LEICHTATHLETIK Ingo-Schultz-Trainer Jürgen Krempin über Talentfindung, Schulsport und Hamburgs Olympiachancen.
ABENDBLATT: Herr Krempin, am Sonntag laufen 20 000 den Hamburger Marathon. Wie viele Ingo Schultz' sind diesmal dabei? KREMPIN: Das lässt sich naturgemäß nur schwer einschätzen. Sicherlich gibt es auch bei dieser Großveranstaltung das eine oder andere Talent, das in einer anderen leichtathletischen Disziplin - vielleicht sogar in einer anderen Sportart - besser aufgehoben wäre. Leider aber finden in den letzten Jahren immer weniger Sportbegeisterte den Weg zur klassischen Leichtathletik. Dies stellen wir zunehmend auch im Schüler- und Jugendbereich fest. ABENDBLATT: Das macht Ihre Arbeit nicht einfacher. Sie haben am 15. März die seit sieben Jahren vakante Stelle als Landestrainer Lauf im HLV, dem Hamburger Leichtathletik-Verband, angetreten. Ist der Zeitpunkt Zufall, oder sehen Sie sich als Feigenblatt für Hamburgs Olympia-Bewerbung? KREMPIN: Nein. Die Stelle hätte auf Grund der gestiegenen Zahl an Kaderathleten schon seit September letzten Jahres besetzt werden können. Vielleicht hat der HLV die Suche zunächst etwas schleifen lassen. ABENDBLATT: Was wollen Sie in ihrem neuen Amt erreichen? KREMPIN: Zunächst die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Vereinen fördern. Ich will an die Schulen gehen und über die wieder eingeführte dritte Sportstunde ein Training in den Unterricht integrieren. Denn in den letzten Jahren haben die Schulen relativ wenige Talente den Vereinen zugeführt. Das Leichtathletik-Interesse bei den Lehrern ist heute sicher geringer als zu meiner Jugendzeit. ABENDBLATT: Bei den Schülern offenbar auch . . . KREMPIN: Richtig. Es gibt einfach zu viele Ablenkungen, zu viele Funsport-Angebote. Ich sehe das ja bei der TSG Bergedorf mit fast 12 000 Mitgliedern: Da gibt es ein Trendsport-Center, Free-Climbing-Wände, Indoor-Beachvolleyball. Aber Wettkampfsport wird auch bei der TSG eher stiefmütterlich behandelt. Nicht umsonst ist Ingo Schultz ja weggegangen. ABENDBLATT: Der Verein wollte dafür kein Geld ausgeben? KREMPIN: Schlicht und einfach. Wobei das Management bei der LG Olympia Dortmund viel professioneller ist. Auch die Verbindung, die man als Verein zum Landesverband hat, ist viel enger. In Hamburg hat die Leichtathletik bis auf wenige Athleten keine Aushängeschilder und verkauft sich dadurch schwerer. Wichtig ist deshalb, dass wir die Talente früh erkennen und gezielt fördern. ABENDBLATT: Wirklich? Ist nicht Ingo Schultz das beste Beispiel dafür, dass man auch spät anfangen kann? KREMPIN: Ingo ist natürlich eine Ausnahme, der erste Fall dieser Art seit vielen Jahren. Ich will bei den schulischen Sportveranstaltungen vor Ort sein und Schüler und Lehrer gezielt ansprechen. Die Talentfindung muss spätestens im Alter von 13, 14 Jahren erfolgen, weil da die koordinativen Fähigkeiten noch entwickelbar sind. Auch Ingos Laufstil ist nicht so, wie ich ihn mir als Trainer vorstelle. Aber er ist Vizeweltmeister, was soll ich dazu sagen? Bei einer technisch einfachen Disziplin wie dem 400-Meter-Lauf ist es sicher leichter, da kann auch eine, pardon, lahme Krücke mit normalem Training an 52 Sekunden heranlaufen. ABENDBLATT: Wozu brauche ich dann einen Landestrainer? KREMPIN: Der Laufstil ist einfach. Das Schwierige ist die Trainingsmethodik und -steuerung. Mein Eindruck ist, dass viele Trainer nicht genau wissen, wie sie ihren Athleten belasten sollen. Die sagen: Heute machst du mal ein 200-, nächste Woche dann ein 400-Meter-Rennen. Oder die Periodisierung: Die Trainingslehre sagt, dass es im Sommer nur einen oder maximal zwei Höhepunkte geben darf. ABENDBLATT: Was können Sie beim geplanten Kadertraining bewirken? KREMPIN: Mir geht es auch darum zu motivieren. Dafür sind Gruppenerlebnisse wichtig: gemeinsame Wettkampffahrten, Trainingswochenenden in der Sportschule Wentorf. Viele Athleten beklagen, dass man sich nie im Training begegnet und nie die Gelegenheit hat, die Leistung am anderen zu messen. Es macht doch viel mehr Spaß, harte Tempoläufe mit anderen zu machen, die auf dem gleichen Level sind. Und wir wollen das Kadertraining nicht auf den Lauf beschränken, sondern alle Disziplinen versammeln samt Trainern - und wir haben in Hamburg kompetente Trainer. Was fehlt, sind Talente. ABENDBLATT: Fehlt der Ehrgeiz? KREMPIN: Das denke ich nicht. Wir haben ja gute Läufer, aber kaum gute Werfer und Springer. Warum? Nun, springen Sie bei minus zwei Grad gern draußen weit? Wo kann man in Hamburg hochspringen außer in Schulturnhallen mit Linoleumboden. In der Alsterdorfer Sporthalle entsprechende Trainingsmöglichkeiten einzurichten können Sie vergessen. ABENDBLATT: Die bestehenden Sportstätten reichen nicht aus? KREMPIN: Im Sommer schon. Was uns fehlt, ist die Halle. Wir sollten uns auf das Konzept von 1997 verständigen. Der geplante Standort war neben der Alsterdorfer Halle, das wäre ideal, weil man auch im Sommer bei schlechtem Wetter kurzfristig von der Jahnkampfbahn ausweichen könnte. Wenn wir diese Halle nicht bekommen, werden die Leistungen keinen Schub nach vorn bekommen. ABENDBLATT: An Lippenbekenntnissen, die Halle bauen zu wollen, mangelt es nicht. KREMPIN: Senator Lange hat ja gesagt: Die Halle wird kommen. Wir brauchen sie ja nicht nur für die Leichtathletik. HSV-Coach Kurt Jara braucht sie für seine Spieler beim Sprinttraining im Winter, nicht umsonst sind die alle naslang verletzt. Auch den Footballern der Blue Devils wäre geholfen. Der gesamte Hamburger Spitzensport würde profitieren - und die Olympia-Bewerbung. Denn Hamburg wird an der leistungssportlichen Infrastruktur gemessen werden, und dazu gehört die Leichtathletikhalle unabdingbar. Kommt sie nicht, ist das schon ein dickes Minus . . . ABENDBLATT: . . . im nationalen Auswahlverfahren . . . KREMPIN: . . . das schwieriger sein wird als das internationale. Denn das Hamburger Konzept "Spiele am Wasser" ist wirklich gut, das hat mir kürzlich auch der Sportreferent des Fußball- und Leichtathletikverbandes Westfalen bestätigt. ABENDBLATT: Kann Hamburg den Rückstand bei der Leistungssportförderung aufholen? KREMPIN: Auf jeden Fall. Es müssen aber deutliche Zeichen gesetzt werden, und die Halle wäre so ein Zeichen. Frank Hensel, der Generalsekretär des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, hat mir gesagt: Die Halle ist das Kriterium. Kommt sie nicht, wird Hamburg nicht gefördert. Leichtathletik ist die olympische Kernsportart, ich denke, das wird sich die Stadt nicht leisten können. ABENDBLATT: Hier könnte sich doch Hamburgs Wirtschaft hervortun. Sie hatte im Zuge der Olympiabewerbung ja vollmundig angekündigt, sich zu engagieren. Inzwischen ist mehr als ein halbes Jahr vergangen, konkret passiert ist nichts. Sind Sie jetzt enttäuscht? KREMPIN: Aber Ihren Eindruck, dass bisher noch nicht viel passiert ist, teile ich. Man nehme nur das Hammer-Park-Meeting, eine der großen Sportveranstaltungen in Hamburg, die dringend Sponsoren braucht. ABENDBLATT: Welche Rolle spielen solche Spitzenevents für Ihre Arbeit als Landestrainer? KREMPIN: Für die Nachwuchsathleten ist der Kontakt mit den Stars enorm motivierend. Ich sehe das ja, wenn Ingo bei uns mittrainiert: Die Kinder sind begeistert. Eine Veranstaltung wie im Hammer Park muss auch im Hinblick auf die Bewerbung gepusht werden ohne Ende. ABENDBLATT: Kann man denn da so viel pushen? Die Kapazitäten sind doch begrenzt. KREMPIN: Es wäre zu überlegen, ob man auf die Jahnkampfbahn ausweicht, dort könnte ich erheblich mehr Zuschauer unterbringen. Ein volles kleines Stadion ist aber in jedem Fall besser als manche Veranstaltung im Volksparkstadion, bei der trotz 10 000 Zuschauern gähnende Leere herrschte. ABENDBLATT: Sie weinen der alten Arena keine Träne nach? KREMPIN: Hamburg wurde durch den Umbau der Möglichkeit beraubt, deutsche Meisterschaften auszurichten, das ist sehr schade. Dass die Stadt kein großes Stadion mehr hat, ist schlecht für die Olympiabewerbung und zeigt, dass die Leichtathletik in Hamburg stiefmütterlich behandelt wird. ABENDBLATT: Dafür hat sich die Stadt - vielleicht auch aus der Not heraus - ein Image als Breitensportstadt verpasst. Ist es im Hinblick auf Olympia nicht viel wichtiger, dass viele in Bewegung sind, als wenn nur einige wenige besonders gut sind? KREMPIN: Leistungs- und Breitensport sind gleichermaßen Bewertungskriterien. Hamburg muss zusehen, dass es sein Standbein Leistungssport ganz erheblich verstärkt. Dazu will ich gern beitragen. Auch das Umfeld der Athleten muss verbessert werden: Physiotherapie, sportmedizinische Untersuchungen. Da ist womöglich auch der Olympiastützpunkt nicht ausreichend besetzt. Wenn eine Athletin wie Bianca Kappler, immerhin viertbeste deutsche Weitspringerin, pro Woche nur 20 Minuten Physiotherapie bekommt, ist das ein Problem. ABENDBLATT: Haben Sie sich auch schon mit Abwanderungsgedanken getragen? Angebote dürfte es ja gegeben haben . . . KREMPIN: Zuletzt aus Kenia. Aber ich bin sehr mit Hamburg verbunden. Und ich möchte mein Geld nicht nur durch Sport verdienen. Das würde mich - und das klingt jetzt vielleicht arrogant - intellektuell nicht ausfüllen. Deshalb will ich weiter in der Informatik tätig sein. Aber wenn das Angebot so lukrativ wäre, dass es sich auch für einen begrenzten Zeitraum lohnen würde, würde ich überlegen. Ansonsten sprechen mich auch einige Kaderathleten an, dass sie gern bei mir trainieren wollen. Aber wenn ich dann erzähle, dass wir keine Halle haben, heißt es: "O Gott!" ABENDBLATT: Lassen sich die Heimtrainer von Ihnen reinreden? KREMPIN: Das hoffe ich. Ich will ja nicht ihre Arbeit übernehmen. Als Sprinttrainer will ich mich aber schon um den Koordinationsbereich kümmern, da haben viele Mittel- und Langstreckler doch echte Defizite. ABENDBLATT: Sind auch Qualifizierungsmaßnahmen für die Trainer vorgesehen? KREMPIN: Die Aus- und Weiterbildung der Heimtrainer ist zentral. Einigen fehlt sogar die Lizenz und damit jeder theoretische Background. Das sind zum Teil gute Trainer. Aber ich denke, man kann noch mehr herausholen, wenn man weiß, warum man etwas tut. Hier will ich zusammen mit den Lehrwarten gezielte Maßnahmen entwickeln mit hochrangigen Referenten. ABENDBLATT: Brauchen Sie die Unterstützung des Hamburger Leichtathletik-Verbandes? KREMPIN: Ja, und die des Hamburger Sportbundes und der Behörden . . . ABENDBLATT: . . . alles Institutionen, die sich durch ihr vorbildliches Engagement für den Hamburger Leistungssport ausgezeichnet haben . . . KREMPIN: Das ist die Schwierigkeit dieser Aufgabe. Aber der Wille ist jetzt ja da. ABENDBLATT: Fürchten Sie, dass alles wieder zusammenbrechen könnte, wenn Hamburgs Olympiabewerbung scheitert? KREMPIN: Wenn es uns nicht gelingt, in diesem Jahr den Leistungssport nachhaltig zu fördern, dann ist diese für Hamburg einmalige Chance vertan. Interview: RAINER GRÜNBERG, ACHIM LEONI






