sprintern, Lang- und Mittelstreckenläufern analysierte. Austrainierte Pferde und Hunde, so der 57-Jährige, liefen bereits über kurze und lange Strecken am Limit, der Mensch dagegen habe noch etwas Potenzial. Zwischen einem Prozent über 400 Meter und fünf Prozent über 5000 Meter ließe sich die Durchschnittsgeschwindigkeit verbessern (siehe Tabelle rechts oben). Selbst die ältesten Weltrekorde der Leichtathletik seien nur gering steigerungsfähig. 1985 rannte die Rostockerin Marita Koch die 400 Meter in 47,60 Sekunden, 1983 die Tschechin Jarmila Kratochvilova die 800 Meter in 1:53,28 Minuten. Beide Zeiten sind nicht über jeden Verdacht erhaben, nachweisen konnten Dopingkontrolleure Koch und Kratochvilova die Einnahme verbotener Substanzen jedoch nicht.

Wie nah sich der Mensch bereits an seinen mutmaßlichen körperlichen Beschränkungen bewegt, machen Dennys Prognosen zum Marathon deutlich. Niemandem traut er zu, weniger als zwei Stunden für die 42,195 Kilometer zu benötigen - bei 2:00:47 Stunden sei der Mensch am Limit.

Gegen diese Endzeit-Stimmung könnten jene 21 Weltrekorde sprechen, die bei den Olympischen Spielen in Peking im Schwimmen aufgestellt wurden, darunter sieben des US-Amerikaners Michael Phelps. Zwei Faktoren erschweren allerdings die Einschätzung dieser Leistungen: Material und Medizin. Ein neuer Hightech-Badeanzug des australischen Ausrüsters Speedo sorgt seit diesem Jahr für mehr Auftrieb im Wasser, ob aber zusätzlich bestimmte Wirkstoffe einen erhöhten inneren Antrieb schufen, konnte in den Labors des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) bislang nicht festgestellt werden.

Welche Rolle das Material im Spitzensport spielt, zeigt exemplarisch die Entwicklung des Stundenweltrekords im Bahnradfahren. Als der legendäre Italiener Fausto Coppi 1942 im Mailänder Velodrom in 60 Minuten 45,871 Kilometer fuhr, schrie sein Betreuer vor Begeisterung: "Kein sterblicher Mensch wird jemals diesen Rekord schlagen!" 14 Jahre dauerte es, bis der nicht minder berühmte Franzose Jacques Anquetil 288 Meter mehr zurücklegte. Heute hält der Tscheche Ondrej Sosenka mit 49,700 Kilometern die Bestmarke - mit einem Rad auf dem technischen Stand des Jahres 1972. Diese Ausrüstung hat der Weltverband UCI vorgeschrieben. Mit modernstem Material kommt der Mensch inzwischen weiter. Der Engländer Chris Boardman schaffte vor zwölf Jahren 56,375 Kilometer, sieben mehr als mit einem herkömmlichen Untersatz vier Jahre später.

Der Sportmediziner Klaus-Michael Braumann ist Professor an der Universität Hamburg. Er hält die Untersuchungen des Amerikaners Mark Denny in der Tendenz für richtig. "Wir nähern uns der Nulllinie", sagt Braumann. Wo diese genau liege, sei aber Spekulation, "ein nettes Spiel, das sich regelmäßig wiederholt". Die wichtigsten Fragen für die Wissenschaft seien, "welcher Typ von Athlet reagiert wie auf welche Trainingsreize, wie ist das richtige Verhältnis zwischen Belastung und Entlastung, welche Energiezufuhr, welche Form der Ernährung ist optimal?" In diesen Bereichen seien viele Antworten noch offen - und damit auch gezielte Möglichkeiten zur Leistungssteigerung. Braumann: "Ob wirklich kein Mensch den Marathon unter zwei Stunden laufen kann, das wäre für mich heute nicht abschließend entschieden."

Marathonläufer sind von Natur aus eher leicht und klein. Lasse sich auf der Welt jedoch ein großer Athlet finden, so Braumann, der zugleich ausdauernd ist, könne dieser aufgrund seiner größeren Schrittlänge möglicherweise in neue Dimensionen rennen. Ähnliches gelte für die Sprinter. Ein Usain Bolt, 1,96 Meter groß, hatte selbst in Peking Schwierigkeiten, auf den ersten zehn Metern in Tritt zu kommen. Beim Start lag er aufgrund seiner schwachen Reaktionszeit nur an vorletzter Stelle. Trainer Glen Mills will seinen Schützling deshalb im nächsten Jahr auf die 400 Meter schicken. "Von seinen körperlichen Voraussetzungen, seiner Kraft und Ausdauer müsste er für die Stadionrunde geradezu prädestiniert sein", sagte Mills in Peking dem Abendblatt.

Maximal 42,73 Sekunden hält Denny über 400 Meter für möglich.

Das wäre rund eine halbe Sekunde schneller als der aktuelle Weltrekord des US-Amerikaners Michael Johnson. Bolt könnte dem Professor einen Strich durch seine Berechnungen machen.

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