Boxen: Ein Leberhaken beendet den Kampf - und wohl auch Krasniqis Karriere
"Die Schmerzen waren höllisch"
Dimitrenko siegt in der dritten Runde - und darf sich jetzt auf einen WM-Kampf gegen Klitschko freuen.
Foto: AP
Düsseldorf. Eins galt es noch zu klären in dieser Nacht, in der kaum Fragen offen geblieben waren. Und so reichte Alexander Dimitrenko um 0.45 Uhr am Sonntagmorgen im kargen Presseraum des Burg Wächter Castello Luan Krasniqi seine rechte Hand mit den Worten: "Es ist im Vorfeld viel gesagt und geschrieben worden. Ich will dir sagen: Ich habe persönlich überhaupt nichts gegen dich." Krasniqi blickte kurz verstört, griff jedoch sofort zu und sagte "Das weiß ich, Sascha."
Eine Stunde zuvor im Ring hätte dem 37 Jahre alten Schwergewichtler aus dem Hamburger Universum-Stall eine derart freundliche Geste seines elf Jahre jüngeren Stallkollegen wesentlich mehr geholfen. Dort hatte ihm Dimitrenko sechs Sekunden vor Ende der dritten Runde die linke Hand gegeben - allerdings mit derartiger Härte und Präzision auf die Leber, dass für Krasniqi nicht nur das stallinterne Duell beendet war, sondern mit einiger Wahrscheinlichkeit auch seine Berufsbox-Karriere.
Mit schmerzverzerrtem Gesicht hatte er noch versucht aufzustehen, doch der krachende Einschlag auf der rechten Körperhälfte hatte seine Wirkung nicht verfehlt. "Ich bin zum ersten Mal durch Leberhaken k. o. gegangen. Die Schmerzen waren höllisch", sagte Krasniqi. Ringarzt Dr. Christoph Goetz erklärte: "Die Leber ist von einer Kapsel umgeben. Wird sie genau getroffen, setzt mit wenigen Sekunden Verzögerung ein extremer Schmerz ein, der zu Sauerstoffmangel führt. Der Sportler hat das Gefühl, nicht mehr atmen zu können." Dimitrenko sagte: "Ich hätte erwartet, dass der Kampf länger dauert. Aber als ich gesehen habe, dass es ein Leberhaken war, wusste ich, dass Luan nicht mehr aufstehen würde."
Als "letzte Chance" war Krasniqis 35. Profikampf deklariert worden, und nach der brutalen Niederlage, seiner vierten, muss man wohl konstatieren, dass der Weg in die Weltspitze, die immer der Anspruch des im Kosovo geborenen Schwaben war, für ihn nicht mehr gangbar sein wird. Es liegt in der Natur der Sache, dass weder Krasniqi noch Universum-Chef Klaus-Peter Kohl ein endgültiges Urteil fällen wollten. Bedenkzeit sei jedem zugestanden, und wer die ersten beiden Runden erlebt hatte, der konnte nachvollziehen, dass Kohl sagte: "Heute hat jeder gesehen, dass Luan kein alter Mann ist."
Der Herausforderer boxte aggressiv, versuchte, den mit 2,01 Meter Körperlänge neun Zentimeter größeren und mit 116,5 Kilogramm 14 kg schwereren Rivalen mit dem rechten Cross zum Kopf zu attackieren. Er wirkte physisch bestens präpariert und psychisch stabil. Und doch steht am Ende eine klare Schlappe, die, verbunden mit der verheerenden K.-o.-Niederlage vom Juli 2007 gegen den US-Amerikaner Tony Thompson, den Schluss nahe legen muss, dass der Traum vom WM-Titel ein Traum bleiben wird. "Für Luan ist das letzte Wort nicht gesprochen", sagte zwar Trainer Walentin Silaghi, doch dieses letzte Wort sollte "Karriereende" lauten, bevor der Sympathieträger Gefahr läuft, einer dieser vielen Boxer zu werden, die den richtigen Zeitpunkt zum Abschied verpassen.
Für Dimitrenko kann die Karriere nun richtig beginnen. Der Ukrainer, der mit seinem 29. Sieg im 29. Kampf seinen WBO-Interkontinental-Titel verteidigte, wird beim Weltverband WBO als Pflichtherausforderer von Doppel-Champion Wladimir Klitschko geführt. Dieser tritt zunächst am 13. Dezember in Mannheim zur Pflichtverteidigung seines IBF-Titels gegen Hasim Rahman (USA) an. Sollte sich im Frühjahr 2009 die Chance ergeben, würde Dimitrenko zugreifen. "Ich fühle mich bereit und glaube, dass ich Weltmeister werden kann", sagte der gläubige Christ, der beim Walk-in und vor Kampfbeginn Gebete gesprochen hatte.
Universum-Chef Kohl weiß allerdings, dass nicht nur die Verhandlungen mit dem Klitschko-Lager schwierig werden. Vor allem muss der perfekt deutsch sprechende, aber etwas hölzern wirkende Dimitrenko nun dem deutschen Boxfan schmackhaft gemacht werden. "Sascha ist noch kein Held. Das Volk macht den König", sagte Kohl.
Wie die Sympathien bislang verteilt sind, wurde in Düsseldorf deutlich, wo 95 Prozent der 4500 Fans den Jura-Studenten ausbuhten. Das habe ihn zusätzlich motiviert, sagte Dimitrenko zwar, gab jedoch zu: "Natürlich wünsche ich mir, dass irgendwann die Fans mich genau so anfeuern."







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