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Sport

Relegation

"Superhirn" Favre macht Bochum große Sorgen

Trainer Lucien Favre hat Fußball-Bundesligist Borussia Mönchengladbach wieder die Hoffnung auf den Klassenerhalt gegeben. Dabei ist der Schweizer kein typischer Feuerwehrmann. Das „Super-Hirnli" verfolgt einen genauen Plan.

Lucien Favre, Trainer von Borussia Mönchengladbach
Foto: dpa/DPA

Mönchengladbach. In seiner Schweizer Heimat wird Lucien Favre respektvoll das „Super-Hirnli“ genannt. Beim fünfmaligen deutschen Fußball-Meister Borussia Mönchengladbach konnte man sich in den vergangenen drei Monaten von den Gründen seines Spitznamens überzeugen. Diszipliniert, kompakt, taktisch gut eingestellt - seit Favres Amtsübernahme am 14. Februar präsentierte sich das bis dahin abgeschlagene Bundesliga-Schlusslicht erstligareif.

„Er leistet hervorragende Arbeit und stellt uns immer wieder sehr gut auf den Gegner ein“, sagte Stürmer Mike Hanke über die Vorzüge seines Trainers. Der 53-jährige Favre unterbricht immer wieder die Gladbacher Trainingseinheiten, um Dinge anzusprechen und sofort zu korrigieren.

Als er als Nachfolger des entlassenen Michael Frontzeck verpflichtet wurde, lag die Borussia mit sieben Punkten Rückstand auf den Relegationsrang abgeschlagen am Tabellenende. Die Abwehr wurde als Schießbude der Liga verspottet, eine klare Linie im Spiel vermisst. Unter Favres Regie gelang die Aufholjagd, der direkte Abstieg wurde verhindert. Dennoch ist Favre kein typischer Feuerwehrmann. Schon seine Vertragsdauer bis zum 30. Juni 2013 und die von Beginn an vorhandene Bereitschaft, den Traditionsklub notfalls in der 2. Liga neu aufzustellen, untermauert diese Tatsache.

Der aus dem beschaulichen Schweizer Ort Saint-Barthelemy (Kanton Waadt) stammende Coach steht für kontinuierlichen Aufbau und Offensiv-Fußball. So führte er in der Bundesliga Hertha BSC Berlin 2009 fast zur deutschen Meisterschaft. Als dann aber der Absturz folgte, bekam Favre nicht mehr die Kurve.

Favre verglich den Aufbau einer erfolgreichen Mannschaft einst mit dem Rezept für einen Kuchen: „Du brauchst immer Eier, Zucker und Mehl - aber auf die richtige Mischung kommt es an“, lautet die Formel Favres.

Schon als Spieler wurde er für seine strategischen Fähigkeiten gelobt. Als Profi war er von 1976 bis 1991 aktiv, fast nur in der Schweiz. Einzige Ausnahme war 1983/84 ein Gastspiel beim FC Toulouse. Favre spielte mit viel Übersicht und taktischem Verständnis vor der Abwehr. In den 70er Jahren lernte er Mönchengladbachs Meistermacher Hennes Weisweiler kennen - eine prägende Erfahrung. „Er hat mich als besten Spieler der Schweiz vorgeschlagen. Das hat mich stolz gemacht“, sagte Favre.

Seine Karriere wurde aber von einer schweren Verletzung überschattet. Im September 1985 zog er sich bei einem Foul von Pierre-Albert Chapuisat (Vater von Stephane Chapuisat) Knochenbrüche und Bänderrisse zu. Es kam sogar zu einem strafrechtlichen Prozess, Chapuisat wurde zu einer Geldstrafe wegen fahrlässiger Körperverletzung verurteilt.

Die Mannschaft der Stunde trifft auf die Aufstiegsexperten schlechthin: Borussia Mönchengladbach spielt in der Relegation gegen den VfL Bochum und gilt als hoher Favorit. Ein Umstand, der Trainer Lucien Favre vor dem ersten Duell am Donnerstag Sorgen bereitet.

Für die Mannschaft der Stunde beginnt die Rechnung wieder bei null, und Lucien Favre ist anscheinend nicht ganz wohl dabei. „Die Chancen stehen 50:50“, sagt er und versuchte vehement, dem allgemein vorherrschenden Eindruck entgegenzuwirken, die Relegation gegen den Zweitliga-Dritten könnte für sein Team nach dem geglückten Liga-Endspurt so etwas wie ein Selbstläufer werden.

Seine Spieler, die mit zehn Punkten in den letzten vier Spielen den direkten Abstieg verhindert haben, strotzen jedenfalls vor Selbstvertrauen. „Bochum ist keine schlechte Mannschaft, aber wir haben die besseren Einzelspieler und sind gut drauf. Wir wollen beide Spiele gewinnen“, sagt Marco Reus. Der Shootingstar kündigte zudem zur Freude aller Gladbacher Fans am Mittwoch via Sport Bild an, selbst im Abstiegsfall weiter für die Borussia spielen zu wollen.

Mike Hanke ist sich derweil sicher, dass „wir es auf jeden Fall schaffen werden, wenn wir 100 Prozent geben und die Leistungen der letzten Wochen abrufen.“ Interessierte Beobachter sind sich ebenso sicher: In einer Online-Umfrage des Fachmagazins kicker mit weit mehr als 5000 Teilnehmern setzten beeindruckende 81,4 Prozent auf Borussia Mönchengladbach.

Eine von Favres vorrangigen Aufgaben vor dem Spiel dürfte sein, dass die Spieler seine Warnungen nicht als notwendiges Geschwätz hinnehmen, sondern als Aussagen mit durchaus realistischem Hintergrund verinnerlichen. Immerhin muss seine Elf im Hinspiel am Donnerstag im ausverkauften Borussia-Park wohl etwas tun, das sie seit Monaten nicht mehr getan hat und das auch nicht unbedingt ihre Stärke ist: das Spiel machen.

Der VfL Bochum stellt zudem eine unangenehm zu spielende Mannschaft, die nach schwachem Saisonbeginn auf dem Rasen regelmäßig die Kompaktheit zeigt, die Gladbach erst durch Favre nach dessen Amtsübernahme Mitte Februar verliehen bekommen hat. In dem formstarken Mirkan Aydin, Top-Joker Giovanni Federico oder den allerdings angeschlagenen Mimoun Azaouagh und Chong Tese verfügt der VfL zudem über Spieler, die auch mal aus dem Nichts treffen können. Bochums Trainer Friedhelm Funkel formuliert es so: „Gladbach sollte sich nicht zu viele Fehler erlauben, denn wir haben Spieler, die diese Fehler ausnutzen können.“

Auch dank einer Serie von 15 Spielen in Folge ohne Niederlage sammelten die Westfalen in der Rückrunde der 2. Liga mehr Punkte (37) als Gladbach in der kompletten Erstliga-Saison (36). Favre reiht deshalb nicht ohne Grund Warnung an Warnung: „Das Selbstvertrauen in meiner Mannschaft ist groß, aber wir müssen eine Top-Leistung bringen, um Bochum zu besiegen.“

Einhellig ist die Meinung auf beiden Seiten, dass die durchaus bemerkenswerten Statistiken, die rund um die beiden Relegationsspiele kursieren, zur Entscheidung wenig beitragen werden. Seit 15 Spielen hat Bochum gegen Gladbach nicht mehr verloren. „Das ist schön zu lesen, aber bringt uns gar nichts“, sagt Funkel, und Gladbachs Sportdirektor Max Eberl, einst Profi in Bochum sagt: „Den Angstgegner Bochum gibt es nicht. Es gibt nur zwei Endspiele.“

Auch die Tatsache, dass Funkel und Bochum unabhängig voneinander die deutschen Aufstiegsexperten schlechthin darstellen, hilft dem VfL wohl kaum weiter. Funkel stieg als Trainer bislang fünfmal von der zweiten in die erste Liga auf. Bochum schaffte nach seinen bislang fünf Abstiegen immer den direkten Wiederaufstieg.

Die voraussichtlichen Aufstellungen:

Mönchengladbach: Ter Stegen - Jantschke, Stranzl, Dante, Daems - Nordtveit, Neustädter - Reus, Arango - Hanke, Idrissou

Bochum: Luthe - Kopplin, Maltritz, Yahia, Ostrzolek - Dabrowski - Johansson, Toski - Freier, Aydin, Korkmaz. - Trainer: Funkel

Schiedsrichter: Günter Perl (München)

 

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