28.08.12

Paralympics

Deutschlands Asse starten "Mission Gold"

Das 150-köpfige Aufgebot des Deutschen Behindertensportbundes (DBS) um Heinrich Popow ist gespickt mit Medaillenhoffnungen.

Foto: dapd/DAPD
Einkleidung der Paralympischen Mannschaft
Er fährt nach London, um Gold zu holen - Heinrich Popow

London. Ob Buckingham Palace, Tower Bridge oder Trafalgar Square - Londons zahlreiche Wahrzeichen dürften für die deutschen Teilnehmer an den Paralympics höchstens als nette Begleiterscheinung taugen. Denn die 150 Vertreter des Deutschen Behinderstensportverbandes (DBS) haben keinen Reiseführer, sondern Medaillenambitionen im Gepäck.

"Ich fahre nicht nach London, um Zweiter zu werden", sagte der Sprinter und Weitspringer Heinrich Popow. Nach Triple-Bronze 2004 in Athen und einmal Silber vier Jahre später in Peking ist der 29-Jährige bereit für den großen Coup: "Es ist einfach der richtige Zeitpunkt, um Gold zu holen."

Dafür bleiben ihm in London aber nur wenige Sekunden "Es geht nur um die 100 m", sagte der linksseitig oberhalb des Kniegelenks amputierte Weltmeister. In der Sprungkuhle wähnt sich Popow trotz seines Erfolgs bei der WM 2011 in Christchurch (Neuseeland) wegen der Zusammenlegung der Unter- und Oberschenkelamputierten chancenlos.

+++Paralympics: Wyludda und Czyz beklagen Prämienregelung+++

Neben Popow geht in der Leichtathletik Marianne Buggenhagen, die von Paralympics bislang neun Gold-, eine Silber- und zwei Bronzemedaillen mitgebracht hat, aussichtsreich an den Start. Nachdem das Internationale Paralympische Komitee (IPC) das Diskuswerfen in ihrer Klasse aus dem Programm genommen hat, kann die querschnittsgelähmte 59-Jährige ihr Medaillenkonto aber lediglich im Kugelstoßen aufstocken. "Ich bin schwer enttäuscht und fühle mich immer noch betrogen", sagte Buggenhagen dem ZDF.

Dagegen tanzt der viermalige Paralympics-Champion Wojtek Czyz auf mehreren Hochzeiten. "Ich möchte bei meiner letzten Teilnahme an den Paralympics unbedingt in jeder meiner Disziplinen eine Medaille gewinnen", sagte der 32-Jährige, der sich in London über die 100 m und im Weitsprung mit Popow messen muss und zudem über die 200 m antritt.

Czyzs Ehrgeiz steht sinnbildlich für die Zielsetzung des DBS. "Wir haben den Anspruch, uns als Topnation zu etablieren", sagte Karl Quade, der bereits zum neunten Mal als deutscher Chef de Mission fungiert. Vom Medaillenspiegel lässt er sich allerdings nicht die Sicht auf die Dinge vernebeln. "Der Maßstab sind persönliche Bestleistungen."

Diese peilt auch Schwimmerin Kirsten Bruhn (42), die bei einem Motorradunfall eine inkomplette Querschnittslähmung erlitt, im Londoner Aquatics Centre an, um wie bereits in Athen 2004 und Peking 2008 eine Goldmedaille aus dem Becken zu fischen. "Bei vier älteren Geschwistern musste ich mich ganz schön durchbeißen", verrät die Wasbekerin einen Teil ihres Erfolgsgeheimnisses.+++

+++Paralympics: Wyludda und Czyz beklagen Prämienregelung+++

Für DBS-Präsident Friedhelm Julius Beuchler sind Bruhn, Czyz und Co. aber nicht bloß Garanten für Spitzenleistungen. "Sie sind unsere Leuchttürme. Gelebte Beispiele von Integration und Vorbilder, wie man mit Schicksalsschlägen umgeht", sagte er. In diese Kategorie fällt auch Ilke Wyludda (43). Nach der Amputation des rechten Unterschenkels im Dezember 2010 startete die Diskuswurf-Olympiasiegerin von 1996 noch einmal richtig durch.

Der DBS belohnte den Fleiß und die stetigen Leistungsteigerungen der Hallenserin mit der Nominierung für die mit 4200 Teilnehmern größten Paralympics der Geschichte. "Das war kein Selbstläufer", sagte Gerhard Bötticher, der Wyludda schon in ihrer ersten Karriere als Trainer zur Seite stand. "Von Medaillen zu reden, wäre etwas vermessen", sagte Wyludda, die in London in ihrer Paradedisziplin und im Kugelstoßen antritt.

Deutlich forscher nimmt Radsportler Michael Teuber, der nach einem Autounfall inklomplett querschnittsgelähmt ist, das Abenteuer Paralympics in Angriff. "Natürlich will ich erneut Gold gewinnen", sagte der 44-Jährige, der bei Paralympischen Spielen schon drei Gold-Fahrten hingelegt hat und neben der Bahn-Verfolgung auch im Straßen-Zetfahren auf Medaillenjagd geht.

Prämienaufstockung durch Deutsche Sporthilfe

Die Deutsche Sporthilfe und der Deutsche Behindertensportverband (DBS) haben die Medaillenprämien für die deutschen Behindertensportler bei den Paralympics angehoben. "Diese erfreuliche Aufstockung ist eine Wertschätzung der sportlichen Leistungen aller Menschen mit Behinderung und somit ein Schritt zu mehr Gleichstellung behinderter und nicht behinderter Menschen", erklärte DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Frankfurt/Main.

Für eine Goldmedaille bei den Paralympics erhalten die deutschen Athleten künftig 7500 statt wie bislang 4500 Euro. Für Silber und Bronze werden 5000 bzw. 3000 statt 3000 und 1500 Euro ausgeschüttet. Beucher bestätigte, dass diese Prämienerhöhung vor allem dank zusätzlicher Gelder der Deutschen Fußball-Liga und der Bundesliga- Stiftung möglich sei. "Diese Entwicklung ist enorm. Daher will ich vor allem Danke sagen, insbesondere Herrn Gaugler von der Bundesliga-Stiftung, der das durch die Bereitstellung erklecklicher zusätzlicher Mittel möglich gemacht hat", meinte Beucher.

"Der Fußball ist in einer öffentlich sehr bevorzugten Position. Deswegen haben wir uns entschieden, zu helfen", erklärte Kurt Gaugler, der Geschäftsführer der Bundesliga-Stiftung. Dass es bei der Prämierung von Olympia- und Paralympics-Teilnehmern so große Unterschiede gibt, hatte zuvor bei den Behindertensportlern Unmut ausgelöst. Zum Vergleich: Olympiasieger erhalten 15 000 Euro Prämie.

Mit Material von sid und dpa

Das deutsche Team für die Paralympics in London
Die 150 deutschen Athleten in London:
Bogenschießen (4 – 2/2): Matthias Alpers (Zeven), Maria Droste (Niedernberg), Katharina Schett (Dillingen), Maik Szarszewski (Illertissen)
Fechten (1 – 0/1): Simone Briese-Baetke (Dittwa
Gewichtheben (1 – 1/0): Mario Hochberg (Gotha)
Judo (5 – 3/2): Carmen Brussig (Schwerin), Ramona Brussig (Lachen), Sebastian Junk (Plankstadt), Matthias Krieger (Neckarsulm), Oliver Upmann (Hörstel)
Leichtathletik (33 – 14/19): David Behre (Leverkusen), Reinhold Bötzel (Hannover), Marie Brämer- Skowronek (Magdeburg), Marianne Buggenhagen (Bernau), Siena Christen (Freital), Wojtek Czyz (Kaiserslautern), Laura Darimont (Köln), Sebastian Dietz (Herford), Michaela Floeth (Schlitz), Isabelle Foerder (Eisenach), Ali Ghardooni (Magdeburg), Katrin Green (Oklahoma City/USA), Maike Hausberger (Butzweiler), Frances Herrmann (Lübbenau), Ulrich Iser (Sangerhausen), Birgit Kober (München), Vanessa Low (Leverkusen), Sandra Mast (Dornstetten), Mathias Mester (Köln), Claudia Nicoleitzik (Völklingen-Wehrden), Heinrich Popow (Leverkusen), Markus Rehm (Leverkusen), Jana Schmidt (Klocksin), Matthias Schröder (Berlin), Marc Schuh (Bergisch Gladbach), Matthias Schulze (Leipzig), Maria Seifert (Erfurt), Tamira Slaby (Essen), Niels Stein (Berlin), Frank Tinnemeier (Lemgo), Thomas Ulbricht (Salzwedel), Martina Willing (Brandenburg), Ilke Wyludda (Halle/Saale)
Radsport (15 – 10/5): Kerstin Brachtendorf (Riva/Gardasee/ITA), Hans-Peter Durst (Dortmund), Tobias Graf (Loßburg), Henrike Handrup (Wuppertal), Bernd Jeffré (Barmissen), Vico Merklein (Babenhausen), Norbert Mosandl (Neumarkt), Wolfgang Sacher (Penzberg), Denise Schindler (Richmond/CAN), Michael Teuber (Dietenhausen), Dorothee Vieth (Hamburg), Steffen Warias (Tübingen), Max Weber (Obergünzburg), Erich Winkler (Geisenhausen), Andrea Eskau (Bergheim)
Reiten (5 – 1/4): Hannelore Brenner (Wachenheim), Britta Näpel (Wonsheim), Angelika Trabert (Dreieich), Lena Weifen (Bösel), Steffen Zeibig (Arnsdorf)
Rudern (5 – 3/2): Tino Kolitscher (Halle/Saale), Astrid Hengsbach (Hagen), Kai- Kristian Kruse (Hamburg), Anke Molkenthin (Ainring-Hammerau), Johannes Schmidt (Offenbach)
Schwimmen (21 – 10/11): Kirsten Bruhn (Wasbek), Christoph Burkard (Zimmern-Horgen), Annke Conradi (Regensburg), Tanja Gröpper (Düsseldorf), Niels Grunenberg (Berlin), Sebastian Iwanow (Leverkusen), Julia Kabus (Berlin), Elena Krawzow (Bamberg), Andre Lehmann (Werder/Havel), Lucas Ludwig (Berlin), Swen Michaelis (Leipzig), Tobias Pollap (Hattingen), Christiane Reppe (Berlin), Torben Schmidtke (Potsdam), Maike Naomi Schnittger (Preußisch-Oldendorf), Verena Schott (Berlin), Daniela Schulte (Berlin), Martin Schulz (Leipzig), Daniel Simon (Berlin), Vera Thamm (Haltern am See), Stefanie Weinberg (Leipzig)
Segeln (4 – 4/0): Heiko Kröger (Jersbek), Jens Kroker (São Paulo/BRA), Siegmund Mainka (Borken), Robert Prem (Berlin)
Sitzvolleyball (10 – 10/0): Herren: Sebastian Czpakowski (Wuppertal), Stefan Hähnlein (Leverkusen), Christoph Herzog (Leipzig), Thomas Renger (Dormagen), Barbaros Sayilir (Leverkusen), Torben Schiewe (Nienhagen), Alexander Schiffler (Leipzig), Peter Schlorf (Berlin), Jürgen Schrapp (Leverkusen), Heiko Wiesenthal (Koblenz)
Schießen (8 – 6/2): Norbert Gau (Erdweg), Frank Heitmeyer (Bad Essen), Natascha Hiltrop (Heringen), Josef Neumaier (Altötting), Leopold Rupp (Berlin), Andreas Schäfers (Altenbeken), Jan Michael Schaub (Stadtallendorf), Manuela Schmermund (Niederaula)
Tennis (2 – 0/2): Sabine Ellerbrock (Bielefeld), Katharina Krüger (Berlin)
Tischtennis (12 – 11/1): Thomas Brüchle (Lindau), Werner Burkhardt (Bayreuth), Selcuk Cetin (Bad Kreuznach), Stephanie Grebe (Heidgraben), Jan Gürtler (Berlin), Dietmar Kober (Bischberg), Thomasz Kusiak (Köln), Holger Nikelis (Köln), Thomas Rau (Fehmarn), Thomas Schmidberger (Viechtach), Thorsten Schwinn (Münster), Jochen Wollmert (Stuttgart)
Basketball (24 – 12/12): Damen: Mareike Adermann (Essen), Annabel Breuer (Birkenhard), Annegrit Brießmann (Einhausen), Britt Dillmann (Gießen), Heike Friedrich (Obernburg), Maria Kühn (Stuttgart), Maya Lindholm (Hamburg), Marina Mohnen (Köln), Edina Müller (Hamburg), Gesche Schünemann (Gießen), Johanna Welin (München), Annika Zeyen (Hennef). Herren: André Bienek (Castrop-Rauxel), Thomas Böhme (Wettenberg), Thomas Gundert (Neuwied), Jan Haller (Wetzlar), Mathias Heimbach (Stadtbergen), Sercan Ismail (München), Dirk Köhler (Wetzlar), Andreas Kreß (Niedernberg), Björn Lohmann (Köln), Sebastian Magenheim (München), Dirk Passiwan (Konz), Sebastian Wolk (Frankfurt/Main)
Die Paralympics in Zahlen
Die XIV. Paralympics in Zahlen: Die Organisatoren um Mittelstrecken-Legende Sebastian Coe versprechen Paralympics der Superlative. Die "London 2012 Paralympic Games" sollen die größten in der 52-jährigen Geschichte der Behinderten-Weltspiele werden. Die Eckdaten der Paralympics:
4280 Athleten werden in 20 Sportarten an elf Wettkampftagen um insgesamt 503 Goldmedaillen kämpfen. In Peking 2008 waren es noch 3951 Sportler.
Die Rekordzahl von 2,5 Millionen Tickets wurde angeboten. Die Organisatoren rechnen damit, dass die Paralympics zum ersten Mal komplett ausverkauft sein werden.
580 Fackelträger werden die paralympische Flamme auf einem 24-stündigen Lauf getragen haben, wenn diese am Mittwochabend im Olympiastadion in Stratford bei der Eröffnungsfeier ankommt.
166 Nationen wollen teilnehmen. 16 davon geben ihr paralympisches Debüt – zum Beispiel Nordkorea und die Demokratische Republik Kongo.
1513 Frauen sind unter den Teilnehmern, mehr als jemals zuvor bei den 13 vorangegangen Paralympics und mehr als doppelt so viele wie in Barcelona 1992 (700 Teilnehmerinnen).
19 Wettkampfstätten wird es geben, in 17 davon wurde schon während Olympia um Medaillen gekämpft. Hinzu kommen zwei neue: die berühmte Motorsport-Rennstrecke Brands Hatch, wo die Straßenrad-Veranstaltungen stattfinden, und Eton Manor, ein Extra-Komplex im Olympiapark für die Rollstuhl-Tennis-Turniere.
6000 Medienvertreter werden über die Paralympics aus London berichten.
1250 Dopingkontrollen sollen vorgenommen werden. Das ist eine Steigerung um 25 Prozent im Vergleich zu Peking 2008.
15 verschiedene 100-Meter Finals der Männer wird es in dem komplexen paralympischen Klassifizierungssystem mit verschiedenen Behinderungsgraden geben.
In einer Werkstatt sollen 15 000 Ersatzteile bereitliegen, um die Rollstühle, Prothesen und Orthesen für die Athleten schnell reparieren zu können (dpa).
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