Michael Schumacher
Der Unvollendete
Nach 1239 Tagen Pause ist Michael Schumacher wieder in die Formel 1 zurückgekehrt. Die Szene begrüßt ihn als Heilsbringer. Christian-A. Thiel fragt: Was treibt einen Mann an, der in seinem Leben schon alles erreicht hat?
Michael Schumacher ist zurück in der Formel 1.
Foto: dpa/DPA
Es ist alles nicht das Richtige gewesen, was Michael Schumacher in seinen drei Jahren als Vorruheständler ausprobiert hat. Beim Motorradfahren lernte er, wie leicht man sich auf zwei Rädern den Hals brechen kann. Der Absprung mit dem Fallschirm erhöhte den Adrenalinspiegel kaum messbar. Und der Ausritt mit den Pferden seiner Frau Corinna hatte, nun ja, einfach zu wenig PS.
Nun wird der Alltag von Deutschlands bestem Autofahrer also wieder aus jener Tätigkeit bestehen, die er 16 Jahre bis zum Exzess ausgelebt hat. Der durchtrainierte Athlet wird sich in eine enge Röhre aus Kohlefaser-Verbundstoff zwängen und mit dem rechten Fuß den Achtzylinder-Motor bis 18 000 Umdrehungen pro Minute aufjaulen lassen. Er wird das 620 Kilogramm schwere Geschoss, ein paar Zentimeter über dem Asphalt liegend, auf mehr als 300 km/h beschleunigen, im Rücken einen Tank mit mehr als 200 Litern leicht entflammbaren Benzins. Er wird mit seinen austrainierten Halsmuskeln den Fliehkräften standhalten, die seinen Kopf in schnellen Kurven mit dem Fünffachen der Erdbeschleunigung belasten. Profan ausgedrückt: Schumacher fährt wieder mit 23 anderen im Kreis herum. Wie er es schon 249 Rennen lang getan hat und dabei anderthalbmal die Erde hätte umrunden können.
Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie sehr die Wahrnehmungen bei diesem Comeback aus dem Lot geraten sind, dann lieferte ihn der Sport-Informationsdienst. "Schumacher gut in Bahrain angekommen", hieß es in einer Meldung der Nachrichtenagentur. Das Land der Autofahrer spielt verrückt. Ihr Bester fährt wieder Formel 1.
Die biologische Uhr
Als Michael Schumacher 1991 sein erstes Formel-1-Rennen bestritt, fuhr der damals gerade vierjährige Sebastian Vettel noch mit dem Kettcar. "Ich fühle mich nicht so alt, wie es in meinem Pass steht", wiegelt Schumacher ab. Die Aussicht auf erneute Rekordfahrten mag wie ein Jungbrunnen gewirkt haben: "Ich habe mich wie ein kleiner Junge gefühlt", sagte er, als der Deal stand. In einem Vierteljahr trainierte er jedes überflüssige Gramm Fett ab - auf sein altes Kampfgewicht: 74 Kilogramm.
Ende 2006, als Schumacher den Abschied verkündete, war er tatsächlich ausgebrannt. "Warum tust du dir das noch an?", fragte er sich. Jetzt will er seine Batterien wieder aufgeladen haben. "Meine Energie ist komplett zurück", sagt er. Dennoch kann auch der fitteste 41-Jährige dem Rost der Jahre nicht entkommen. "Das Alter kann schon ein paar Hundertstel kosten", sagt der frühere Formel-1-Fahrer Hans-Joachim Stuck, der selbst mit 59 Jahren noch seine Reflexe auf dem Nürburgring testet. Der letzte Weltmeister im fünften Lebensjahrzehnt war 1966 der Australier Jack Brabham. Für Formel-1-Chefpromoter Bernie Ecclestone ist das Alter kein Hindernis: "Michael muss sich nichts mehr beweisen. Er wird motivierter sein als jemals zuvor."
Davon konnten sich bereits die Mercedes-Ingenieure im englischen Brackley überzeugen. Als Schumacher kurz nach seiner Vertragsunterschrift die Schmiede der Silberpfeile besuchte, tauschte er sich 14 Stunden lang mit den Technikern über Frontflügel und Doppeldiffusoren aus. So etwas hatten die 450 Techniker, die im Forschungslabor der englischen Mercedes-Dependance 70 Stunden in der Woche daran arbeiten, die komplexesten Fahrzeuge der Welt um Sekundenbruchteile schneller zu machen, noch nie erlebt. "Ich suche immer Details, die ich verbessern kann", sagte er dem "Stern". Auch bei ihm selbst.
Der sportliche Vergleich mit der nachdrängenden Generation ist die ultimative Herausforderung seiner Karriere. "Genau das ist es doch, was ich will", sagt Schumacher.
Die Schumacher-Macher
Wer Ross Brawn und Norbert Haug beobachtet, wenn sie die Köpfe zusammenstecken, denkt unweigerlich an Teddybären. Der Atomingenieur aus Manchester und der Journalist aus Pforzheim, zwei Männer mit brummigem Charme, haben zielstrebig zugegriffen, als Schumacher wieder auf dem Markt war. Gar nicht weit vom heutigen Schauplatz Bahrain entfernt, in Abu Dhabi, hatten sich Brawn und Schumacher im vergangenen November bei einem Bier über alles unterhalten - auch über die Formel 1. Man tritt Michael Schumacher nicht zu nahe, wenn man ihn den Fuß und Brawn das Hirn in dieser Beziehung nennt. Der 55 Jahre alte Engländer, seit Jahresbeginn Teamchef bei Mercedes, nennt Schumacher "meinen Freund". Kein anderer konnte die Geistesblitze des Technikgenies auf der Strecke so umsetzen wie der siebenmalige Weltmeister. Der wiederum formuliert: "Man hat ein gewisses blindes Verständnis."
Mercedes-Sportchef Norbert Haug (57), der seinem legendären Vorgänger Alfred Neubauer ("Der Dicke") in Sachen Leibesfülle gelegentlich schon sehr nahe kam, hat das Projekt Schumacher im Konzern angeschoben. Sein Lebenstraum war es, den ersten "echten" Silberpfeil seit 55 Jahren ins Rennen zu schicken. Jetzt sagt er nicht ohne Stolz: "Das ist eine grandiose Geschichte." Der stets kontrollierte Schwabe habe mit einem Blick auf das neue Auto "ein Kribbeln" verspürt. Und Schumacher, mit dem er früher gern mal nach den Rennen ein Bierchen trank, war die Krönung seines Traums.
Das Pokerspiel
Mercedes spielt hohe Einsätze. Gegen den Trend. Andere Konzerne haben die Formel 1 wegen mangelnder Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit verlassen. Der neue Partner Brawn GP servierte als Mitgift auf dem Silbertablett einen Weltmeistertitel. Natürlich nicht ohne die Bilanzen der Engländer sorgfältig zu prüfen, erwarb Mercedes die Mehrheit der Anteile am britischen Kundenteam. "Brawn GP" heißt in diesem Jahr "Mercedes GP". Daimler-Konzernchef Dieter Zetsche will angeblich keine zwei Sekunden nachgedacht haben. Sein neuer Partner Ross Brawn gilt als Meister der Effizienz, der aus wenigen Mitteln das Optimale herauspresst.
Doch das Risiko bleibt. Die Formel 1 ist ein Wettbewerb, der in vieler Hinsicht wenig in das Portfolio moderner Unternehmen passt: eine undurchschaubare Struktur mit dem Paten Bernie Ecclestone (79), der Hunderte von Millionen Dollar nach einem geheimen Schlüssel verteilt. Ein Rennfahrer (Schumacher), der nicht nur nach Ansicht des Betriebsrats mit mindestens sieben Millionen Euro in Krisenzeiten eindeutig überbezahlt ist. Und ein "Sport", der mit seinem extremen Treibstoffverbrauch die Bemühungen der Hersteller konterkariert, sich einen grünen Anstrich zu geben. Eine Hintertür lässt sich Mercedes offen. Wenn sich zeige, dass die Formel 1 der Marke schadet, müsste neu entschieden werden, sagt Zetsche. Dann nämlich denkt die große Mercedes-Gemeinde nicht mehr an den rasanten Werbespot mit Schumachers Tunnelfahrt im roten Sportwagen, sondern an ein etwas älteres Filmchen: "Eine Panne? Mit deinem Mercedes?"
Der Katalysator
Als Michael Schumacher kurz vor Weihnachten seinen Vertrag unterschrieb, war dies der "Tagesschau" die Spitzennachricht wert. Als Mercedes seinen neuen Werksfahrer in Stuttgart vorstellte, waren hundert Plätze für Mitarbeiter innerhalb von 21 Sekunden vergeben. Als Schumacher Anfang Februar zum ersten Test ausfuhr, standen 300 Fotografen an der Strecke.
"Michael ist wieder da. Das ist magisch", rieb sich Ecclestone die Hände. Schumachers Comeback beflügelte die Vollgasbranche. Allein dass die Fangemeinde der "Rotkäppchen" ihre Ferrari-Montur gegen das früher verhasste Silber austauschen muss, bringt Millionen. Am Hockenheimring kollabierte unter dem Andrang für den deutschen Grand Prix am 25. Juli die Telefonanlage.
Der Pay-TV-Sender Sky bietet den Schumacher-Fans in dieser Saison einen Kanal, der während des Trainings und im Rennen ausschließlich Bilder ihres Helden zeigt. Auch RTL träumt von alten Zeiten. Als sich Schumacher verabschiedet hatte, sank die Formel-1-Quote von 13 auf gerade noch fünf Millionen Zuschauer. Jetzt erhöhte RTL den Preis für einen 30-Sekunden-Werbespot auf 93 000 Euro - wie in alten Zeiten.
Der Getriebene
Am Freitag um 13.30 Uhr war Michael Schumachers erster Arbeitstag im alten Umfeld zu Ende. "Ich habe noch nicht ganz den Rhythmus gefunden", versuchte er die halbe Sekunde zu erklären, die ihm nach 39 Trainingsrunden auf seinen jungen Partner Nico Rosberg fehlten. Doch der Spaß am Fahren im Grenzbereich, am Ritt auf der Rasierklinge, war wieder da: "Es war spannend."
War das wirklich der Grund für die Rückkehr?
An diesem Menschen prallt jede Ursachenforschung ab. Eine Homestory über Michael Schumachers heile Welt mit seiner Frau und den beiden Kindern am Genfer See wäre in wenigen Minuten erzählt. Aber da fehlt etwas. "Er war noch nicht fertig mit der Formel 1", sagt Experte Stuck. Wahrscheinlich ist die Antwort ganz einfach: Schumacher kann nichts besser als schnell Auto fahren. Als er im Sommer testete, ob er den schwer verunglückten Felipe Massa bei Ferrari aushilfsweise ersetzen könnte, "wurde etwas wachgerüttelt". Etwas, das er nicht anders beschreiben kann als "ein geiles Gefühl". Und ihm genügt es eben nicht, einfach nur mitzufahren. "Ich bin heiß", sagt er und meint das volle Programm: ganz viel Arbeit.
Den Segen seiner Frau hat er: "Corinna ist glücklich, wenn ich glücklich bin." Vermutlich besonders, weil er nicht mehr auf dem Motorrad ausrutschen kann. Das Lächeln, als Schumacher in Bahrain aus seinem Silberpfeil stieg, signalisierte: Der Mann ist angekommen. Ihm gehört das schönste Spielzeug seines Lebens. Der "Stern" entlockte Schumacher den Satz: "Man muss nicht immer gewinnen, um trotzdem gewonnen zu haben."
Ein 41-Jähriger ist zum Fixstern einer ganzen Branche geworden. Ob er den Hype rechtfertigt, zeigt letztlich die Maßeinheit, die in keiner anderen Sportart so unbestechlich ist: die Rundenzeit auf der Stoppuhr. Am Freitag war er schon nahe dran.








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