06.09.12Paralympics 2012
Neumünsterin Bruhn ist nicht nur im Becken ein Vorbild
Kirsten Bruhn hat ihre paralympische Karriere mit einer Goldmedaille beendet. Von der Bildfläche verschwindet die 42-Jährige dennoch nicht.
Von Christian Müller und Holger Schmidt
Foto: Getty Images/Getty
Kirsten Bruhn gewann Gold in London
London. Wenn Kirsten Bruhn in das Becken steigt und sich unermüdlich durch das Wasser wühlt, gerät selbst Deutschlands schwimmendes Traumpaar ins Staunen. "Ich schwimme öfter mal mit Britta Steffen oder Paul Biedermann. Sie fragen mich, wie kann man so lange schwimmen, nur mit Armen? Sie versuchen sich dann auch reinzuversetzen, nehmen die Ferse an den Po, aber es geht einfach nicht", sagte die 42-Jährige aus Neumünster, die seit einem Motorradunfall 1991 auf der griechischen Insel Kos inkomplett querschnittsgelähmt ist.
Bruhn macht Steffen, Doppel-Olympiasiegerin 2008, und Biedermann, Doppel-Weltmeister von 2009, aber nicht nur in technischer Hinsicht etwas vor. Denn die viermalige Weltmeisterin auf der langen Bahn fischte am Mittwoch bei den Paralympics in London in ihrem letzten Rennen bei Sommerspielen für Behindertensportler Gold über 100 m Brust aus dem Becken des Aquatics Center. Steffen, Biedermann und Co. war dagegen bei den Olympischen Spielen komplett leer ausgegangen.
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Für Bruhn war es nach 2004 in Athen und 2008 in Peking der dritte paralympische Triumph in ihrer Paradedisziplin, in der sie auch den Weltrekord in ihrer Klasse hält. Obwohl die Norddeutsche schon vor ihrem Unfall Leistungssport betrieb, war der Weg zu diesen Erfolgen alles andere als selbstverständlich. "Es war schwer für mich, zu realisieren, dass ich ein Mensch mit Behinderung bin, vielleicht sogar zweiter Klasse", sagte Bruhn.
Dem ersten Anlauf, mit der Behinderung wieder ins Becken zu steigen, folgte eine lange Pause. "Elf Jahre habe ich geschlafen. Heute weiß ich, das war zu lange. Aber vielleicht habe ich das gebraucht", sagte sie. Außer Frage steht, dass sich der Dornröschenschlaf gelohnt hat. "Als ich 2002 angefangen habe, hatte ich schnell das Gefühl, nicht einfach nur zu existieren, sondern auch zu leben. Aber so eine Karriere hätte ich mir nicht erträumt", sagte Bruhn.
Bei ihrer paralympischen Premiere 2004 in Athen heimste sie neben der goldenen noch drei weitere Medaillen ein, vier Jahre später nahm sie fünf Plaketten aus Peking mit nach Hause. In London gewann sie zudem noch Silber über 100 m Rücken. In der Summe macht das drei goldene sowie jeweils vier silberne und bronzene Medaillen bei Paralympics.
Doch für die Schleswig-Holsteinerin zählt nicht bloß der sportliche Erfolg, ihr geht es auch um die Vermittlung von Botschaften. "Ich kann nur jedem sagen, dass er etwas aus sich machen muss. Egal in welcher Profession, man muss seine Grenzen immer wieder erkunden, das ist was uns immer wieder antreibt", sagte Bruhn. Dass das Leben als Behinderter nicht schlechter, sondern anders ist, will Bruhn auch durch das Kinoprojekt "Gold - Du kannst mehr, als Du denkst" verbreiten. Die Filmpremiere ist für das kommende Frühjahr angesetzt.
Doch die Norddeutsche, die auch als Botschafterin der gemeinnützigen Organisation "Weißer Ring" fungiert, bleibt neben ihrer Rolle als gesellschaftliche Aufklärerin auch sportlich am Ball. Zum Abschluss ihrer Karriere will sie noch bei der WM 2013 in Kanada und den internationalen deutschen Meisterschaften in Berlin 2014 angreifen. Danach wolle sie schauen, ob sie "dem einen oder anderen einen Tipp geben kann, vielleicht sogar am Beckenrand." Möglicherweise ja auch Steffen und Biedermann.
Die 150 deutschen Athleten in London:
Bogenschießen (4 – 2/2): Matthias Alpers (Zeven), Maria Droste (Niedernberg), Katharina Schett (Dillingen), Maik Szarszewski (Illertissen)
Fechten (1 – 0/1): Simone Briese-Baetke (Dittwa
Gewichtheben (1 – 1/0): Mario Hochberg (Gotha)
Judo (5 – 3/2): Carmen Brussig (Schwerin), Ramona Brussig (Lachen), Sebastian Junk (Plankstadt), Matthias Krieger (Neckarsulm), Oliver Upmann (Hörstel)
Leichtathletik (33 – 14/19): David Behre (Leverkusen), Reinhold Bötzel (Hannover), Marie Brämer- Skowronek (Magdeburg), Marianne Buggenhagen (Bernau), Siena Christen (Freital), Wojtek Czyz (Kaiserslautern), Laura Darimont (Köln), Sebastian Dietz (Herford), Michaela Floeth (Schlitz), Isabelle Foerder (Eisenach), Ali Ghardooni (Magdeburg), Katrin Green (Oklahoma City/USA), Maike Hausberger (Butzweiler), Frances Herrmann (Lübbenau), Ulrich Iser (Sangerhausen), Birgit Kober (München), Vanessa Low (Leverkusen), Sandra Mast (Dornstetten), Mathias Mester (Köln), Claudia Nicoleitzik (Völklingen-Wehrden), Heinrich Popow (Leverkusen), Markus Rehm (Leverkusen), Jana Schmidt (Klocksin), Matthias Schröder (Berlin), Marc Schuh (Bergisch Gladbach), Matthias Schulze (Leipzig), Maria Seifert (Erfurt), Tamira Slaby (Essen), Niels Stein (Berlin), Frank Tinnemeier (Lemgo), Thomas Ulbricht (Salzwedel), Martina Willing (Brandenburg), Ilke Wyludda (Halle/Saale)
Radsport (15 – 10/5): Kerstin Brachtendorf (Riva/Gardasee/ITA), Hans-Peter Durst (Dortmund), Tobias Graf (Loßburg), Henrike Handrup (Wuppertal), Bernd Jeffré (Barmissen), Vico Merklein (Babenhausen), Norbert Mosandl (Neumarkt), Wolfgang Sacher (Penzberg), Denise Schindler (Richmond/CAN), Michael Teuber (Dietenhausen), Dorothee Vieth (Hamburg), Steffen Warias (Tübingen), Max Weber (Obergünzburg), Erich Winkler (Geisenhausen), Andrea Eskau (Bergheim)
Reiten (5 – 1/4): Hannelore Brenner (Wachenheim), Britta Näpel (Wonsheim), Angelika Trabert (Dreieich), Lena Weifen (Bösel), Steffen Zeibig (Arnsdorf)
Rudern (5 – 3/2): Tino Kolitscher (Halle/Saale), Astrid Hengsbach (Hagen), Kai- Kristian Kruse (Hamburg), Anke Molkenthin (Ainring-Hammerau), Johannes Schmidt (Offenbach)
Schwimmen (21 – 10/11): Kirsten Bruhn (Wasbek), Christoph Burkard (Zimmern-Horgen), Annke Conradi (Regensburg), Tanja Gröpper (Düsseldorf), Niels Grunenberg (Berlin), Sebastian Iwanow (Leverkusen), Julia Kabus (Berlin), Elena Krawzow (Bamberg), Andre Lehmann (Werder/Havel), Lucas Ludwig (Berlin), Swen Michaelis (Leipzig), Tobias Pollap (Hattingen), Christiane Reppe (Berlin), Torben Schmidtke (Potsdam), Maike Naomi Schnittger (Preußisch-Oldendorf), Verena Schott (Berlin), Daniela Schulte (Berlin), Martin Schulz (Leipzig), Daniel Simon (Berlin), Vera Thamm (Haltern am See), Stefanie Weinberg (Leipzig)
Segeln (4 – 4/0): Heiko Kröger (Jersbek), Jens Kroker (São Paulo/BRA), Siegmund Mainka (Borken), Robert Prem (Berlin)
Sitzvolleyball (10 – 10/0): Herren: Sebastian Czpakowski (Wuppertal), Stefan Hähnlein (Leverkusen), Christoph Herzog (Leipzig), Thomas Renger (Dormagen), Barbaros Sayilir (Leverkusen), Torben Schiewe (Nienhagen), Alexander Schiffler (Leipzig), Peter Schlorf (Berlin), Jürgen Schrapp (Leverkusen), Heiko Wiesenthal (Koblenz)
Schießen (8 – 6/2): Norbert Gau (Erdweg), Frank Heitmeyer (Bad Essen), Natascha Hiltrop (Heringen), Josef Neumaier (Altötting), Leopold Rupp (Berlin), Andreas Schäfers (Altenbeken), Jan Michael Schaub (Stadtallendorf), Manuela Schmermund (Niederaula)
Tennis (2 – 0/2): Sabine Ellerbrock (Bielefeld), Katharina Krüger (Berlin)
Tischtennis (12 – 11/1): Thomas Brüchle (Lindau), Werner Burkhardt (Bayreuth), Selcuk Cetin (Bad Kreuznach), Stephanie Grebe (Heidgraben), Jan Gürtler (Berlin), Dietmar Kober (Bischberg), Thomasz Kusiak (Köln), Holger Nikelis (Köln), Thomas Rau (Fehmarn), Thomas Schmidberger (Viechtach), Thorsten Schwinn (Münster), Jochen Wollmert (Stuttgart)
Basketball (24 – 12/12): Damen: Mareike Adermann (Essen), Annabel Breuer (Birkenhard), Annegrit Brießmann (Einhausen), Britt Dillmann (Gießen), Heike Friedrich (Obernburg), Maria Kühn (Stuttgart), Maya Lindholm (Hamburg), Marina Mohnen (Köln), Edina Müller (Hamburg), Gesche Schünemann (Gießen), Johanna Welin (München), Annika Zeyen (Hennef). Herren: André Bienek (Castrop-Rauxel), Thomas Böhme (Wettenberg), Thomas Gundert (Neuwied), Jan Haller (Wetzlar), Mathias Heimbach (Stadtbergen), Sercan Ismail (München), Dirk Köhler (Wetzlar), Andreas Kreß (Niedernberg), Björn Lohmann (Köln), Sebastian Magenheim (München), Dirk Passiwan (Konz), Sebastian Wolk (Frankfurt/Main)