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Sport

FC Bayern München

Hoeneß tritt gegen van Gaal nach – Jonker übernimmt

Nach dem 1:1 in Nürnberg und dem Abrutschen auf Rang vier zog der FC Bayern die Reißleine. Der Klub hat sich von Louis van Gaal getrennt.

Servus! Louis van Gaal muss den FC Bayern frühzeitig verlassen
Foto: dpa/DPA

München/Nürnberg. Das „Feierbiest“ ist gefeuert – jetzt soll Cheftrainer-Nobody Andries Jonker wie einst Jupp Heynckes den FC Bayern vor der Europa League bewahren. Fünf Spiele bleiben dem beförderten Assistenten des am Wochenende beurlaubten Louis van Gaal, um den Münchner Fußball-Rekordmeister in die Champions League zu führen und die missglückte Saison noch zu einem einigermaßen versöhnlichen Ende zu führen. „Ich erwarte eine Explosion und dass die Zwangsjacke abgestreift wird“, sagte Präsident Uli Hoeneß nach dem Trainerwechsel und rechnete gleich mit dem ungeliebten van Gaal ab. „Erfolg ist etwas – Spaß machen ist das andere. Der Spaß hat hier schon lange gefehlt.“

Wie vor zwei Jahren, als Heynckes in ebenfalls fünf Spielen mit 13 von 15 Punkten nach dem Ende des Experiments mit Jürgen Klinsmann die Königsklasse noch erreichte, soll Jonker nun die Münchner im titellosen Jahr von Rang vier mindestens auf den von Hannover belegten Platz drei führen. Pikanterweise wird Heynckes, der in der neuen Saison das Trainer-Kommando beim FC Bayern übernimmt, am kommenden Sonntag mit Leverkusen der erste Gegner sein. Bis dahin soll der bisherige van Gaal-Assistent Jonker, dem Hermann Gerland als Assistent zur Seite steht, dem beim 1:1 in Nürnberg blutleer wirkenden Rekordmeister-Team wieder Freude am Kick vermitteln.

„Der Vorstand musste reagieren. Sonnabend war das Fass übergelaufen“, sagte Hoeneß, der dem Team die „pure Angst“ angesehen hatte. Bei Arjen Robben, der sich unterschwellig auch über die Team-Leistung beklagte, entlud sich der aufgestaute Frust nach dem Schlusspfiff am Sonnabend in einer Schiedsrichterbeleidigung und seiner ersten Roten Karte in der Bundesliga. Er fehlt zum Start der Jonker’schen Rettungsmission.

Gemeinsam mit den Vorständen Karl-Heinz Rummenigge und Karl Hopfner sowie Sportdirektor Christian Nerlinger fällte Hoeneß die Entscheidung, die Notbremse zu ziehen. Noch am Abend nach dem durch einen Patzer von Keeper Thomas Kraft leichtfertig verschenkten Sieg beim „Club“ wurde van Gaal das Ende an der Säbener Straße in einer „relativ kurzen Geschichte“ mitgeteilt. Ohne „emotionale Regung“, so Rummenigge, habe der 59-Jährige das Ende seiner seit dem 1. Juli 2009 dauernden Bayern-Zeit hingenommen.

Die vor einem Monat krampfhaft gebastelte und sicher auch mangels Alternativen gewählte Lösung, dass van Gaal statt bis 2012 wenigstens bis zum Ende dieser Saison seine Arbeit fortführen durfte, entpuppte sich letztlich nur als fauler Kompromiss. Und erfolglos war der Versuch sowieso. „Dass die Mannschaft hinter van Gaal stand, ist ein Märchen“, klagte Hoeneß, der mit dem beratungsresistenten Niederländer immer wieder heftig aneinandergeraten war. Eine Basis zwischen den beiden gab es nicht mehr.

Am Sonntag leitete der 48-jährige Jonker zusammen mit Gerland vor mehreren hundert Zuschauern das Auslaufen der Mannschaft, aus deren Kreise sich einige Akteure über den selbstherrlichen van Gaal beklagt haben sollen. Und in den Bossen gärte es seit langem. „Seit Wochen gab es eine Unzufriedenheit, die in uns wächst“, betonte Rummenigge und machte eine „Blockade“ im Team aus. Die soll Jonker lösen. „Wir wollten einen Mann haben, der die Verhältnisse kennt, der weiß, was zu ändern ist“, sagte der Vorstandschef. Im neuen Jahr könnte Jonker als Amateurtrainer dem Verein erhalten bleiben, Gerland dann als Assistent von Heynckes bei den Profis bleiben.

Dass ausgerechnet der von van Gaal ohne Not und überraschend im Winter zur Nummer 1 beförderte Thomas Kraft mit seinem Fehler das Ende der Trainer-Amtszeit beschleunigte, bezeichnete Rummenigge als „Ironie des Schicksals“. Im insgesamt schleichenden Abnutzungsprozess van Gaals war das Torhüter-Thema einer von vielen Reibungspunkten. „Mit der Entscheidung, Jörg Butt aus dem Tor zu nehmen, ging die Scheiße los“, sagte Hoeneß über die Torwart-Angelegenheit. Statt wie erhofft durch das „große Tor“ musste sich van Gaal, der im Vorjahr das Double gewann und das Champions-League-Finale erreichte, vorzeitig durch den Hinterausgang verdrücken.

Für Jonker, der schon in Barcelona Co-Trainer von van Gaal war, sei die Amtsübernahme „natürlich ein großer Schritt“, sagte Rummenigge. „Aber er musste nicht lange überlegen. Er ist 100-prozentig davon überzeugt, dass wir alle gemeinsam die Ziele erreichen werden.“ Und nicht wie in der Saison 2007/08 wieder im „Verlierer-Cup“ Europas spielen müssen. „Wir vertrauen Andries Jonker und glauben, dass er die große Aufgabe meistern wird“, sagte Nerlinger.

Die Chronologie des Louis van Gaal beim FC Bayern

Am 1. Juli 2009 trat Louis van Gaal sein Amt als Trainer beim Fußball-Rekordmeister Bayern München an. Gleich in seiner ersten Saison an der Isar hat er (fast) alles gewonnen, ist zum «Feierbiest» geworden. Die Sprüche des Niederländers, wie «Tod oder Gladiolen», haben Eingang in die deutsche Sportsprache gefunden.

Nach dem 1:3 bei Hannover 96 am 5. März 2011 entschied der Vorstand: Van Gaal darf bleiben, soll aber am Saisonende gehen. Am Sonntag, einen Tag nach dem 1:1 beim 1. FC Nürnberg, gab der FC Bayern dann bekannt: Van Gaal muss sofort gehen. Der Sport-Informations-Dienst (SID) gibt einen Überblick über die knapp zwei Jahre währende Ära van Gaal in München.

SAISON 2009/10:

1. Juli 2009: Der erste Arbeitstag

«Mia san mia, und ich bin ich. Selbstbewusst, arrogant, ehrlich, innovativ. Aber auch warm und familiär. Diese Kultur passt mir wie ein warmer Mantel», sagt van Gaal.

8. August 2009: Das erste Bundesliga-Spiel

Die Bayern spielen 1:1 in Hoffenheim. Im Tor steht noch Michael Rensing, in der Abwehr ein gewisser Holger Badstuber. Und in der 73. Minute wechselt Louis van Gaal seine größte Entdeckung ein: Thomas Müller.

12. September 2009: Ribery «liebt» van Gaal

Die Bayern gewinnen 5:1 bei Borussia Dortmund. Franck Ribery, von van Gaal in seinen ersten Wochen mehrfach erniedrigt, springt dem Trainer nach einem Tor in die Arme. «Er hat gezeigt, dass er diesen Trainer liebt», sagt van Gaal.

7. November 2009: Van Gaal sortiert aus

Luca Toni verlässt beim Spiel gegen Schalke 04 (1:1) zur Pause das Stadion, gebrochen von van Gaals Missachtung. Später wird der «Tulpen-General» noch Torwart Jörg Butt, Verteidiger Martin Demichelis und Kapitän Mark van Bommel demontieren. Mario Gomez schaffte er nicht.

8. Dezember 2009: Turin - die Wende

Nach 14 Liga-Spielen haben die Bayern sechs Punkte Rückstand auf Platz eins, in der Champions League droht das Aus. David Trezeguet schießt Juventus Turin in der 19. Minute in Führung, van Gaal ist zu diesem Zeitpunkt entlassen. Doch sein Team gewinnt 4:1 und kommt ins Achtelfinale.

23. Januar 2010: Robben «stürzt» van Gaal

Arjen Robben trifft bei Werder Bremen zum 3:2 und will mit dem Coach jubeln. Van Gaal flüchtet, strauchelt - stürzt. «Vielleicht hatte er ein bisschen Angst vor mir», sagt Robben.

1. Mai 2010: Das Meisterstück

Mit dem 3:1 gegen den VfL Bochum sichert sich der FC Bayern am 33. Spieltag faktisch den 22. Meistertitel. «Ich bin ein Feier-Biest», sagt van Gaal. Der Traum vom Triple lebt.

9. Mai 2010: Muttertag

Van Gaal grüßt vom Meisterbalkon und schickt einen «dicken Kuss» an alle «Muttis». Dann sagt er: «Wir sind Meister. Nicht nur von München, sondern auch von Gelsenkirchen. Auch von Bremen, und auch in Hamburg. Wir sind die Besten - von Deutschland. Und vielleicht Europas!» Das Volk tobt.

16. Mai 2010: Pokalsieg

Van Gaals Elf zerlegt Werder Bremen beim 4:0 nach allen Regeln der Kunst. «Wenn mir das einer vor einem halben Jahr gesagt hätte, hätte ich ihn in die Nervenheilanstalt weitergeleitet», sagt Franz Beckenbauer.

21. Mai 2010: Mourinho knackt van Gaal

Beim 0:2 im Endspiel der Champions League wird van Gaal von seinem einstigen Schüler Jose Mourinho entzaubert. Das Triple bleibt ein Traum.

SAISON 2010/11:

20. August 2010: Saisonstart

Die Bayern eröffnen die Bundesliga-Spielzeit mit einem knappen 2:1 gegen den VfL Wolfsburg. Bastian Schweinsteiger nennt das Team «besser als Real Madrid».

12. September 2010: Van Gaal beruhigt

Zum 65. Geburtstag von Franz Beckenbauer spielen die Bayern 0:0 gegen Werder Bremen. «Die Preise werden im Mai verteilt», sagt van Gaal.

25. September 2010: Mainz

Die Bayern verlieren 1:2 gegen Mainz 05. «Mainz kann Meister werden», sagt van Gaal. Seine von der WM geschlauchte Mannschaft ist davon weit enfternt.

27. September 2010: Vertragsverlängerung

Van Gaals Kontrakt wird bis 2012 ausgedehnt. «Er hat uns eine Philosophie gebracht, die wir fortsetzen möchten», sagt Sportdirektor Christian Nerlinger.

4. Oktober 2010: Hoeneß schimpft

0:2 bei Borussia Dortmund. «Es ist der Zeitpunkt gekommen, dass wir den Mantel der Nächstenliebe weglegen», wettert Präsident Uli Hoeneß.

6. Oktober 2010: Die Buchvorstellung

Van Gaal präsentiert seine Biographie - und sagt zu Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge und Hoeneß: «Es ist auch für Sie wichtig, das zu lesen.»

31. Oktober 2010: Hoeneß greift an

In der TV-Sendung «Sky 90» nennt Hoeneß van Gaal «beratungsresistent». Van Gaal ist geschockt.

2. November 2010: Der «Friede von Cluj»

Am Rande der Champions-League-Reise nach Transsylvanien wird offiziell verlautbart, Rummenigge habe Hoeneß und van Gaal wieder zusammengeführt.

20. November 2010: Der «Kaiser» grollt

1:1 bei Bayer Leverkusen. Beckenbauer sieht «Fehler wie im Kindergarten» und schimpft: «Das ist keine Spitzenmannschaft. Die sind nicht meistertauglich.»

5. Februar 2011: Karneval in Köln

Die Bayern verspielen beim 2:3 erstmals seit über 13 Jahren eine 2:0-Führung. Van Gaal wackelt.

26. Februar 2011: Blamage gegen Dortmund

Beim 1:3 werden die Bayern vom Tabellenführer phasenweise vorgeführt. «Wir haben an Image verloren», klagt Rummenigge.

2. März 2011: Schalke fährt nach Berlin

Nach dem 0:1 gegen die Knappen ist auch der zweite Titel futsch. «Die Partie in Hannover ist vielleicht das wichtigste Spiel der ganzen Saison. Da geht es um alles», sagt Kapitän Philipp Lahm.

5. März 2011: Die Schmach von Hannover

96 schlägt die Bayern 3:1 - und van Gaals Ende rückt näher.

7. März 2011: Abruf auf Raten

Van Gaal darf bleiben - aber nur bis zum Saisonende.

15. März 2011: Das Aus in der Champions League

Trotz eines 1:0 bei Inter Mailand scheidet der FC Bayern durch ein 2:3 in der eigenen Arena im Achtelfinale gegen den Titelverteidiger aus.

9. April 2011: Das Ende

Nach dem 1:1 beim 1. FC Nürnberg und den Rückschritt auf Rang vier trennt sich der FC Bayern mit sofortiger Wirkung von van Gaal.

(dpa/sid/abendblatt.de)

 

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