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Sport

Doping-Skandal: Die Geständnisse der Profis Erik Zabel und Rolf Aldag erschüttern mehr als nur den Radsport

"Wir dachten, dass man uns nicht erwischen kann..."

93 Minuten lang packten die beiden aus: warum sie verbotene Mittel nahmen, welche es waren und von wem sie sie bekamen. Doch ob auch Jan Ullrich gedopt hat, wissen sie angeblich nicht.

Bonn. Fast 50 Objektive schauen gierig auf die vier Männer, die pünktlich um 11.30 Uhr das T-Mobile-Forum in Bonn betreten, sie verfolgen jeden Schritt, jede Regung. 200 Journalisten sind in die Zentrale des Telekommunikationsriesen gekommen, die hergerichtet ist wie bei einer Jahreshauptversammlung der Aktiengesellschaft. In der Front des großen Saals hängen ein riesiger Flachbildschirm und zwei magentafarbene T-Mobile-Logos. Hostessen reichen Häppchen, das Licht ist gedämmt, Stühle und Tische sind synchron aufgebaut, alles wirkt steril, fast unnatürlich sauber.

Doch dieses Bild täuscht. 93 Minuten später hat es erneut gelitten, diese lange vorherrschende Bild vom sauberen Sport in Deutschland, erneut ist schmutzige Wäsche gewaschen worden. Erik Zabel, der noch aktive Radprofi, Rolf Aldag und Bob Stapleton, Sportlicher Leiter und Chef des T-Mobile-Teams, sowie Sprecher Christian Frommert haben den Doping-Skandal im Radsport um ein erstaunliches Kapitel erweitert. Die beiden Freunde Zabel und Aldag haben ebenfalls gestanden, während ihrer Karriere Dopingmittel eingenommen zu haben. "Die Konsequenzen werden weiträumig sein, da wird kein Stein auf dem anderen bleiben", hat Zabel eine Ahnung davon, dass er soeben Sportgeschichte geschrieben hat, nur eben nicht auf dem Fahrrad, sondern als reuiger Sünder.

Nicht nur ARD und ZDF sind live auf Sendung, als Aldag sich offenbart, eine ganze Armee elektronischer Medien hat sich zugeschaltet. Üblicherweise ist der Westfale rhetorisch gewitzt, ein lustiger Kerl, aber jetzt ist seine Stimme brüchig, oft stockt seine freie Rede. Der 38-Jährige erzählt, wie er Radprofi wurde im Jahr 1991, beim kleinen Schweizer Team Helvetia, dann 1993 zum neu gegründeten Rennstall Team Telekom kam, und dann beginnt sie, seine Beichte.

Das neue Team wartete lange auf Erfolge, vorzeigbare Siege. Dann irgendwann, 1994, habe es einen Schlüsselmoment gegeben: "Bei einer Rundfahrt waren wir wieder abgehängt worden, saßen mit vier Leuten auf irgendeinem Gehsteig." Danach habe er "aktiv nachgefragt nach Dopingpräparaten, Epo hauptsächlich". Epo, Erythropoietin, das die Gentechnik eigentlich für Nierenkranke entwickelt hatte, um rote Blutkörperchen anzureichern, kursierte damals als wahres Wundermittel im Radsport, als Raketentreibstoff für steile Anstiege und ewig lange Zeitfahren. "Es gab diese Gerüchte", berichtet Aldag, "und natürlich wollte ich Erfolg haben, da habe ich mich für Doping entschieden." Das hört sich einfach an, aber sein unsicherer Blick verrät, wie schwierig diese Entscheidung war.

Er bekam Epo, erzählt Aldag, "zuerst von Jeff, dann auch aus Freiburg". Jeff, das ist der Belgier Jeff D'Hondt, sein damaliger Masseur im Team Telekom, dem Vorläufer des heutigen T-Mobile-Rennstalls. D'Hondt hatte mit seinen Enthüllungen Ende April jene Welle von Doping-Geständnissen losgetreten. "Freiburg" ist das Kürzel für die Universitätsklinik Freiburg; die beiden dort tätigen Sportmediziner Lothar Heinrich und Andreas Schmied, die seit 1993 für den Rennstall Telekom arbeiteten, hatten bereits am Mittwochabend gestanden, den Radprofis illegale Präparate verabreicht zu haben, und sie wurden daher gestern von der Klinik suspendiert. "Aber ich habe es immer selbst injiziert", betont Aldag, nicht die Ärzte. !(t großteil,<) "1997 hatte ich erstmals ein schlechtes Gewissen", berichtet Aldag, bis dahin galt der Grundsatz, bei ihm und auch bei den anderen Profis: "Ich kann nicht erwischt werden." Es habe keinerlei Kontrollmöglichkeit gegeben. Erst anno 2002, in Vorbereitung auf die Tour de France, beendete Aldag die Einnahme von Epo-Präparaten. Damals hatte er das Medikament im Internet bestellt, "auf dubiosen Wegen", wie er selbst nachdenklich anmerkt; und als er die Fläschchen auspackte und sah, dass das Präparat in ein Fläschchen abgefüllt war, das vorher Augentropfen beinhaltet hatte, "da war mir klar: Das ist lebensgefährlich, was du machst". Danach habe er nicht mehr alles riskiert und die "Karriere ganz gut" zu Ende gebracht. "Jetzt ist genug, jetzt steht die Familie im Vordergrund." Und dann, nach dieser langen Geschichte, kommt endlich festen Blickes der wichtigste Satz. Dieser Satz, der die Reue des Sünders untermauert: "Ich entschuldige mich noch mal für die Lügerei, und für die Doperei."

Dann ist Zabel an der Reihe. Während Aldag, sein bester Freund aus der Radsportszene, noch bemerkenswert sachlich geblieben ist, wird das Geständnis des besten deutschen Sprinters aller Zeiten emotionaler, tränenreich. Der 38 Jahre alte Sprinter, der aktiv ist für den Rennstall Milram, erzählt seine Geschichte, wie er 1992 Radprofi wurde und sich wunderte über die Szene, ebenfalls von Beginn an, referiert zunächst seine positive A-Probe aus dem Jahr 1994, die von einer Sitzcreme herrührte. Er wurde damals freigesprochen vor dem Sportgericht. Aber er habe damals von dem positiven Test in der Zeitung zu lesen, sagt Zabel, "das war so, als ob ich meine Todesanzeige in der Zeitung lese".

Zwei Jahre, versichert Zabel, sei er dann sauber geblieben, aber als vor der Tour 1996 die Gerüchte in der Szene kursierten, "dass man ohne Dopingmittel nicht erfolgreich sein konnte", entschloss auch er sich zu einer "Epo-Kur". Nach der ersten Woche bei der Tour aber habe er diese Kur beendet. "Ich hatte eine erhöhte Körpertemperatur, einen niedrigeren Ruhepuls morgens", berichtet Zabel, und immer wieder rotierten diese bohrenden Fragen in seinem Kopf: "Was kann passieren? Wache ich am nächsten Morgen noch auf?" Die Einnahme von Epo nämlich verdickte das Blut, ließ es manchmal verklumpen, und wenn die Sportler nicht genug Flüssigkeit zu sich nahmen in der Nacht oder die Beine an die Wände legten, um die Durchblutung anzuregen, drohten Thrombosen. Davon wusste jeder Radprofi. Es gab viele Berichte von Kollegen, die so fast zu Tode gekommen waren.

Damit war für Zabel 1996 Schluss, sagt er: "Ich brauchte immer eine Einheit von Körper und Geist, um gute Rennen zu fahren. Ich habe zu Jeff gesagt: Wir beenden die Sache für immer." Und auch er bittet die Öffentlichkeit, seine Radfahrerkollegen, seine Freunde und seine Familie unter Tränen um Entschuldigung: "Ich habe gelogen und abgestritten, es tut mir leid."

Immer habe er gehofft, "dass der Sport sich selber reinigt". Damals habe das Kontrollsystem große Lücken aufgewiesen, im Grunde aber, so die Erkenntnis des noch aktiven Profis, "ist die Situation heute nicht anders". Und dann stockt Zabels Rede für lange Sekunden, bevor er von seinem Sohn erzählt. "Er fährt selbst mit Leidenschaft Rad", sagt er mit stierem Blick, erst nach einem aufmunternden Klaps Aldags fährt er fort. "Ich möchte nicht, dass diese Jungs, wenn einer in den Leistungssport kommen sollte, eine ähnliche Situation wie ich damals vorfinden." Später sagt er: "Wenn ich einen Wettbewerbsvorteil erworben habe, dann bin ich bereit, die Konsequenzen zu tragen." 1996, im Jahr seiner Epo-Kur, hatte er als bester Sprinter das Grüne Trikot bei der Tour de France gewonnen. Zu ihrem Kapitän Jan Ullrich, der seine Unschuld beteuert, obwohl D'Hondt ihm ebenfalls Doping vorwarf, wollen beide nichts sagen. Sie wüssten schlicht nicht, ob auch er gedopt habe, versichern sie.

Der Telekom-Konzern werde mit dem geläuterten Aldag weiterarbeiten, erklärt Bob Stapleton später, und einen Neuanfang mit jungen Fahrern starten. Doch diese Erklärung geht fast schon unter nach diesen abenteuerlichen Berichten, die für den Radsport der 1990er-Jahre ein Bild des Horrors zeichnen.

Am Ende wirken Aldag und Zabel erleichtert, die Beichte scheint eine eine große Last von ihren Schultern genommen zu haben. Für einen kurzen Moment lächelt Aldag sogar, bevor er den Saal verlässt.

 

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