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Sport

Olympische Spiele

Tod des Georgiers führt die Verwundbarkeit vor Augen

Verantwortliche bezeichnen die Bahn in Whistler als sicher, trotzdem wurden die Strecken verkürzt, die Banden erhöht. Der Argwohn bleibt.

Am Unfallort wird dem toten Rodler gedacht.
Foto: dpa/DPA

Whistler. Der Mann hinter Kurve 16 trägt schwarze Jacke, schwarze Mütze, schwarze Hose und Bitterkeit im Blick. Seine Augen sind verquollen. Er schluchzt, er keucht, er presst eine Faust vor den Mund, während er rastlos auf und ab marschiert. Immer wieder irrt sein Blick über die Eisrinne neben ihm, in der alle zwei Minuten ein Rodler vorbeidonnert.

Sie haben an dieser Stelle im Whistler Sliding Centre jetzt eine provisorische, eilig mit weißer Farbe bepinselte Holzwand auf der Bande montiert. Die Wand soll verhindern, dass es bei diesen Olympischen Spielen noch einem Rodler so geht wie Nodar Kumaritaschwili (21) am vergangenen Freitag. Der Georgier starb, weil er aus der Bahn und gegen einen Stahlpfosten geschleudert wurde. An der Unglücksstelle schreitet der Mann in Schwarz auf die Wand zu. Er stiert sie an, plötzlich kracht seine Faust gegen das Holz. Er flucht, er weint, er kann es einfach nicht fassen. Er ist Lewan Gureschidse (21), Kumaritaschwilis Kamerad aus Kindertagen und Georgiens zweiter Rodler in Whistler, der am Ende auf einen Start verzichtete.

So wie dem verzweifelten Gureschidse geht es vielen. Auch drei Tage nach dem fatalen Unfall grübelt die eng miteinander verbandelte Rodelszene, wie sie mit der prekären Situation umgehen soll. Den tödlichen Sturz akzeptieren und ihn verbuchen als maximales Pech, ja Missgeschick? Oder innehalten für mehr als einen Moment des Nachdenkens?

Die Organisatoren hatten rasch eine Entscheidung zur Hand: Die Rennen sollten stattfinden. Gleich am Sonnabendmorgen verlegten sie gleichwohl den Start aller Wettbewerbe weiter nach unten. Die Männer nutzten im Einzelrennen (bei Redaktionsschluss nicht beendet) somit den Frauenstartbereich, wodurch die Strecke 176 Meter kürzer wurde; die Frauen (heute und morgen) und die Doppelsitzer (Mittwoch) werden vom noch tiefer gelegenen Juniorenstart aus losrodeln, was vor allem den athletischen Deutschen entgegen kommt - er beginnt deutlich flacher. Zweck ist es, dem Rennen Geschwindigkeit und somit Risiko zu nehmen.

Die Änderungen seien aus "emotionalen und psychologischen Gründen" vorgenommen worden, sagt Svein Romstad. Der amerikanische Generalsekretär des Rodel-Weltverbandes FIL und dessen deutscher Präsident Josef Fendt mühten sich in Whistler um Erklärungen, doch vieles klang nach Rechtfertigung. Fendt etwa, mit Ringen unter den Augen und fahrig in seinen Gesten, betonte, er habe nie gesagt, die Bahn sei zu schnell. "Ich habe nur gesagt, dass sie schnell ist und dass künftige Bahnen nicht schneller werden dürfen."

Die vor Augen geführte Gewissheit der eigenen Verwundbarkeit verunsichert. "Jeder geht mit so was anders um", erklärt etwa der US-Rodler Tony Benshoof, der 22 Stunden nach dem Abbruch am Vortag als Erster wieder die Rinne hinunterraste: "Ich persönlich kann mich damit nicht vor dem Ende der Spiele beschäftigen."

Auch wenn die Fachleute im Rodel-Weltverband und Organisationskomitee Vanoc keine Mitschuld der Bahnbauer erkennen mögen, so bleibt doch Argwohn. Offiziell war die ultraschnelle Bahn in Whistler vor 23 Monaten von der FIL, dem Bob-Weltverband FIBT und Vanoc geprüft und für tauglich befunden worden. Doch sollen Skeptiker, die die zu hohe Geschwindigkeit anmahnten, mit ihren Bedenken nicht durchgedrungen sein.

Längst deuten sich nun die nächsten Diskussionen an, wenn Skeletonis und Bobfahrer sich in dieser Woche die Rinne hinunterstürzen bei ihrer Hatz nach Gold. Denn sie werden zum Teil noch schneller. "Schon mit Trainingsklamotten fahren die Bobs bis zu 156 km/h. Im Rennen sind es noch mal bis zu sieben km/h mehr", weiß der deutsche Mannschaftsarzt Jochen Wagner.

Am Abend des ersten Rennens nach Kumaritaschwilis Tod ist die Bahn in gleißendes Licht getaucht, Tausende Zuschauer säumen ihre Ränder. Sie lärmen, lachen, trinken Bier, und manchmal ist zu beobachten, wie jemand mal verstohlen, mal neugierig die weiße Holzwand nach Kurve 16 mustert. Oder sich gar davor zu einem Erinnerungsfoto postiert. Eine Schweigeminute ist schnell um.

Fakten zu Nodar Kumaritaschwili:

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