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Sport

Rudern: Mit Hightech nach Peking

Wenn Big Brother mit an Bord ist

Ratzeburg. Der Bootssteg schaukelt bedenklich, als Martin und Jochen Kühner, Bastian Seibt und Jost Schömann-Finck ihr Fahrzeug zu Wasser lassen. Aus sicherer Entfernung lässt Trainer Uwe Bender den Blick über den aufgepeitschten Ratzeburger See schweifen und legt die Stirn in Falten. "Diese Schaumkronen sind schon grenzwertig." Nicht für die Segeljollen, die an diesem Mittwochmorgen auf dem Gewässer kreuzen. Aber für ein Rennruderboot? Bereits beim Abstoßen vom Steg schwappt die erste Welle herein, die vier Athleten stöhnen auf. Wenig später geht ein Platzregen nieder.

Es ist nicht leicht, Ruderer zu sein. Das Training ist hart, der Ruhm gering, und Geld gibt es nicht. Nur ein großes Ziel: Olympia. Und das lässt keine Zeit, auf besseres Wetter zu warten. Eine Woche ist es noch bis zur Qualifikationsregatta in Poznan, und wenn der deutsche Leichtgewichtsvierer als eines von zwölf Booten Platz eins oder zwei belegt, ist er in Peking dabei.

Seibt ist zuversichtlich: "Wir haben im Weltcup bewiesen, dass wir zur Weltspitze gehören." Ruhe auszustrahlen, die Balance zu wahren, das ist als Bugmann die Aufgabe des 30-Jährigen vom Hamburger und Germania-Ruder-Club. "Hinten dichtmachen", wie die Ruderer sagen. Keine leichte Übung in einem gut zwölf Meter langen, nur 50 kg schweren Hightech-Torpedo, der jeden Fehler bestraft.

Damit möglichst wenige passieren, gibt es Menschen wie Mark Amort. Mittels modernster Messtechnik analysiert der Trainingswissenschaftler vom Olympiastützpunkt Hamburg/Schleswig-Holstein Schlagstruktur und Leistungsdaten des Nationalkaders. Dazu bringt er an verschiedenen Stellen im Boot Sensoren an. Über Monitore erhält die Besatzung sofort Aufschluss über Schlagwinkel, Stemmbrettkraft oder Rollsitzgeschwindigkeit. Die Ergebnisse fließen dann ins Techniktraining der Athleten ein. Bisweilen dienen sie auch dazu, die stärksten auszuwählen. Big Brother an Bord.

20 solcher mobilen Messsysteme gibt es in Deutschland. "Damit sind wir weltweit führend", sagt Amort. Die Technologie geht auf eine Entwicklung der früheren DDR-Entwicklungsabteilung für Sportgeräte zurück. Sie firmiert heute als Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) und hat den deutschen Rennvierer im Strömungskanal entwickelt. "Dieses Boot ist ein Unikat", schwärmt Teammanager Renko Schmidt, "wissenschaftlich wohl das fortschrittlichste Boot weltweit."

Schätzungsweise mehr als 100 000 Euro Material- und Entwicklungskosten hat das neue Modell verschlungen. Die Rumpfkonstruktion aus einhundert Prozent Kohlefaser ist für das traditionsbewusste Rudern geradezu eine Revolution. Dazu kommen Details wie die aerodynamisch geformten Ausleger, die in Polen die entscheidenden Zehntel bringen sollen.

Die Optik jedenfalls stimmt - und auch darauf kann es ankommen. Seibt hat festgestellt, dass die Konkurrenz mit einer Mischung aus Neid und Ehrfurcht auf das schwarze Gefährt blickt: "Psychologisch sind wir damit klar im Vorteil."leo

 

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