Olympische Spiele 2010 - Eisschnelllauf
"Von wegen Plan, es war der pure Wahnsinn"
Deutsche Damen holen erneut Gold im Team. Friesinger stürzt im Halbfinale und wird trotzdem zur Heldin. Im Finale reichen zwei Hundertstel.
Ein Küsschen zum Dank: Anni Friesinger-Postma bedankt sich bei Stephanie Beckert, die das Team im Finale zu Gold führte. Friesinger hätte Deutschland mit einem Sturz beinahe die Medaille gekostet.
Foto: AFP
Richmond. Die deutschen Eisschnellläuferinnen haben wie vor vier Jahren in Turin den Teamwettbewerb gewonnen. Im Finale besiegten sie Japan. Ihr Vorsprung betrug zwei Hundertstelsekunden. Das sind die Fakten. Was sich hinter dem Triumph von Stephanie Beckert (21), Daniela Anschütz-Thoms (35), Anni Friesinger-Postma (33) und Katrin Mattscherodt (28) verbirgt, ist die wohl kurioseste Story dieser Winterspiele. Sollten Sie die Bilder nicht im Fernsehen gesehen haben, keine Angst, sie werden noch Hunderte Male gezeigt. Es sind die Sportbilder des Jahres, vielleicht des Jahrzehnts, zumindest aus deutscher Sicht.
Als Anni Friesinger ihre Goldmedaille, die dritte in ihrer Karriere, die zweite im Team, am späten Abend fast zärtlich betrachtete, sagte sie kopfschüttelnd: "Dahinter steckt eine unglaubliche Geschichte." Hier ist sie: Anfangen muss man wohl bei ihren zahlreichen Verletzungen und Erkrankungen, die sie an einer konsequenten Vorbereitung auf Vancouver hinderten. Friesinger war nicht in Form, als sie in Kanada eintraf, und sie sollte in den drei Wochen ihres Aufenthalts nicht mehr in die Form kommen, die nötig gewesen wäre, um nach Medaillen zu greifen. Ihr zweimal operiertes rechtes Knie wurde nach Belastungen immer wieder dick. Sie schluckte regelmäßig Tabletten gegen die Schmerzen.
Der Teamwettbewerb war ihre letzte Chance. Zuerst wollte sie Bundestrainer Markus Eicher aus den genannten Gründen nicht nominieren, dann patzte die Berlinerin Mattscherodt über 5000 Meter. Friesinger war wieder im Team, die Erfurter Dauerläuferinnen Beckert und Anschütz-Thoms waren gesetzt. Das Viertelfinale verlief ohne Zwischenfälle. Gegen die starken Niederländerinnen setzte sich das deutsche Trio auf den letzten zwei von sechs Runden (2310 Meter) klar durch, vor allem dank der überragenden Beckert, der Silbermedaillengewinnerin über 3000 und 5000 Meter. Danach sah es am nächsten Tag auch im Halbfinale gegen die USA aus.
Zwei Runden waren noch zu laufen, die drei Deutschen hatten fast eine Sekunde Vorsprung, als Friesinger auf dem Eis in eine Rille trat, wackelte und den Anschluss verlor. Sie schrie, und auch der Bundestrainer schrie, die beiden anderen sollten auf sie warten. Beckert und Anschütz-Thoms aber, die bei dem Lärm im olympischen Eisoval von Richmond kein Wort verstanden, fühlten sich angefeuert, nicht gebremst. Friesinger musste ohne Windschatten hinter ihnen her. Das fraß all ihre Energie.
Zu Beginn der letzten Runde strauchelte sie erneut, ihre übersäuerte Muskulatur ließ keine koordinierten Bewegungen mehr zu. Mehr stolpernd als gleitend quälte sie sich über die letzten 300 Meter. 30 Meter vor dem Ziel verließen sie endgültig die Kräfte. Friesinger ("Ich war völlig ausgepumpt") stürzte, aber sie gab nicht auf, rutschte auf dem Bauch liegend, verzweifelt mit den Armen rudernd über die Ziellinie. Im letzten Moment riss sie den Schlittschuh, an dem der Transponder hing, der die Zeit maß, nach vorn. Das rettete den Sieg. Die Schlittschuhspitze der dritten Läuferin entscheidet. Friesinger lag im wahrsten Sinne des Wortes 23 Hundertstelsekunden vor der letzten Amerikanerin. "Das hat sie mit ihrer ganzen Routine großartig gemacht", lobte Eicher ihre Willenskraft.
Im Finale, das 90 Minuten später angeschossen wurde, ersetzte Mattscherodt Friesinger. "Wir hatten diesen Wechsel am Vorabend abgesprochen", sagte Eicher, "wir sind zu 80 Prozent davon ausgegangen, dass Anni bei ihren gesundheitlichen Problemen so kurz hintereinander keine zwei Rennen durchhalten kann." Im Endlauf ging es mindestens ebenso spannend zu. Die Japanerinnen, als Schnellstarterinnen bekannt, vergrößerten Runde um Runde ihren Vorsprung, zwei Durchgänge vor Schluss betrug er 1,74 Sekunden, eigentlich nicht aufzuholen. Die Geschichte dieser Goldmedaille ist daher auch nicht die Geschichte Friesingers, es ist die der Stephanie Beckert und die von Daniela Anschütz-Thoms. Die Trainingskolleginnen erhöhten noch einmal das Tempo und holten mit Mattscherodt im Schlepptau Schritt um Schritt auf. Im Ziel hatten die drei das erste Mal auf der gesamten Strecke die Japanerinnen überholt, um zwei Hundertstelsekunden. "Wir wussten um deren Stärke am Anfang und deren Schwäche am Ende", sagte Bundestrainer Eicher. Nüchtern betrachtet sei alles nach Plan gelaufen. Es muss ein sehr präziser gewesen sein.
+++ ANNI FRIESINGERS BAUCHPLATSCHER AUF DEM ZDF-VIDEO +++
"Von wegen Plan, es war der pure Wahnsinn", meinte Beckert. Doch dieser Wahnsinn hat Methode. "Stephi und ich wussten, dass wir am Ende mehr zuzusetzen haben als alle anderen Konkurrentinnen", sagte Anschütz-Thoms, die schon 2006 Mannschaftsgold gewann. Zweimalige Olympiasiegerin ist nun auch sie, "aber ich verdrücke immer noch eine Träne über den vierten Platz über 3000 Meter, als mir vier Hundertstel zu Bronze fehlten." Als Anni Friesinger das hörte, nahm sie ihre Kollegin in den Arm. So viel Harmonie hatte man den deutschen Eisschnellläuferinnen nicht mehr zugetraut. "Wir werden auch älter - und weiser", meinte Friesinger. Sie wusste offensichtlich, wem sie ihr Happy End zu verdanken hatte.








Branchenbuch Hamburg
Abendblatt auf Facebook
100. Geburtstag
Axel Springer







