Relegation
Der VfL Bochum sucht die Schuld bei anderen
Mönchengladbach siegte im Relegationshinspiel durch ein umstrittenes Tor in der Nachspielzeit.
Igor de Camargo jubelt nach seinem Siegtreffer
Foto: Getty
Mönchengladbach. „Das ist eine Frechheit“, sagte Christoph Dabrowski und sah aus, als hätte er am liebsten wütend mit dem Fuß auf die Erde gestampft. Der Ärger stand dem Mittelfeldspieler des VfL Bochum ins Gesicht geschrieben. „Es ist eine Schande, wenn so Abstiege besiegelt werden.“ Etwas sanfter und nachsichtiger war die Reaktion von Andreas Luthe. „Ich bin sehr verärgert, dass es nicht zum 0:0 gereicht hat“, sagte der VfL-Torwart, der in der bitteren Stunde wenigstens noch einige Gratulationen für die eigene Leistung zu hören bekam. Die Bochumer kannten nach dem 0:1 (0:0) gegen Borussia Mönchengladbach im Relegationshinspiel zur 1. Bundesliga nur einen Sündenbock für ihr Drama: Schiedsrichter Günther Perl aus Pullach. An die Spitze des Feldzugs setzte sich Friedhelm Funkel, ein bei den deutschen Unparteiischen stets gefürchteter Kritiker, dessen Strafenkatalog beim Deutschen Fußball-Bund deswegen Litaneilänge besitzt.
Nachdem er schon in den Fernsehstudios ordentlich Luft abgelassen hatte, lederte Funkel nach der offiziellen Pressekonferenz erst richtig los. „Wenn er zwei Minuten Nachspielzeit anzeigt, dann muss er auch nach zwei Minuten abpfeifen. Deswegen haben wir das Spiel verloren“, sagte Funkel. „Es ist traurig, dass der Schiedsrichter das Spiel so entscheidet.“ Dass das Gladbacher Siegtor durch Igor de Camargo quasi erst nach der Nachspielzeit der Nachspielzeit fiel, als die nach Funkels Ansicht illegale 93. Minute angebrochen war, bestritten selbst die Gladbacher nicht.
Wutentbrannt war Funkel auf das Spielfeld gestürmt, als im Borussia-Park nach 90 Minuten und der Zugabe von zwei Nachspielminuten plus Perls umstrittenen Extra-Sekunden die Emotionen hochschlugen. Funkel zeigte wild gestikulierend immer wieder auf seine Uhr und schrie dem Schiedsrichter ein paar Worte zu. „Es hat ihn überhaupt nicht interessiert“, sagte Funkel, „auch später nicht, als ich es ihm noch einmal ganz ruhig gesagt habe.“ Nach dem Treffer des eingewechselten de Camargo, von den Gladbachern wie ein Golden Goal empfunden, pfiff Perl die Partie nicht einmal mehr an. Die Verlierer aus Bochum empfanden die Situation brutal wie die Sudden-Death-Regel im Eishockey.
Doch Funkel wusste trotz seiner Klagen, dass weder er noch sein Verein Einspruch einlegen können. Es liegt laut Regelwerk letztlich im Ermessen des Schiedsrichters, wie lange er spielen lässt. Aber dass Perl weiterspielen ließ, war auch nicht der einzige Vorwurf von Funkel. Verärgert war der 57-Jährige auch wegen einer Gelben Karte für Björn Kopplin, die zu einer Sperre des Verteidigers im Rückspiel am Mittwoch führte. Beim Gladbacher Dante hätte Perl andererseits alle Augen zugedrückt, wenn er Bochumer Spieler rüde gefoult habe, sagte Funkel. „Dadurch entscheidet der Schiedsrichter möglicherweise, ob wir nächste Saison Bundesliga spielen oder nicht.“
Perl hatte zunächst offenbar die Absicht, nach exakt zwei Minuten Nachspielzeit abzupfeifen. „Das ist die letzte Aktion, hat er bei einem Freistoß gesagt“, berichtete Björn Kopplin. Es gab auch keinen Anlass, die Partie noch weiter auszudehnen. Gerade sehr wichtige Spiele, wie die Finalpartien bei der WM oder EM, ebenso wie Pokalendspiele werden meist überpünktlich abgepfiffen, oft werden die Nachspielzeiten sehr knapp gehalten oder es wird ganz auf sie verzichtet. „Dass unser Tor so spät fällt, war unglaublich. Dass es ein paar Sekunden nach der angezeigten Nachspielzeit gefallen ist, interessiert uns nicht sonderlich“, erklärte Borussia-Torwart Marc-Andre ter Stegen.
Mit dem Sieg schuf sich Gladbach eine gute Grundlage, um am Mittwoch im Rückspiel den dritten Bundesliga-Abstieg zu verhindern und den Bochumern den sechsten Aufstieg zu vermasseln. Die vor drei Jahren wieder eingeführte Relegation stieß auf riesige Resonanz. In 182 Ländern war das rheinisch-westfälische Duell im Fernsehen zu sehen. Folge eins im Zweiteiler um die Zugehörigkeit zur Bundesliga wurde intensiv und kampfbetont geführt, besaß aber auch ansprechende spielerische Elemente. Überraschend war die Tatsache, dass Bochum sehr gut mithielt und erst in der Schlussphase stärker unter Druck geriet. VfL-Torwart Luthe wurde in dieser Phase, als Gladbach eine echtes „Powerplay“ aufzog, zum großen Rückhalt. Gegen de Camargos Schuss aus der Nahdistanz, dem letzten Ballkontakt der Partie, war dann aber auch Luthe machtlos. Erstmals seit zwölf Jahren verlor der VfL wieder ein Pflichtspiel gegen die Borussia. Wegen der „Auswärtstor-Regel“ wäre für Bochum selbst ein 2:1 im Rückspiel zu wenig, um in die Bundesliga zurückzukehren. Wird es knapp am Mittwoch, dürfte Funkel auf die Perl-Sache noch einmal zu sprechen kommen.
Die Statistik
Mönchengladbach: 21 ter Stegen - 24 Jantschke, 39 Stranzl, 31 Dante, 3 Daems - 13 Neustädter, 16 Nordtveit - 11 Reus (ab 85. Matmour), 18 Arango - 19 Hanke, 25 Idrissou (ab 67. de Camargo). - Trainer: Favre
Bochum: 26 Luthe - 2 Kopplin, 25 Yahia, 4 Maltritz, 35 Ostrzolek - 5 Dabrowski - 8 Johansson, 14 Toski (ab 83. Azaouagh) - 7 Freier, 22 Aydin (ab 46. Tese), 20 Korkmaz (ab 71. Federico). - Trainer: Funkel
Schiedsrichter: Günter Perl (Pullach)
Zuschauer: 54.057 (ausverkauft)
Tore: 1:0 de Camargo (90.+2)
Das Spiel im Liveticker zum Nachlesen
90. Minute: Abpfiff!
90. Minute: Toooor für Gladbach! Luthe hält erst überragend gegen de Camargo, per Hacke nutzt er aber seinen zweite Chance in letzter Sekunde zum 1:0.
90. Minute: Dabrowski per Fernschuss und Tese mit einem Kopfball stellen den Spielverlauf fast auf den Kopf. Doch beide Angriffe waren nicht genau getimt.
87. Minute: Jetzt schwimmt Bochum: Hanke köpft aus kurzer Distanz nach Matmour-Flanke, wieder hält Luthe herausragend.
86. Minute: De Camarago setzt Arango ein, der nimmt den Ball aus halblinker Position volley, Luthe ist unten und hält den Ball hervorragend.
84. Minute: Wieder eine Ecke für Gladbach, wieder köpft Dante nur knapp über das Tor.
80. Minute: Die Gäste sind mit dem 0:0 zufrieden, Gladbach will nicht alles riskieren.
74. Minute: Gute Freistoßmöglichkeit für Gladbach aus 19 Metern, aber Reus trifft nur die Mauer. Hanke kommt nach der folgenden Ecke zum Kopfball, Luthe wehrt gekonnt ab.
68. Minute: Arango flankt von links scharf in die Mitte, Hanke verpasst das 1:0 nur äußerst knapp.
63. Minute: Das Spiel nimmt wieder an Fahrt auf: Es geht wie schon zu Beginn hin und her, mit Distanzschüssen werden die Keeper geprüft.
57. Minute: Den Borussen fällt nicht mehr viel ein. Bochum hat derzeit wenig Mühe.
51. Minute: Gladbach wirkt noch entschlossener, doch Bochum ist gerade in der Zentrale sehr aufmerksam und bissig.
46. Minute: Wiederanpfiff! Tese ersetzt Aydin beim VfL.
45. Minute: Halbzeit!
41. Minute: Die Teams tun sich momentan nicht weh, die Halbzeit naht.
34. Minute: Dreifachchance für die Hausherren! Hanke, Neustädter und Arango scheitern im Sekundentakt entweder an Luthe oder Abwehrbeinen.
32. Minute: Gladbach ist leicht überlegen, doch der VfL bleibt mit Kontern gefährlich. Ein 0:0 der guten Sorte.
24. Minute: Arango passt auf Hanke, der den Ball aufs Tor spitzelt. Doch ein gegnerisches Bein klärt zur Ecke. Beim folgenden Eckball kommt Dante ganz frei zum Kopfstoß, setzt diesen aber zu hoch an. Riesenchance.
22. Minute: Freier passt bei einem Konter auf Maltritz, der bedrängt aus 18 Metern abzieht. Ter Stegen klärt per Faust zur Ecke.
15. Minute: Gladbach versucht die Initiative zu übernehmen, weiter ein ansprechendes Relegationsspiel.
9. Minute: Idrissou schießt nach schönem Zusammenspiel mit Hanke ans Außennetz. Es geht auf und ab, ein intensives Spiel.
5. Minute: Ecke von links, Kopfball durch Yahia und Daems rettet mit Hilfe der Latte auf der Linie!
1. Minute: Jantschke setzt sich super durch, flankt von rechts auf Arango, dessen Kopfball zur Ecke abgefälscht wird.
1. Minute: Anpfiff!
Vor dem Anpfiff: Lucien Favre verzichtet auf personelle Änderungen und lässt zum dritten Mal in Folge dieselbe Startelf auflaufen. So hält es auch sein Kollege Friedhelm Funkel.








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