"Ich kämpfe weiter"
Boxen: Zuckerschock? Wladimir Klitschko sucht nach Gründen für K.-o.-Niederlage gegen Lamon Brewster - und schließt einen Rücktritt aus.
Las Vegas. Lachen klang durch den Raum, das Stimmengewirr deutete auf eine rege Unterhaltung unter Bekannten hin, die sich Nettes zu erzählen hatten. Unbeteiligte Besucher, die am Ostersonnabend kurz vor Mitternacht im "Raffles Cafe" im Mandalay Bay Hotel von Las Vegas speisten, hätten kaum geglaubt, dass neben ihnen die Verantwortlichen des Hamburger Universum-Boxstalls saßen und den Niedergang ihres einstigen Zugpferdes Wladimir Klitschko analysierten.
Wenige Stunden zuvor war die Karriere des 28 Jahre alten Ukrainers zertrümmert worden von Lamon Brewster, einem acht Kilogramm leichteren und 15 Zentimeter kleineren US-Amerikaner, der nun neuer WBO-Weltmeister im Schwergewicht ist. Wladimirs Traum, den Titel, den er im März 2003 an den Südafrikaner Corrie Sanders verloren hatte, zurückzuerobern, war geplatzt. Das Ziel verfehlt, gemeinsam mit seinem Bruder Witali, der am 24. April in Los Angeles gegen Sanders um die WBC-Krone boxt, Weltmeister zu sein.
Klitschko war nach dem Kampf von seinem konsternierten Bruder zur Vorsorgeuntersuchung ins University Medical Center gebracht worden. Nach wenigen Stunden kehrte er zur Dopingprobe zurück. Am Sonntagnachmittag, nach zehneinhalb Stunden Schlaf und kurz vor seiner Rückreise ins Trainingscamp nach Los Angeles, gab Klitschko eine Erklärung ab. "Ich habe mich ab Mitte der ersten Runde schlapp gefühlt. Meine Knie waren wie Gummi. Ich kann mir das alles nicht erklären", sagte er zum Abendblatt. Ans Aufhören denke er jedoch nicht. "Ich boxe weiter, nach so einem Kampf werde ich meine Karriere nicht beenden."
Vielleicht muss er aber genau das tun. Wie Witali Klitschko dem US-Internetdienst boxingtalk.net sagte, hätte ein Bluttest bei seinem Bruder einen vierfach erhöhten Zuckerwert ergeben: "Und da sind noch andere Dinge, die nicht normal waren." Die Blutanalyse soll in zwei Tagen abgeschlossen sein. Jean-Marcel Nartz, technischer Leiter von Universum und selbst Diabetiker, sagte: "Die Zuckerwerte können in Stress-Situationen stark ansteigen, das muss keine Diabetes sein. Allerdings wäre das eine Erklärung für den Einbruch."
Klitschko hatte den Kampf souverän begonnen und sich von den überfallartigen Angriffen Brewsters nicht beirren lassen. Mit seinem stechenden linken Jab hielt er Brewster auf Distanz, mit der rechten Geraden setzte er nach. Doch bereits in der zweiten Runde war die taktische Marschroute einerlei. Dem boxerisch limitierten Brewster war es gelungen, mit einem linken Haken zu Wladimirs Kopf durchzukommen.
Fortan war die Angst in dessen aufgerissenen Augen zu sehen, das Trauma des Knock-outs gegen Sanders war wieder gegenwärtig. Der Ukrainer verlor die Ruhe, vergeudete durch unkoordinierte Schläge und unnötiges Wegschieben des Gegners Kraft und war schon nach der vierten Runde, in der Brewster angezählt wurde, ausgepumpt. Als sein Kontrahent gut erholt zur fünften Runde aus der Ecke kam, war alles aus: Mit mehreren Linken zum Kopf machte der US-Kämpfer seinen Widerpart, der mit hängender Deckung und ausdruckslosem Gesicht rückwärts taumelte, kampfunfähig. Ringrichter Robert Byrd brach das Duell mit dem Ende der fünften Runde ab. 10 000 Fans im nicht ganz ausverkauften Mandalay Bay Convention Center, die anfangs zu Klitschko gehalten hatten, feierten Brewster.
Im Universum-Lager gab man sich ob der Zukunft Klitschkos offiziell zurückhaltend. Promoter Klaus-Peter Kohl: "Wladimir hat stark begonnen, und dann hat er völlig überpaced. So wie in der fünften Runde habe ich ihn noch nie boxen sehen. Ich hätte nicht geglaubt, dass er die Fehler aus seinen vorangegangenen Niederlagen noch einmal wiederholen würde."
Was Kohl nicht sagte: Auch wenn er es nicht geglaubt hat, geahnt hatte er es sehr wohl. Zwischen ihm und den Klitschko-Brüdern schwelt seit Monaten ein Streit um neue Verträge, der zuletzt in einer Feststellungsklage der Boxer gegen ihren Promoter und der Gründung der Veranstaltungsagentur "K2", in der die Klitschkos Mitinhaber sind, gipfelte. Kohl, der stets sein Credo, jeder solle sich auf das konzentrieren, was er kann, betonte, darf sich bestätigt fühlen. Dem Vertragsstreit mit den Brüdern kann er nach Wladimirs Pleite noch gelassener entgegenblicken.
Die teilweise unverhohlen zur Schau gestellte Schadenfreude im Universum-Lager ließ tiefer blicken, als es jedes offizielle Statement hätte tun können. Die Trennung von den Klitschkos scheint in den Köpfen einiger bereits abgeschlossen. Zu viel Porzellan haben die Brüder durch ihr Streben nach mehr Geld, mehr Einfluss, mehr Eigenständigkeit zerschlagen.
Don King war es vorbehalten, das eigenwilligste Resumee zu ziehen. Der Promoter von Lamon Brewster sagte: "Ich wusste, dass Wladimir verliert, denn er hat gegen zwei Gegner gekämpft - gegen Brewster und gegen seinen Promoter Klaus-Peter Kohl."







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