Eine Botschafterin der Freiheit
Premiere: Zum ersten Mal nimmt eine Afghanin an Olympischen Spielen teil
Hamburg. Wer in Afghanistan zu jenen Privilegierten mit eigenem Fernsehgerät zählt, muss heute sehr viel Tee aufbrühen: Das Wohnzimmer könnte zum kleinen Kinosaal mutieren. Erstmals nach 1976 in Moskau tritt das einst von der Sowjetunion und später von den Taliban geknechtete Land wieder bei Olympischen Spielen an. Und zum ersten Mal in der Geschichte überhaupt nimmt eine Frau aus Afghanistan am Weltfestival im Zeichen der Ringe teil. Von Stolz beseelt, wird die Leichtathletin Robina Muqimyar (18) heute die schwarz-rot-grüne Flagge in das Olympiastadion tragen.
Was islamistischen Bedenken-trägern und Mitläufern des entmachteten Regimes Albträume bereitet, wirkt auf die junge Generation als Signal der neuen Zeit. "Mit meiner Olympia-Teilnahme will ich eine Botschaft der Freiheit in meine Heimat senden", sagte die Athletin gestern via Handy zum Abendblatt. In Allianz mit ihren olympischen Mitstreitern, der Judoka Friba Razayee und vier männlichen Sportlern aus den Sparten Sprint, Boxen und Wrestling, wird die Schülerin dem Geist Coubertins frisches Leben einhauchen. Teilnehmen ist alles - dieser uralte Gedanke ist unverändert jung.
Denn mehr als Mitlaufen ist für Robina Muqimyar nicht drin: Auch wenn der persönliche Rekord von 15:06 Sekunden hierzulande in jedem Sportverein getoppt wird, ist die Leistung gar nicht hoch genug einzuschätzen. Wer bedenkt, dass die achtzehnjährige Athletin daheim in Kabul die sechste Klasse besucht (weil Mädchen dort bis vor zwei Jahren nichts zu suchen hatten!), ahnt die Probleme.
Trainiert wurde auf der Zementpiste des Olympiastadions in Kabul. Während Robina dort unbeschwert ihre Runden drehte, kann Trainer Amiri vergangene Horrorszenarien schwer aus dem Hirn verbannen: In Zeiten der Taliban-Diktatur fanden in dieser Arena Hinrichtungen missliebiger Menschen statt. Immer freitags. Schädel wurden mit Steinen zermalmt; Gliedmaßen wurden abgehackt.
Gut für Robina und ihre sieben Geschwister, dass Vater Jamalluddin, Textilkaufmann, ebenso wie die Mutter, Besitzerin eines Kosmetiksalons, das Freiheitsdenken der Kinder fördern, der Freizeitsport wird begrüßt. Zu Hause sind Jeans, Lippenstift und offene Haare gestattet. Die alte Garde knurrt ob dieser Sitten, kuscht aber. Nachbarn tuscheln dennoch, und im lokalen Radio durfte der Ober-Mullah gegen die Olympia-Starterinnen zetern, die ihren Körper "der nicht-gläubigen Welt ungeschützt präsentieren" würden.
"Robinas Beispiel wird Schule machen und Frauen in Afghanistan Mut bescheren", weiß der Hamburger Kaufmann Fahim Yusufzai (32), Olympiabotschafter (www.nocafghanistan.com) seines Heimatlandes für Deutschland und die USA. Er besuchte Robina und Co. vor dem Abflug nach Athen und fand bei Staatspräsident Karzai enorme Unterstützung für die sportliche Mission. Der dreimonatige Trainingsaufenthalt in Griechenland, für alle ein Trip in eine andere Welt, wurde vom IOC und den Gastgebern finanziert - um auch armen Ländern die Teilnahme zu garantieren.
Robina hat emsig trainiert. Allein ihr Start über 100 Meter am 20. August beweist: Allahu akbar! Allah ist groß! Auch wenn Zeus seine olympische Tochter gerne mit offener Haarpracht sehen würde, wird sie wohl mit Kopftuch laufen. Selbst wenn in Athen Träume mitlaufen und Robina es der Welt zeigen möchte, will sie daheim keinen provozieren. Viel wichtiger: Robina Muqimyar hat schon gewonnen. Und alle sehen zu.














