Der Deisler-Schock
NATIONALELF: Der Mittelfeldspieler muss wegen einer neuen Knieverletzung auf die WM verzichten.
Leverkusen. Am Montagnachmittag kam das Aus, das viele Fußballfans schon am Sonnabend befürchtet hatten: Sebastian Deisler kann nicht mit zur Weltmeisterschaft nach Japan und Südkorea fahren. Beim 6:2-Sieg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft über Österreich war Deisler in der 18. Minute bei einem Zusammenprall mit Rudolf Landerl die rechte Kniescheibe verrutscht. Dabei hatte sich ein Bluterguss im Gelenk gebildet, der punktiert werden musste. Nach einer Kernspintomographie am Sonntag in Regensburg in einer zusätzlichen Untersuchung am Montag bei Nationalmannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt in München musste Deisler endgültig passen. "Ich bin wahnsinnig enttäuscht, dass ich nicht dabei sein kann, aber man kann es nicht ändern. Ich wünsche der Mannschaft eine gute und erfolgreiche WM", sagte Deisler frustriert, der heute nach Vail/Colorado in die USA fliegt, um sich beim Kniespezialisten Richard Steadman einer Arthroskopie zu unterziehen. "Wir hatten bis zuletzt ein Fünkchen Hoffnung. Aber es ist jetzt wichtiger, an die Gesundheit von Sebastian zu denken als an die WM", kommentierte Rudi Völler geknickt die Absage. Wer für Deisler in den 23 Mann starken Kader nachrücken wird, will der Teamchef des DFB heute entscheiden. Um 24 Uhr endet die offizielle Meldefrist beim Weltverband FIFA. Beste Chancen hat nun Lars Ricken (Dortmund), der bereits auf Abruf stand. Die anscheinend unendliche Leidensgeschichte von Deisler, sie zieht sich schon über Jahre hin. 16 kleinere und größere Verletzungen musste der Spielmacher in seiner kurzen Karriere bereits überstehen. Eine Auswahl: Kreuzbandriss, Meniskusriss (1998), Achillessehnenverletzung, Muskelfaserriss, Meniskusschaden und zweiter Kreuzbandriss im rechten Knie (1999), Leistenoperation (2000), Muskelfaserriss, Kreislaufkollaps (beides 2001). Am 13. Oktober 2001 hatte sich der 22-Jährige zuletzt in einem vergleichsweise harmlosen Zweikampf mit HSV-Verteidiger Ingo Hertzsch in der AOL-Arena einen Kapselriss im rechten Knie zugezogen. Bei einer Operation, ebenfalls vorgenommen von Steadman, war die instabile Kniescheibe wieder fixiert und "festgenäht" worden, wie es Deisler selbst ausdrückte. Und es dauerte 152 Tage, bis Deisler wieder auf den Trainingsplatz zurückgekehrt war. Ein Muskelfaserriss an den rechten Adduktoren schien die WM-Teilnahme akut zu gefährden, doch beim Saisonfinale der Bundesliga stand der gebürtige Lörracher wieder für Hertha BSC auf dem Platz. Zuletzt schien es wieder aufwärts zu gehen mit Deisler, die Testspiele gegen Kuweit und in Wales konnte er problemlos absolvieren. "Er fühlte sich vor dem Spiel gegen Österreich viel besser als zu Beginn des Trainingslagers", berichtete Rudi Völler. Nun der schwere Rückschlag. Schon vor Wochen hatte Deisler angekündigt: "Zunächst geht es um meine Gesundheit. Ich will zur WM, aber nicht um jeden Preis." Berunruhigt dürfte auch der FC Bayern München sein, Deislers neuer Arbeitgeber, der 9,5 Millionen Euro Ablöse nach Berlin überweist. Schließlich absolvierte Deisler in den vergangenen drei Spielzeiten mit 56 Bundesliga-Spielen nur die Hälfte aller möglichen Partien. Der Körper des Jungstars scheint den Belastungen des Hochleistungssports nicht standzuhalten. Für Völler und Bundestrainer Michael Skibbe wird die Aufgabe bei der WM nun immer schwerer, schließlich war das Mittelfeld eigentlich als stärkster Mannschaftsteil angesehen worden. Einmal mehr ist das Duo gezwungen zu improvisieren, der Druck auf Michael Ballack, der aber kein klassischer Spielmacher ist, wird sich nun gewaltig verstärken. Nun wird es vor allem darauf ankommen, die Last auf mehrere Schultern zu verteilen, das Kollektiv zu stärken. Doch der Mangel an Kreativität dürfte mit den Ausfällen von Deisler und auch Mehmet Scholl kaum zu kompensieren sein. So rückte der psychologisch eigentlich wichtige Sieg in der Generalprobe vor dem WM-Turnier in den Hintergrund. Die deutsche Fußball-Zukunft bleibt unsicher.






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