02.09.12

Paralympics 2012 in London

Gold für "Trostspender" Wollmert - Brenners Blackout ohne Folgen

Tischtennis-Ass Jochen Wollmert hat bei den Paralympics in London erst die Goldmedaille und dann die Herzen des britischen Publikums erobert.

Foto: dapd/DAPD
Tischtennis-Ass Jochen Wollmert hat bei den Paralympics in London erst die Goldmedaille und dann die Herzen des britischen Publikums erobert.
Tischtennis-Ass Jochen Wollmert hat bei den Paralympics in London erst die Goldmedaille und dann die Herzen des britischen Publikums erobert

London. Vom "Spielverderber" zum "Trostspender": Tischtennis-Ass Jochen Wollmert hat bei den Paralympics in London erst die Goldmedaille und dann die Herzen des britischen Publikums erobert. Das erste deutsche Gold des Wochenendes hatte kurz zuvor Hannelore Brenner im Dressur-Vierreck geholt. "Das ist einfach traumhaft. Beide haben im richtigen Moment ihre Leistung abgerufen", sagte Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS).

Wenige Stunden bevor Starläufer Oscar Pistorius (Südafrika) das Olympiastadion im Finale über 200 m zum Kochen bringen wollte, gab es zudem Silber für den gemischten Ruder-Vierer mit Steuerfrau und Bronze für Tischtennis-Spieler Thomas Schmidberger sowie Team-Silber in der Dressur.

Bereits am Sonnabend war Heinrich Popow aus Leverkusen über 200 m trotz Krämpfen zu Bronze gelaufen. Marianne Buggenhagen (Berlin) gewann mit der Erfahrung ihrer 59 Jahre Silber im Kugelstoßen. Die Bronzemedaille über 200 m bejubelte Claudia Nicoleitzik (Püttlingen), nachdem die 22-Jährige zunächst fälschlicherweise disqualifiziert worden war.

In der Dressur gewannen Peking-Siegerin Britta Näpel (Wonsheim) und Angelika Trabert (Dreieich) Silber und Bronze. In Additionen der Werte der beiden Reiterinnen und der Ergebnisse von Brenner und Steffen Zeibig (Dresden), der beim Sieg von Brenner auf dem achten Rang landete, gewann Deutschland am Sonntagabend hinter Großbritannien zudem die Silbermedaille mit der Mannschaft. "Wir haben schon in acht Sportarten Medaillen. Das ist hervorragend", sagte Karl Quade, der deutsche Chef de Mission, dem es besonders der Auftritt von Wollmert angetan hatte.

Der 47-Jährige besiegte in nur 23 Minuten den einheimischen William Bayley und heimste nach 2000 in Sydney und 2008 in Peking seine dritte paralympische Goldmedaille im Einzel - zudem hat er 1996 in Atlanta und 2004 in Athen mit dem Team gewonnen - ein. Doch statt als Spielverderber verpönt zu werden, jubelte ihm das Publikum zu, nachdem er sich rührend um seinen in Tränen aufgelösten Konkurrenten gekümmert und in den Arm genommen hatte.

+++Ruder-Silber und Tischtennis-Bronze für Deutsche bei Paralympics+++

+++Kugel-Silber für Behindertensport-Ikone Buggenhagen+++

"Das war eine tolle Geste. Eine, die man für den Fair-Play-Preis vorschlagen sollte", sagte Quade und lobte zugleich die Leistung Wollmerts: "Es ist faszinierend, wie er es immer wieder schafft, sich zu den Paralympics in Topform zu bringen."

"Das war ein großartiges Match und ein fantastisches Publikum. Es war mein Traum im Finale gegen Will zu spielen", sagte Wollmert, der bereits vor vier Jahren mit seinem Sieg im Finale über Ye Chaoqun einem Lokalmatador den Heim-Erfolg verdorben hatte.

Der querschnittsgelähmte Schmidberger (Plattlingen), der seit seinem vierten Lebensjahr nach einem Autounfall im Rollstuhl sitzt, sicherte sich durch einen 3:1-Erfolg im kleinen Finale seiner Klasse gegen den Franzosen Florian Merrien den dritten Rang. "Die Bronze-Medaille fühlt sich wie Gold an", sagte der 20-Jährige.

Nach Doppel-Gold in Peking vor vier Jahren hatte Brenner, die nach einem Reitunfall vor 26 Jahren im Rollstuhl sitzt, ihren dritten paralympischen Sieg maßgeblich ihrer Stute "Woman of the World zu verdanken. "Ich hatte wegen des Drucks einen kurzen Blackout. Aber zum Glück machte mein Pferd einfach weiter, bis ich wieder zu mir gefunden hatte", sagte die 49-Jährige, die kurzzeitig über die Reihenfolge der Choreographie ins Grübeln geraten war.

Auf dem Dorney Lake konnten Steuerfrau Katrin Splitt (Berlin), Astrid Hengsbach (Herdecke), Anke Molkenthin (Waging), Tino Kolitscher (Halle) und Kai-Kristian Kruse (Hamburg) dem übermächtigen Boot Großbritanniens zwar nicht standhalten, der Jubel war dennoch riesengroß. "Geil. Es war ein tolles Gefühl hier zu rudern. Wir haben Alles gegeben, uns voll ausgepowert und es hat tierisch viel Spaß gehabt", sagte Kolitscher.

Die Paralympics in Zahlen
Die XIV. Paralympics in Zahlen: Die Organisatoren um Mittelstrecken-Legende Sebastian Coe versprechen Paralympics der Superlative. Die "London 2012 Paralympic Games" sollen die größten in der 52-jährigen Geschichte der Behinderten-Weltspiele werden. Die Eckdaten der Paralympics:
4280 Athleten werden in 20 Sportarten an elf Wettkampftagen um insgesamt 503 Goldmedaillen kämpfen. In Peking 2008 waren es noch 3951 Sportler.
Die Rekordzahl von 2,5 Millionen Tickets wurde angeboten. Die Organisatoren rechnen damit, dass die Paralympics zum ersten Mal komplett ausverkauft sein werden.
580 Fackelträger werden die paralympische Flamme auf einem 24-stündigen Lauf getragen haben, wenn diese am Mittwochabend im Olympiastadion in Stratford bei der Eröffnungsfeier ankommt.
166 Nationen wollen teilnehmen. 16 davon geben ihr paralympisches Debüt – zum Beispiel Nordkorea und die Demokratische Republik Kongo.
1513 Frauen sind unter den Teilnehmern, mehr als jemals zuvor bei den 13 vorangegangen Paralympics und mehr als doppelt so viele wie in Barcelona 1992 (700 Teilnehmerinnen).
19 Wettkampfstätten wird es geben, in 17 davon wurde schon während Olympia um Medaillen gekämpft. Hinzu kommen zwei neue: die berühmte Motorsport-Rennstrecke Brands Hatch, wo die Straßenrad-Veranstaltungen stattfinden, und Eton Manor, ein Extra-Komplex im Olympiapark für die Rollstuhl-Tennis-Turniere.
6000 Medienvertreter werden über die Paralympics aus London berichten.
1250 Dopingkontrollen sollen vorgenommen werden. Das ist eine Steigerung um 25 Prozent im Vergleich zu Peking 2008.
15 verschiedene 100-Meter Finals der Männer wird es in dem komplexen paralympischen Klassifizierungssystem mit verschiedenen Behinderungsgraden geben.
In einer Werkstatt sollen 15 000 Ersatzteile bereitliegen, um die Rollstühle, Prothesen und Orthesen für die Athleten schnell reparieren zu können (dpa).
Das deutsche Team für die Paralympics in London
Die 150 deutschen Athleten in London:
Bogenschießen (4 – 2/2): Matthias Alpers (Zeven), Maria Droste (Niedernberg), Katharina Schett (Dillingen), Maik Szarszewski (Illertissen)
Fechten (1 – 0/1): Simone Briese-Baetke (Dittwa
Gewichtheben (1 – 1/0): Mario Hochberg (Gotha)
Judo (5 – 3/2): Carmen Brussig (Schwerin), Ramona Brussig (Lachen), Sebastian Junk (Plankstadt), Matthias Krieger (Neckarsulm), Oliver Upmann (Hörstel)
Leichtathletik (33 – 14/19): David Behre (Leverkusen), Reinhold Bötzel (Hannover), Marie Brämer- Skowronek (Magdeburg), Marianne Buggenhagen (Bernau), Siena Christen (Freital), Wojtek Czyz (Kaiserslautern), Laura Darimont (Köln), Sebastian Dietz (Herford), Michaela Floeth (Schlitz), Isabelle Foerder (Eisenach), Ali Ghardooni (Magdeburg), Katrin Green (Oklahoma City/USA), Maike Hausberger (Butzweiler), Frances Herrmann (Lübbenau), Ulrich Iser (Sangerhausen), Birgit Kober (München), Vanessa Low (Leverkusen), Sandra Mast (Dornstetten), Mathias Mester (Köln), Claudia Nicoleitzik (Völklingen-Wehrden), Heinrich Popow (Leverkusen), Markus Rehm (Leverkusen), Jana Schmidt (Klocksin), Matthias Schröder (Berlin), Marc Schuh (Bergisch Gladbach), Matthias Schulze (Leipzig), Maria Seifert (Erfurt), Tamira Slaby (Essen), Niels Stein (Berlin), Frank Tinnemeier (Lemgo), Thomas Ulbricht (Salzwedel), Martina Willing (Brandenburg), Ilke Wyludda (Halle/Saale)
Radsport (15 – 10/5): Kerstin Brachtendorf (Riva/Gardasee/ITA), Hans-Peter Durst (Dortmund), Tobias Graf (Loßburg), Henrike Handrup (Wuppertal), Bernd Jeffré (Barmissen), Vico Merklein (Babenhausen), Norbert Mosandl (Neumarkt), Wolfgang Sacher (Penzberg), Denise Schindler (Richmond/CAN), Michael Teuber (Dietenhausen), Dorothee Vieth (Hamburg), Steffen Warias (Tübingen), Max Weber (Obergünzburg), Erich Winkler (Geisenhausen), Andrea Eskau (Bergheim)
Reiten (5 – 1/4): Hannelore Brenner (Wachenheim), Britta Näpel (Wonsheim), Angelika Trabert (Dreieich), Lena Weifen (Bösel), Steffen Zeibig (Arnsdorf)
Rudern (5 – 3/2): Tino Kolitscher (Halle/Saale), Astrid Hengsbach (Hagen), Kai- Kristian Kruse (Hamburg), Anke Molkenthin (Ainring-Hammerau), Johannes Schmidt (Offenbach)
Schwimmen (21 – 10/11): Kirsten Bruhn (Wasbek), Christoph Burkard (Zimmern-Horgen), Annke Conradi (Regensburg), Tanja Gröpper (Düsseldorf), Niels Grunenberg (Berlin), Sebastian Iwanow (Leverkusen), Julia Kabus (Berlin), Elena Krawzow (Bamberg), Andre Lehmann (Werder/Havel), Lucas Ludwig (Berlin), Swen Michaelis (Leipzig), Tobias Pollap (Hattingen), Christiane Reppe (Berlin), Torben Schmidtke (Potsdam), Maike Naomi Schnittger (Preußisch-Oldendorf), Verena Schott (Berlin), Daniela Schulte (Berlin), Martin Schulz (Leipzig), Daniel Simon (Berlin), Vera Thamm (Haltern am See), Stefanie Weinberg (Leipzig)
Segeln (4 – 4/0): Heiko Kröger (Jersbek), Jens Kroker (São Paulo/BRA), Siegmund Mainka (Borken), Robert Prem (Berlin)
Sitzvolleyball (10 – 10/0): Herren: Sebastian Czpakowski (Wuppertal), Stefan Hähnlein (Leverkusen), Christoph Herzog (Leipzig), Thomas Renger (Dormagen), Barbaros Sayilir (Leverkusen), Torben Schiewe (Nienhagen), Alexander Schiffler (Leipzig), Peter Schlorf (Berlin), Jürgen Schrapp (Leverkusen), Heiko Wiesenthal (Koblenz)
Schießen (8 – 6/2): Norbert Gau (Erdweg), Frank Heitmeyer (Bad Essen), Natascha Hiltrop (Heringen), Josef Neumaier (Altötting), Leopold Rupp (Berlin), Andreas Schäfers (Altenbeken), Jan Michael Schaub (Stadtallendorf), Manuela Schmermund (Niederaula)
Tennis (2 – 0/2): Sabine Ellerbrock (Bielefeld), Katharina Krüger (Berlin)
Tischtennis (12 – 11/1): Thomas Brüchle (Lindau), Werner Burkhardt (Bayreuth), Selcuk Cetin (Bad Kreuznach), Stephanie Grebe (Heidgraben), Jan Gürtler (Berlin), Dietmar Kober (Bischberg), Thomasz Kusiak (Köln), Holger Nikelis (Köln), Thomas Rau (Fehmarn), Thomas Schmidberger (Viechtach), Thorsten Schwinn (Münster), Jochen Wollmert (Stuttgart)
Basketball (24 – 12/12): Damen: Mareike Adermann (Essen), Annabel Breuer (Birkenhard), Annegrit Brießmann (Einhausen), Britt Dillmann (Gießen), Heike Friedrich (Obernburg), Maria Kühn (Stuttgart), Maya Lindholm (Hamburg), Marina Mohnen (Köln), Edina Müller (Hamburg), Gesche Schünemann (Gießen), Johanna Welin (München), Annika Zeyen (Hennef). Herren: André Bienek (Castrop-Rauxel), Thomas Böhme (Wettenberg), Thomas Gundert (Neuwied), Jan Haller (Wetzlar), Mathias Heimbach (Stadtbergen), Sercan Ismail (München), Dirk Köhler (Wetzlar), Andreas Kreß (Niedernberg), Björn Lohmann (Köln), Sebastian Magenheim (München), Dirk Passiwan (Konz), Sebastian Wolk (Frankfurt/Main)
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