Winterspiele 2010 - Eiskunstlauf
Joannie Rochettes olympischer Trauer-Tango für die tote Mutter
Am Sonntag starb Therese Rochette völlig überraschend. Zwei Tage später gelingt der Tochter Joannie Rochette das Kurzprogramm ihres Lebens.
Ein herzzerreißender Moment beim Kurzprogramm im Eiskunstlaufen: Joannie Rochette.
Foto: AP
Vancouver. Es heißt, in den schlimmsten Stunden nach dem Tod einer geliebten Person hilft manchmal die Routine. Ausblenden, einfach funktionieren.
Als Joannie Rochette auf Autopilot schaltet, ist es gegen halb neun Uhr am Abend im Pacific Coliseum von Vancouver. Sie klatscht ihre Trainerin ab, zweimal High-Five, so wie vor jedem anderen Lauf. Sie dreht Pirouetten, zeigt Schritte, landet Sprungkombinationen, dreifacher Lutz und doppelter Toeloop, dreifacher Flip und doppelter Axel. Erst als die letzten Töne von "La Cumparsita" verstummen, überwältigen sie die Gefühle.
La Cumparsita ist ein Tango, wie die meisten Tangos handelt er von Schmerz, Trauer, Verlust. Als sie ihn für ihre Kurzkür bei den Olympischen Spielen einstudierte, konnte sie nicht ahnen, welch tragische Aktualität diese Themen für sie im Moment der Aufführung haben würden. Am Sonntagmorgen hat sie ihre Mutter verloren. Am Dienstagabend läuft sie, vor 11 500 Menschen.
Sie läuft so gut, wie sie noch nie in ihrer Karriere gelaufen ist. 71,36 Punkte bekommt sie für ihr Programm, ihre persönliche Bestleistung stand bislang bei 70,0 Punkten. In die Kür (Fr., 2 Uhr) geht sie damit als Dritte hinter Weltmeisterin Kim Yu-Na aus Korea, die kurz vorher zur Titelmelodie von James Bond eine sensationelle Vorstellung gab, und der Japanerin Mao Asada. Sollte Rochette tatsächlich eine Medaille gewinnen, wird sie die wahrscheinlich schönste dieser Spiele sein. Dann wird sie ihrer verstorbenen Mutter etwas ganz Besonderes widmen können.
Für Therese Rochette würde sie antreten, das hat sie am Sonntag schnell entschieden, als sie der Vater im olympischen Dorf vom Tod unterrichtete. Schließlich hatte ihre Familie für diesen Lauf gelebt. Normand Rochette war Eishockeytrainer, so kam sie früh auf Schlittschuhe. Zur Finanzierung ihrer Karriere nahm er bald mehrere Jobs gleichzeitig an. Mutter und Tochter tourten im Auto durch Kanada, von Turnier zu Turnier, unterwegs nähten sie ihre Kostüme. Die Tochter wurde immer besser, Fünfte bei Olympia 2006 in Turin, Zweite vergangenes Jahr bei der Weltmeisterschaft in Los Angeles. Aber der Höhepunkt sollte Vancouver sein. Am Sonnabend reisten die Eltern an. Im Apartment starb Therese Rochette ein paar Stunden später an einem Herzinfarkt. Sie wurde 55 Jahre alt.
Die allermeisten Zuschauer im Pacific Coliseum kennen diese Geschichte, als sie die 24-Jährige mit einem Begeisterungssturm empfangen, wie ihn selbst das theatralische Eiskunstlaufen nicht alle Tage erlebt. Eine rote Rose ist auf Rochettes Rücken gestickt, und Rosen regnet es von den Rängen, als sie mit ihrer Darbietung fertig ist.
Nach dem letzten Schritt schießen ihr die Tränen in die Augen. Sie legt die Hand aufs Herz, schluckt tief und fällt in die Arme ihrer Trainerin. Zum Abschied wirft sie Küsschen ins begeisterte Publikum.
Rochette wird bis zum Ende des Wettbewerbs keine Interviews geben. "Ich bedauere es nicht", sagt sie in einem Statement des kanadischen Eislaufverbands. "Das war ein sehr schönes, warmes Willkommen - schwer damit umzugehen, aber ich werde mich für immer daran erinnern. Worte können nicht beschreiben, was ich fühle. In zehn Jahren würde ich gern noch einmal wiederkommen und das Ganze noch einmal zeigen."
Der Geschäftsführer des Verbandes, William Thompson, erzählt, wie Rochette mit den Emotionen gekämpft habe, bevor sie aufs Eis ging. "Dann hat sie sich einfach zusammengerissen und eine Leistung abgeliefert, die so magisch und heroisch war. Sie brachte mich zum Weinen", so Thompson. Niemand zweifelt daran, dass sie mit ihrem Antreten das Richtige getan hat. "Sie hat sich von ihrer Mutter inspirieren lassen", sagt Thompson. "Ich glaube, ihre Mutter hüpft im Himmel gerade auf und ab."








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