Deutschland hinter Katar und DomRep
WM-Bilanz: Die DLV-Ausbeute ist die schlechteste seit 16 Jahren.
Saint-Denis. Es muss nach alldem Wehklagen an dieser Stelle einmal erlaubt sein, dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) zu gratulieren. Ende September wird die oberste Interessenvertretung von 800 000 Läufern, Werfern und Springern im Lande ihren Bildband zur WM 2003 vorlegen, und wer immer beim DLV vor den Titelkämpfen die Idee gehabt hatte, die Stabhochspringerin Annika Becker zum Titelmotiv zu machen, muss einen guten Riecher haben. Das 128-Seiten-Werk zum Preis von 22 Euro droht dennoch ein Ladenhüter zu werden. Dass die leicht biedere Vizeweltmeisterin Becker in Paris zur deutschen Hauptdarstellerin wurde, hinterlässt nach neun Tagen sportlicher Schonkost einen bitteren Nachgeschmack. Dem DLV sind die (Sieger-)Typen ausgegangen. Vier Medaillen, eine silberne und drei bronzene, stehen unter der schlechtesten WM-Bilanz seit 1987 (einmal Silber, zweimal Bronze) - die Speerwerfer Steffi Nerius und Boris Henry besserten die Quote am Wochenende mit ihren dritten Plätzen etwas auf. In der Nationenwertung, von jeher Lieblingslektüre der DLV-Statistiker, weil darin jeder Endkampfplatz verrechnet wird, liest sich die Ausbeute kaum besser. Vom angestammten Podiumsrang ist man auf Platz fünf abgesackt. In der Medaillenwertung (Platz 28) rangiert Deutschland hinter Ländern wie Katar, Dominikanische Republik, Mosambik. "Wir sind unserem Selbstverständnis als führende Leichtathletik-Nation in Paris nicht gerecht geworden", stellt DLV-Präsident Clemens Prokop fest. An der Anspruchshaltung - mindestens Dritter in der Nationenwertung, mindestens Fünfter im Medaillenspiegel - habe sich aber nichts geändert. Doch andere Länder sind dank internationaler Fördergelder den Deutschen nicht nur davongelaufen. "Heute kann man auch in Kamerun technische Disziplinen auf hohem Niveau betreiben", weiß DLV-Leistungssportchef Rüdiger Nickel. Hinter den führenden Nationen USA und Russland werde sich das Niveau "immer weiter angleichen". 13 Jahre nach der Wiedervereinigung ist das DDR-Erbe aufgezehrt und die deutsche Leichtathletik in der Globalisierung angekommen. Nicht nur am Siegeswillen, wie Sportbund-Präsident Manfred von Richthofen mutmaßte, lässt man es vermissen. Vielen in der Mannschaft war im Stade de France schon die erste Hürde zu hoch. 20 von 62, fast ein Drittel aller Starter, scheiterten an der Qualifikation - schlechter war die Quote nur 1995 in Göteborg (47 Prozent). Hatten in Edmonton vor zwei Jahren noch 20 DLV-Athleten ihre Jahresbestleistung bei der WM abrufen können, hat diesmal kaum jemand seine Vorbereitung gut auf den Saisonhöhepunkt abgestimmt. Gerade frühere Goldmedaillengewinner wie Diskuswerferin Franka Dietzsch, Kugelstoßerin Astrid Kumbernuss oder Hammerwerfer Karsten Kobs erlebten in Paris einen beispiellosen Leistungseinbruch. "Einige Ergebnisträger sind körperlich, aber wohl auch von der Einstellung her verschlissen", so Nickel. Der Generationswechsel, den man gern noch bis nach Olympia 2004 hinausgeschoben hätte, muss sofort her. Für die kommenden Wochen hat man sich beim DLV Betriebsamkeit verordnet. Von 6. bis 9. September geht der Leistungssport-Stab in Klausurtagung, zwei Wochen später ist in Kienbaum ein Trainertreffen anberaumt. Zentralisierung heißt das Zauberwort, das dann die Runde machen wird. "Die Erfolge anderer Nationen liegen darin begründet, dass man sich auf die Medaillengewinner konzentriert", so DLV-Vize Nickel. Bei den eigenen Führungsstrukturen scheint die Verbandsspitze allerdings nicht ansetzen zu wollen. Den Vorwurf von Stabhochspringer Tim Lobinger, es gebe zu viele Bundestrainer, konterte Nickel im Abendblatt-Gespräch mit der Feststellung, dies würde "den Verband in Frage stellen". Dass in Deutschland falsch trainiert wird, dieser Verdacht wenigstens konnte in Paris entkräftet werden. So bereitete sich der Weitspringer James Beckford ein Jahr lang unter der Betreuung des früheren deutschen Meisters Konstantin Krause auf die WM vor. In Paris gewann er mit 8,28 m Silber - für Jamaika.







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