Olympia 2012
Deutscher Gold-Achter wird zum Partyboot der Emotionen
Besser geht's nicht. Der Deutschland-Achter hat im kniffligen olympischen Finale die Nerven bewahrt. Der 36. Sieg in Serie ebnete den Weg zum ersten Gold des Paradebootes seit 1988. Silber im Frauen-Doppelvierer besserte die deutsche Bilanz zusätzlich auf.
London/Eton. Nach seinem Parforceritt zum ersten Olympiasieg seit 24 Jahren wurde der ruhmreiche Deutschland-Achter zum Partyboot der großen Emotionen. Schlagmann Kristof Wilke kopierte den weltberühmten Bolt-Blitz und weinte danach hemmungslos, Andreas Kuffner brachte mit seinem Jubelsprung das schier unbezwingbare Boot fast noch zum Kentern, und Steuermann Martin Sauer flog im hohen Bogen in den Dorney Lake.
"Das war das geilste Rennen aller Zeiten", sagte 2,08 m Riese Lukas Müller, der wie die anderen Modellathleten vor Stolz bei der Siegerehrung noch ein Stückchen größer und breiter wirkte. Als die Deutschland-Fahne vor den Augen der britischen Prinzen William und Harry im Mutterland des Rudersports im Wind wehte, sangen die siegreichen Ruderer die Nationalhymne voller Inbrunst mit. Selbst dem hartgesottenen Trainer Ralf Holtmeyer standen angesichts des vierten Olympiasieges nach 1960, 1968 und 1988 die Tränen in den Augen.
"Die Mannschaft ist nicht nur stark in den Beinen und Armen, sondern auch stark im Kopf", sagte der Berliner Sauer. Die deutsche Schlagmann-Legende Roland Baar war derweil tief beeindruckt. "Das sind liebe, ehrgeizige Jungs. Kämpfer, keine Spinner. Total bodenständig", sagte Baar, der 1996 in Atlanta Zweiter geworden war und damit die bis dato letzte olympische Medaille mit dem Deutschland-Achter geholt hatte.
Nach der Goldfahrt vor Olympiasieger Kanada und dem lange Zeit wie entfesselt fahrenden Gastgeber Großbritannien legte sich Baar fest: "Das ist der beste Achter aller Zeiten." Die Statistik gibt ihm recht: Vier Jahre und 36 Rennen ist der Achter seit dem letzten Platz von Peking 2008 unbesiegt. Drei WM-Titel wurden in der Zeit in überlegener Art und Weise eingefahren, bevor am Mittwoch die Krönung dieser Erfolgsstory trotz Wind und Wellen folgte. "Manchmal braucht man so eine Katastrophe wie in Peking, damit etwas Neues entsteht", meinte Baar.
Dabei musste ausgerechnet im olympischen Finale vor 25.000 enthusiastischen Zuschauern kräftig gezittert werden. Vize-Weltmeister Großbritannien lieferte einen beherzten Kampf und lag nach 1250 m knapp in Führung. Doch dem Schlussspurt der vor Selbstbewusstsein strotzenden deutschen Mannschaft 500 m vor dem Ziel hatten die anderen Großboote nichts entgegenzusetzen. Im Ziel lag der Deutschland-Achter in 5:48,75 Minuten eine halbe Länge vor Kanada (5:49,98).
400 m vor dem Ziel sei er sich sicher gewesen, sagte Holtmeyer anschließend. Man sei aber vor dem Rennen in einer defensiven Position gewesen, da jeder den Sieg erwartet habe, so der 56 Jahre alte Erfolgstrainer, der auch 1988 beim Olympiasieg in Seoul in der Verantwortung stand.
Seine Schützlinge zweifelten dagegen noch kurz vor dem Ziel. "Ich habe die ganze Zeit gedacht: Scheiße, die Briten machen es heute", gab der Düsseldorfer Müller zu, während Schlagmann Wilke Steuermann Sauer für seine im Rennen geänderte Taktik lobte: "Die Briten haben richtig Druck gemacht, aber wir haben die Spurts ganz anders gesetzt. Das war entscheidend." Sauer hatte die Briten ständig im Blick: "Es war klar, dass wir reagieren mussten, als sie vorne waren."
Nachdem die meisten Goldjungs nach der Zieldurchfahrt auf ihren Rollsitzen erst einmal kräftig gepumpt hatteen, war die Siegerehrung durch DOSB-Präsident Thomas Bach anschließend der Auftakt zu einer langen Siegesparty. "Ein paar Bier werden wir schon trinken", so Sauer, der ebenso wie jeder der acht starken Jungs 15.000 Euro von der Stiftung Deutschen Sporthilfe für den Triumph erhält.
Die Medaillenspur für den Achter hatte zuvor der Frauen-Doppelvierer gelegt. Das Weltmeisterboot mit Julia Richter (Berlin), Carina Bär (Heilbronn), Annekatrin Thiele (Leipzig) und Britta Oppelt (Berlin) holte mit einer Länge Rückstand auf die favorisierte Ukraine Silber. "Wir haben alles versucht, Silber ist einfach toll", sagte Bär, bevor sie mit ihren Teamkolleginnen die Achter-Siegerehrung stehend im Boot vom Wasser aus verfolgte.
Ex-Weltmeister Marcel Hacker hat derweil sein olympisches Halbfinal-Trauma besiegt und steht nach Platz drei im Halbfinale hinter dem neuseeländischen Weltmeister Mahe Drysdale und dem Schweden Lassi Karonen im Finale. "Darauf bin ich stolz. Ich habe dafür hart gearbeitet. Von Platz eins bis sechs ist alles drin", sagte Hacker, der nach der Zielankunft ein paar Freudentränen verdrückte. Hacker, der bei seinem Olympia-Debüt 2000 in Sydney Bronze gewonnen hatte, verpasste 2004 in Athen und 2008 in Peking den Einzug ins A-Finale.
Alle Entscheidungen am Mittwoch im Überblick
SCHIESSEN: Sportpistole Frauen (10 Uhr): Favoritinnen: Lenka Maruskova (Tschechien), Celine Goberville (Frankreich), Ying Chen (China) Deutsche Teilnehmerinnen: Munkhbayar Dorjsuren (München), Claudia Verdicchio-Krause (Buchheim) Olympiasiegerin 2008: Ying Chen (China)
RADSPORT: Zeitfahren, Frauen (12.30 Uhr) Favoritinnen: Judith Arndt (Leipzig), Kristin Armstrong (USA), Emma Pooley (Großbritannien) Deutsche Starterin: Judith Arndt (Leipzig), Trixi Worrack (Cottbus) Olympiasieger 2008: Kristin Armstrong (USA)
RUDERN: Zweier ohne Steuerfrau (12.50 Uhr): Favoritinnen: Großbritannien, Neuseeland, USA Deutsche Starterin: Kerstin Hartmann (Ulm), Marlene Sinnig (Krefeld) Olympiasiegerin 2008: Rumänien
Frauen-Doppelvierer (13.10 Uhr): Favoritinnen: Ukraine, Deutschland, Australien Deutsche Starterinnen: Julia Richter (Berlin), Carina Bär (Heilbronn), Annekatrin Thiele (Leipzig), Britta Oppelt (Berlin) Olympiasiegerin 2008: China
Männer-Achter (13.30 Uhr) Favoriten: Deutschland, Großbritannien, USA Deutsche Starter: Filip Adamski (Mannheim), Andreas Kuffner (Berlin), Eric Johannesen (Hamburg), Maximilian Reinelt (Ulm), Richard Schmidt (Trier), Lukas Müller Düsseldorf), Florian Mennigen (Ratzeburg), Kristof Wilke (Radolfzell), Stm.: Martin Sauer (Berlin) Olympiasieger 2008: Kanada
RADSPORT: Zeitfahren, Männer (14.15 Uhr): Favoriten: Bradley Wiggins (Großbritannien), Fabian Cancellara (Schweiz), Christopher Froome (Großbritannien), Tony Martin (Kreuzlingen) Deutsche Starter: Tony Martin, Bert Grabsch (beide Kreuzlingen/Schweiz) Olympiasieger 2008: Fabian Cancellara (Schweiz)
KANUSLALOM: Kajak, Männer, Einer (14.30 Uhr): Favoriten: Peter Kauzer (Slowenien), Mateusz Polaczyk (Polen), Samuel Hernanz (Spanien), Hannes Aigner (Augsburg) Deutsche Starter: Hannes Aigner (Augsburg) Olympiasieger 2008: Alexander Grimm (Augsburg)
WASSERSPRINGEN: 3-Meter-Synchron, Männer (16 Uhr): Favoriten: Luo Yutong/Qin Kai (China) Deutsche Starter: - Olympiasieger 2008: Wang Feng/Qin Kai (China)
TISCHTENNIS: Damen, Einzel (16.30 Uhr): Favoritinnen: Ding Ning, Li Xiaoxia (beide China), Feng Tianwei (Singapur) Deutsche Starterin: - Olympiasiegerin 2008: Zhang Yining (China)
GEWICHTHEBEN: 69 kg, Frauen (16.30 Uhr): Favoritinnen: Roxana Cocos (Rumänien), Marina Schermankowa (Weißrussland), Rim Jong Sim (Nordkorea) Deutsche Starterin: - Olympiasiegerin 2008: Liu Chunhong (China)
JUDO: 70 kg, Frauen (17.00 Uhr): Favoritinnen: Lucie Decosse (Frankreich), Edith Bosch (Niederlande) Deutsche Starterinnen: Kerstin Thiele (Leipzig) Olympiasiegerin 2008: Masae Ueno (Japan)
90 kg, Männer (17.10 Uhr): Favoriten: Ilias Iliadis (Griechenland), Masashi Nishiyama (Japan) Deutscher Starter: Christoph Lambert (Holle) Olympiasieger 2008: Irakli Tsirekidsche (Georgien)
TURNEN: Mehrkampf, Männer (17.30 Uhr): Favoriten: Kohei Uchimura (Japan), Danell Leyva (USA), Fabian Hambüchen (Wetzlar) Deutsche Starter: Fabian Hambüchen (Wetzlar), Marcel Nguyen (Unterhaching) Olympiasieger 2008: Yang Wei (China)
GEWICHTHEBEN: 77 kg, Männer (20.00 Uhr): Favoriten: Lu Haojie (China), Lu Xiaojun (China) Deutsche Starter: - Olympiasieger 2008: Sa Jae-Hyuk (Südkorea)
SCHWIMMEN: 200 Meter Brust, Männer (20.30 Uhr) Favoriten: Kosuke Kitajima (Japan), Ryo Tateishi (Japan), Daniel Gyurta (Ungarn) Deutsche Starter: keine (Christian vom Lehn (Wuppertal) und Marco Koch im Halbfinale ausgeschieden) (Darmstadt) Olympiasieger 2008: Kosuke Kitajima (Japan)
FECHTEN: Degen, Herren , Einzel (21.00 Uhr): Favoriten: Nikolaj Nowosjolow (Estland), Fabian Kauter (Schweiz), Paolo Pizzo (Italien) Deutscher Starter: Jörg Fiedler (Leipzig) Olympiasieger 2008: Matteo Tagliarol (Italien)
SCHWIMMEN: 200 Meter Schmetterling , Frauen (21.09 Uhr) Favoritinnen: Liu Zige (China), Jiao Liuyang (China), Kathleen Hersey (USA) Deutsche Starterin: - Olympiasiegerin 2008: Liu Zige (China)
100 Meter Freistil, Männer (21.16 Uhr) Favoriten: James Magnussen (Australien), Yannick Agnel (Frankreich), Brent Heyden (Kanada) Deutscher Starter: - Olympiasieger: Alain Bernard (Frankreich)
FECHTEN: Säbel, Damen, Einzel (21.30 Uhr): Favoritinnen: Mariel Zagunis (USA), Sophia Welikaja (Russland), Olga Charlan (Ukraine) Deutsche Starterin: Alexandra Bujdoso (Koblenz) Olympiasiegerin 2008: Mariel Zagunis (USA)
SCHWIMMEN: 4 x 200 Meter Freistil, Frauen (21.59 Uhr) Favoritinnen: USA, China, Frankreich, Australien Deutsche Starterinnen: Silke Lippok (Pforzheim), Theresa Michalak (Halle/Saale), Annika Bruhn (Bietigheim), Daniela Schreiber (Halle/Saale) Olympiasieger 2008: Australien
Mit Material von sid und dapd
















