Profiboxen: Kampf abgesagt
Vitali Klitschko an Bandscheibe operiert
Trotz der erneuten Verletzung will der 36-jährige Ukrainer an seinen Comeback-Plänen festhalten.
Kitzbühel. Seine größte Angst, so hatte es Vitali Klitschko in der vergangenen Woche im Trainingslager im österreichischen Going gesagt, sei die vor Verletzungen. Schneller als erwartet hat diese Furcht den 36 Jahre alten Boxprofi eingeholt. Das Comeback des Ukrainers, der seine Karriere im November 2005 wegen dauerhafter körperlicher Beschwerden beendet hatte, ist vorbei, bevor es richtig begonnen hat. Wegen eines Bandscheibenvorfalls musste der für 22. September in der Münchner Olympiahalle geplante Aufbaukampf gegen den US-Amerikaner Jameel McCline abgesagt werden.
Klitschko hatte sich am Sonnabendmorgen in der zum Boxgym umfunktionierten Tennishalle des Promi-Hotels "Stanglwirt" eingefunden, um mit seinem Trainer Fritz Sdunek die Früheinheit zu absolvieren. "Wir wollten zum Aufwärmen Tischtennis spielen, und Vitali hat sich dafür ein wenig gelockert. Plötzlich machte er eine falsche Drehung und konnte sich kaum bewegen", schildert Sdunek die dramatischen Sekunden. Unter großen Schmerzen wurde der deprimierte 2,02-Meter-Hüne von Sdunek und seinem Hamburger Physiotherapeuten Mike Kiekseier in sein Hotelzimmer gebracht. "Ich habe ihn dort untersucht und ihn überredet, ins Krankenhaus zu gehen", sagte Kiekseier. Im Bezirkshospital von St. Johann stellten die Ärzte nach dem Röntgen einen Bandscheibenvorfall fest. Klitschko wurde in die Universitätsklinik Innsbruck eingeliefert, wo er am Abend operiert wurde.
"Die Operation ist sehr gut verlaufen. Schon am Sonntag konnte er aufstehen und zur Toilette gehen. Gestern hat er gesagt: ,Es geht mir so gut, ich könnte sofort zum Training kommen!'", sagte Sdunek. Die Fakten sehen anders aus: Klitschko, der am Sonntag Besuch seines fünf Jahre jüngeren Bruder Wladimir, IBF-Weltmeister im Schwergewicht, erhielt, kann das Hospital wohl am Donnerstag verlassen. Im Falle eines optimalen Heilungsverlaufes könnte er in vier Wochen ins Training einsteigen. "Wir werden in der kommenden Woche in Hamburg mit der Reha beginnen", sagte Kiekseier. In den nächsten vier Monaten soll, nach Zurateziehen von Rückenspezialisten, eine Entscheidung über das weitere Vorgehen erfolgen.
Dass er einen erneuten Comeback-Anlauf starten möchte, daran ließ der frühere Weltmeister der Verbände WBO und WBC keinen Zweifel. "Ich habe in den vergangenen Wochen gemerkt, dass mir das Boxen gefehlt hat und dass ich es noch kann", sagte er. Tatsächlich hatte er im Sparring einen hervorragenden Eindruck hinterlassen, sich athletisch und technisch in eindrucksvoller Form präsentiert und sich auch außerhalb des Rings locker wie selten gezeigt. "Deshalb ärgere ich mich so sehr, dass er wieder verletzt ist. Es war Wahnsinn, wie gut er drauf war", so Sdunek.
Dennoch sind Zweifel an der Richtigkeit der Comeback-Entscheidung berechtigt. Der Körper des Musterathleten, der seinen letzten Kampf im Dezember 2004 in Las Vegas gegen den Briten Danny Williams gewann, ist in den vielen Jahren seiner Kickbox-, Amateur- und Profiboxkarriere ramponiert worden. Die Liste der schweren Verletzungen ist lang: Schulteroperation im April 2000, Kreuzbandriss im Juli 2001, Bandscheiben-OP links im Juli 2002, Rücken-OP im Juli 2005, vier Monate später ein erneuter Kreuzbandriss plus Innenmeniskusschaden, der Klitschko zum vorläufigen Karriereende zwang.
Dennoch glaubt auch Klitschkos Manager Bernd Bönte nicht, dass der erneute Rückschlag das Aus bedeutet. "Die neue Verletzung rührt nicht aus Vorschädigungen, sie ist an einer neuen Stelle aufgetreten. Das ist Pech. Aber Vitali war so gut drauf, dass er seine Karriere so nicht beenden möchte." Vom Plan, nach dem Kampf gegen McCline sofort um den WBC-WM-Titel zu boxen, wolle man nur insoweit abrücken, als es den Kampf gegen den Amerikaner nicht geben wird.
"Es bleibt eine Option, dass Vitali nach seiner Genesung sofort um die WM boxt. Dieses Recht hat ihm der Weltverband WBC zugesprochen", sagte Bönte. Tatsächlich hatte Klitschko zuletzt den Eindruck hinterlassen, sich vor keinem der beiden möglichen Weltmeister - Titelinhaber Oleg Maskajew aus Russland kämpft am 6. Oktober in New York gegen den Nigerianer Samuel Peter - fürchten zu müssen. Der härteste Gegner, das ist nicht erst seit Sonnabend klar, ist ohnehin sein eigener Körper.







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