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Sport

Olympische Winterspiele - Snowboard

Die Snowboard-Revolution frisst ihre ersten Kinder

Der deutsche Snowboard-Sport leidet unter Nachwuchsproblemen. Die Beste aus Turin, Amelie Kober, fordert bessere Bedingungen.

Amelie Kober gewann 2006 in Turin Silber im Parallelriesenslalom.
Foto: dpa/DPA

Whistler. Die Snowboardwelt besteht eigentlich aus zwei Welten. Da ist die rebellische, glamouröse von US-Multimillionär Shaun White, den anderen Halfpipeartisten und den tollkühnen Boardercrossern. Sie prägt das junge, lässige Image ihres Sports, sie hat dem Snowboard bei diesen Spielen zu einem weltweiten Popularitätsschub verholfen. Und da ist die ziemlich konventionelle Snowboardwelt von Amelie Kober, Isabella Laböck und Selina Jörg. Sie fahren nicht durch Röhren oder Steilkurven, sondern eine ganz normale Piste herunter, ausgeflaggt mit zwei Kursen. "PGS" nennt sich diese Disziplin, was für Parallel Giant Slalom steht - zwei Boarder fahren im K.-o.-System gegeneinander. Wenn nicht, wie heute (21.15 Uhr), Olympia ist, wetteifern sie im Weltcup vor wenigen Fans.

Alpinboarden sagt man auch dazu, im Gegensatz zum Freestyle. Es ist die Variante, die dem Skifahren am nächsten kommt. In den Bergen Europas war sie bis in die 90er-Jahre hinein vorherrschend unter den Boardern, doch seitdem wurde sie von zwei Seiten zerrieben. Nach der Markteinführung der Carvingski wechselten viele Ex-Skifahrer wieder zurück auf zwei Bretter. Auf der anderen Seite wurden die actionreicheren Sparten des Snowboards immer populärer.

Für Jörg und die anderen folgen daraus ganz konkrete Probleme, etwa beim Material. "Unsere Bretter gibt es nicht mal mehr im Geschäft zu kaufen", sagt die 22-Jährige. Die Snowboard-Revolution ist dabei, ihre ersten Kinder zu fressen. "Alpinboarden macht praktisch keiner mehr", sagt Selina Jörg. "Man muss sich überlegen, was man ändern kann, damit es die Sportart in ein paar Jahren überhaupt noch gibt."

Timm Stade, Sportdirektor des Deutschen Snowboardverbands, fürchtet nicht, den Olympiastatus zu verlieren. Das Materialproblem gebe es, klar: "Das hat technische, aber auch Lifestylegründe. Die Industrie produziert, was die Kids cool finden." Die Alpinboarder müssten sich damit abfinden, nur Wettkampf- und nicht Breitensport zu sein. "Die Situation entspricht eher der im Rennrodeln." Da hätten die Olympiagefährte ja auch nichts mit einem herkömmlichen Schlitten zu tun. Überhaupt, wer sei denn schon Breitensport? "Wenn wir so rangehen, müssten wir 90 Prozent des olympischen Winterprogramms abschaffen", argumentiert Stade.

Mehr Rodeln als Halfpipe also: Das ungeliebte Schicksal heißt Randsportart. Heute werden Millionen zugucken, und den meisten wird es gefallen, PGS ist ungleich spannender und transparenter als Rennrodeln. Aber danach geht es wohl wieder zurück in die Nische. Und genau da will Amelie Kober nicht mehr hin.

Die Silbermedaillengewinnerin von 2006 hat in den letzten Jahren immer wieder ein professionelleres Umfeld für die Alpinboarder eingefordert. Ihr Verhältnis zum Verband ist, vorsichtig ausgedrückt, angespannt. Den Funktionären wirft sie vor, nicht genug aus ihrem märchenhaften Coup von Turin - sie war damals 18 Jahre alt - gemacht zu haben, zum Beispiel bei der Fernsehvermarktung. So genervt ist Kober, dass sie sogar mit einem Karriereende nach dem heutigen Rennen kokettiert haben soll. Stade nennt dahingehende Spekulationen "ausgemachten Schmarrn". Damit alle bei der Stange bleiben, wäre es trotzdem hilfreich, wenn die Alpinboarder irgendwann ansatzweise den Beliebtheitsgrad einer Sportart erreichen, die er zum Vergleich heranzieht. Das populäre Biathlon sei ja auch kein typisches Familienvergnügen, so Stade: "In den Loipen bei uns im Allgäu finden Sie eher wenige Langläufer mit Gewehr auf dem Rücken."

 

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