23.12.11

Nach Reus-Attacke

Jermaine Jones angezeigt! Der Bad-Boy aus Bonames

Nach seinem hinterhältigen Tritt gegen Marco Reus steht Schalkes Mittelfeldspieler Jermaine Jones am Pranger. Es war nicht der erste Ausraster des Skandal-Profis, der in einem Frankfurter Problemviertel aufwuchs und auf dem Rasen gern den auf der Straße gehärteten Kämpfer gibt.

Von Kristof Stühm
Foto: AFP
Jermaine Jones traf im DFB-Pokal immer wieder auf Marco Reus
Jermaine Jones traf im DFB-Pokal immer wieder auf Marco Reus

Hamburg. Auf seinen Armen und seinem Oberkörper muss man suchen, um noch ein freies Stück Haut zu finden. Seine Unterarme zieren die Namen und Bilder seiner Kinder, den Oberkörper Drachen, Kreuze und Lebensweisheiten. "Was dich nicht umbringt, macht dich härter", steht dort unter anderem.

Jones liebt solche Sprüche. Er pflegt sein Image als Ghetto-Fußballer, der es von der Straße nach ganz oben geschafft hat. Immer musste er kämpfen - zur Not auch mit schmutzigen Tricks. Das ist seine Geschichte. "Ich bin im Leben nichts anderes gewohnt", hat der Schalker Mittelfeldspieler einmal gesagt, "man braucht ein Arschloch auf dem Platz".

Jones hat diesen Part in seiner Karriere oft und gerne übernommen. Nach seinem hinterhältigen Tritt gegen Borussia Mönchengladbachs Marco Reus im DFB-Pokal (1:3) steht er wieder einmal am Pranger. Wer es jetzt immer noch gut mit ihm meint, rühmt seine unbedingte Entschlossenheit, um jeden Ball zu kämpfen. Für die meisten ist er ein knallharter Zerstörer, der am Mittwoch endgültig die Grenze zur Brutalität überschritten hat.

Der Fußtritt gegen Reus hat für Jones möglicherweise auch rechtliche Konsequenzen. Gegen den Mittelfeldspieler gingen bei der Staatsanwaltschaft Mönchengladbach mehrere Strafanzeigen wegen Körperverletzung beziehungsweise schwerer Körperverletzung ein. Eine entsprechende Meldung von Sport1.de bestätigte Staatsanwalt Lothar Gathen dem SID.

"Bis Freitagmorgen lagen vier Anzeigen vor. Wir verschaffen uns jetzt erst mal mit Hilfe der TV-Bilder einen Überblick, dann werden wir mehrere Dinge überprüfen, unter anderem, ob ein öffentliches Interesse besteht", sagte Gathen: "Zunächst ist dies eine Sache der Sportgerichte."

Den Grund für seine schmutzige Spielweise präsentiert Jones auf seiner Internetseite, und er ist stolz darauf. "Geprägt ist Jermaines Spiel durch die härteste Fußballschule überhaupt: Die Straße", steht dort geschrieben. Der Sohn eines amerikanischen Soldaten und einer deutschen Mutter wuchs im Frankfurter Brennpunkt Bonames auf. Zwischen schäbigem Beton gelten andere Regeln als in der Glitzerwelt des Profi-Fußballs. Hier hat er gelernt, sich zu behaupten, sich mit allen Mitteln durchzusetzen. 1999 hat er es geschafft. Mit 18 unterschreibt er bei Eintracht Frankfurt seinen ersten Profivertrag.

Doch seine Ghetto-Attitüde legt Jones nicht ab. Mit seinem Zweikampfverhalten und Sprüchen, die die die Grenzen des guten Geschmacks häufig überschreiten, kultiviert er auch als Profi sein Image als Straßenkämpfer. Auch neben dem Platz findet er nicht das richtige Maß, kauft sich die dicksten Autos und lässt sich vor Bundesliga-Spielen in Frankfurter Diskotheken von seinen Kumpels feiern. Er drängt ins Rampenlicht und ist dabei ganz schlecht ausgeleuchtet.

Den Stempel des Stinkstiefels wird er nicht mehr los. Jones fühlt sich missverstanden und ist tief gekränkt, als ihn auch noch Bundestrainer Joachim Löw in der Nationalmannschaft trotz guter Leistungen im Klub links liegenlässt. 2009 entscheidet er sich, in Zukunft für das Land seines Vaters die Knochen hinzuhalten - und gibt der New York Times ein unglückliches Interview. "In Deutschland sind Menschen wie ich unbeliebt. Man muss mich nur anschauen, ich bin nicht der perfekte Deutsche. Ich habe Tattoos, das mögen die Deutschen nicht. Die Menschen in den Staaten sehen eher aus wie ich." Hinterher relativiert Jones zwar seine latenten Rassismusvorwürfe - doch das nimmt kaum noch jemand wahr. Zu gut passen die Aussagen zum Bild des unbeherrschten Skandalkickers.

Seine erneute Entgleisung im Pokal-Spiel am Mittwoch kommt für Jones zur Unzeit. Dem 30-Jährigen droht ein empfindlicher Karriere-Einschnitt und eine Sperre von bis zu sechs Monaten. Dabei hatte er sich auf Schalke gerade erst wieder als Stammkraft etabliert. Wurde er von Felix Magath noch aussortiert und zu den Blackburn Rovers abgeschoben, spielte er auch unter Ralf Rangnick keine Rolle. Erst Huub Stevens beorderte Jones wieder als Abräumer vor die Abwehr. Der Niederländer braucht für sein System einen Spieler, der weder sich noch den Gegner schont. Der nicht zurückzieht, wenn es wehtut.

Diese Rolle füllte Jones in den vergangenen Spielen perfekt aus, Schalke ist auch dank ihm auf den dritten Rang der Tabelle geklettert. Er hielt sich in der Öffentlichkeit zurück und gab kaum noch Interviews. "Er ist ein Führungsspieler", hatte Schalkes Sportdirektor Horst Heldt vor dem Gladbach-Spiel gesagt, "ich bin sicher, dass er sich das jetzt durch seine Leistung und sein Verhalten nicht mehr nehmen lässt".

Nach dem Spiel in Gladbach flüchtete Jones aus dem Stadion. Kopfhörer auf, kein Kommentar, kein Blick zurück, ab zum Bus und in den Urlaub. Nach Los Angeles.

Die zehn berühmtesten Fußball-Treter
Eric Cantona (Frankreich): Wäre der selbstverliebte Franzose kein Fußballer geworden, hätte er sicher auch als professioneller Kung-Fu-Kämpfer sein Geld verdienen können. In bester Bruce-Lee-Manier streckte der exzentrische Superstar im Spiel gegen Crystal Palace Anfang 1995 zunächst seinen Gegenspieler, weil der ihm vorher am Trikot gezogen hatte, und dann einen pöbelnden Fan zu Boden. Der Roten Karte folgte eine neunmonatige Sperre. Cantona, mittlerweile Schauspieler, wurde zur Fußball-Legende.
Harald "Toni" Schumacher: Selten sorgte ein Foul wie das von Toni Schumacher im Sanchez-Pizjuan-Stadion von Sevilla für derartige Schlagzeilen. Nach einem brutalen Bodycheck des damaligen deutschen Nationaltorwarts verlor der Franzose Patrick Battiston im WM-Halbfinale 1982 nicht nur minutenlang das Bewusstsein, sondern auch ein paar Zähne. Schumachers Kommentar nach dem Abpfiff: "Dann zahl ich ihm eben die Jacket-Kronen." Dem flapsigen Spruch des Torwart-Rüpels folgten politische Spannungen zwischen Deutschland und Frankreich.
Maik Franz: "Wenn der Schiri es zulässt, haut der Franz auch mal einen ins Krankenhaus", sagte Torsten Frings einmal über Maik Franz - und spricht damit vielen Kollegen aus der Seele. Kaum ein Spieler in der Bundesliga hat solch einen schlechten Leumund wie "Iron Maik". Einer seiner größten Feinde ist Mario Gomez, der Franz wegen seiner vielen versteckten Fouls einst ohne größere diplomatischen Verrenkungen vor laufender Kamera als "Arschloch" titulierte.
Marco Materazzi (Italien): "Würdiger" Nachfolger seines Landsmannes Gentile. Wurde allerdings nicht wegen seiner Vielzahl von Provokationen berühmt, sondern wegen Zinedine Zidane. Mit seinem denkwürdigen Kopfstoß im WM-Finale 2006 verabschiedete sich der französische Ausnahmefußballer von der internationalen Bühne - nachdem Materazzi Zidanes Schwester als Prostituierte beleidigt hatte. Auch Bastian Schweinsteiger machte in der vergangenen Saison Bekanntschaft mit dem Italiener. "Jetzt kann ich Zidane verstehen", sagte der Bayern-Profi nach dem Champions-League-Aus gegen Inter Mailand.
Andoni Goicoechea (Spanien): Der "Schlächter von Bilbao" wütete in den Achtziger Jahren als Verteidiger von Athletic Bilbao. Seine Trainer mussten ihm nur die Rückennummer des Gegenspielers nennen, schon knackte ein Knochen. Weltberühmt machte Goicoechea ein Foul gegen Diego Maradona 1983. Bei der "baskischen Inquisition" trat er der argentinischen Fußball-Legende das Wadenbein, ein Außenband und das Fußgelenk durch - Maradona musste vier Monate aussetzen. Schlimmer erwischte es nur Bernd Schuster. Der war nach einem Goicoechea-Tritt fast ein Jahr lang zum Zuschauen verdammt.
Claudio Gentile (Italien): Inbegriff des raubeinigen italienischen Abwehrspielers. Gentile schaltete bei der WM 1982 im Spiel gegen Argentinien Diego Maradona aus - unfair und unbestraft. Immer wenn der Superstar an den Ball kam, gab es gehörig auf die Socken. Taktische Fouls, Trikotzupfer, Kratzen - Gentile war jedes Mittel recht. Im Europapokalfinale 1983 zwischen dem HSV und Juventus Turin brach Gentile dem Hamburger Lars Bastrup mit einem Schlag ins Gesicht den Kiefer.
Kevin-Prince Boateng (Deutschland/Ghana): "Tor-Prinz" oder "Bad Boy": Kevin-Prince Boateng wandelt in seiner Karriere zwischen den Welten. Er beendete mit seinem Tritt gegen Michael Ballack im FA-Cup-Finale 2010 den Traum des damaligen Nationalmannschaftskapitäns von der WM 2010 - und indirekt die gesamte Karriere Ballacks im DFB-Dress. Der Großneffe des 54er-WM-Helden Helmut Rahn und ehemalige deutsche U21-Nationalspieler fiel auch abseits des Platzes immer wieder durch Undiszipliniertheiten auf.
Roy Keane (Irland): Darf für sich die traurige Ehre in Anspruch nehmen, wohl die "Mutter aller Fouls" begangen zu haben. Im April 2001 trat er den Norweger Alf-Inge Haland im Manchester-Derby mit gestrecktem Bein brutal gegen das Knie. Mit voller Absicht. "Der Ball war da (glaube ich). Nimm das, du Schwein. Und steh niemals mehr über mir und spotte über gefakte Verletzungen", schrieb Keane in seiner Biographie über das Foul. Haland hatte Keane vier Jahre zuvor der Schauspielerei bezichtigt - während Keane mit einem Kreuzbandriss auf dem Boden lag.
Norbert Siegmann: Der "Schlitzer" gilt als klassisches Klopper-Produkt des eisenharten 80er-Jahre-Fußballs. Unvergessen seine Grätsche gegen Ewald Lienen: Zehn Zentimeter oberhalb der Grasnarbe mähte Siegmann am 14. August 1981 den damaligen Bielefelder Stürmer um. Beim Anblick des Ergebnisses mussten selbst die hartgesottenen Arminen-Betreuer angewidert wegschauen: eine fast 25 Zentimeter lange Wunde klaffte an Lienens rechtem Oberschenkel. Die freiligenden Muskelfasern brannten sich für immer ins deutsche Fußball-Gedächtnis ein. Schlitzer Siegmann ist heute Buddhist.
Vinnie Jones (Wales): Für Vinnie Jones, Kampfname "Die Axt", galt auf dem Platz stets das Recht des Stärkeren. In einem Benefizspiel grätschte der wohl größte Fußball-Rüpel aller Zeiten ein Kind rücksichtslos von hinten um. "Ich wollte den Ball treffen", sagte er danach. 13 Rote Karten und die schnellste Gelbe Karte der Fußball-Geschichte (nach drei Sekunden) unterstreichen das Bad-Boy-Image des Walisers. 1992 gab Jones im umstrittenen Video "Soccer's Hard Men" Tipps, wie man Gegenspieler am besten "einschüchtert". Beruf heute: ebenfalls Schauspieler.
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