Box-WM in Bern
Der Box-Gipfel der Frechheit
Kevin Johnson wollte das Schwergewichts-Duell mit dem Weltmeister nur überleben. Eigene Angriffe wagte er nicht. Klitschko jetzt gegen Haye?
Bern. Der dritte Advent war gerade eineinhalb Stunden alt, als Bernd Bönte der Geduldsfaden riss. "Dieses Gequatsche muss ich mir nicht länger anhören", rief der Manager der Klitschko-Brüder wütend ins Mikrofon und beendete damit in der PostFinance-Arena in Bern eine Pressekonferenz, die alle Beobachter mit ungläubigem Kopfschütteln zurückließ.
Das Gequatsche, das Bönte so wütend hatte werden lassen, war aus dem Mund eines Mannes gekommen, der der Geschichte des Schwergewichtsboxens ein weiteres unrühmliches Kapitel hinzugefügt hatte. Kevin Johnson, ein 30 Jahre alter alleinerziehender Vater aus Atlanta (Georgia), hatte im Ring in einer höchst peinlichen Vorstellung jede der zwölf Runden gegen WBC-Weltmeister Vitali Klitschko verloren. Und das, weil sein einziges Ziel darin bestanden hatte, sich von dem acht Jahre älteren, zwei Kilogramm schwereren und elf Zentimeter größeren Ukrainer (2,02 Meter, 112 Kilogramm) nicht ausknocken zu lassen. Nach dem Eislebener Timo Hoffmann im November 2000 ist er erst der zweite Boxer, der mit Vitali Klitschko über die Runden ging.
Das ist an sich nicht verwerflich; sich nicht treffen zu lassen ist ein elementarer Teil dieses Sports. Doch wer die großen Töne gehört hatte, mit denen der bis dato in 23 Profikämpfen noch unbesiegte Herausforderer das Duell angeheizt hatte, musste enttäuscht sein. Johnson hatte den zweiten elementaren Teil des Faustkampfes, das Treffen des Gegners, überhaupt nicht auf seinem Kampfplan. Seine Aggression beschränkte sich auf verbale Ausfälle, die Ringrichter Kenny Bayless (USA) nicht ahndete.
Das erklärte auch die geringe K.-o.-Quote des US-Amerikaners - nur neun seiner 22 Siege gelangen vorzeitig: Wer nicht schlägt, kann auch nicht k.o. schlagen.
Umso erstaunlicher war dann, was Johnson sich anschließend erlaubte. Er habe schon in den ersten beiden Runden gesehen, fabulierte Johnson, dass er Klitschko "locker und ohne Probleme in Stücke hauen" könne. Einzig eine Blessur am linken Ellenbogen habe ihn davon abgehalten, seinen Jab öfter einzusetzen. "Ich wusste, dass Klitschko mich niemals ausknocken kann. Ich bin der schnellste Schwergewichtler der Welt. Wenn ich fit bin, werde ich Weltmeister sein", tönte er. Der Gipfel der Frechheit war jedoch die Floskel, dass "alle großen Champions, auch die Klitschkos, schon mal verloren haben". Johnson, ein Champion?
Luan Krasniqi, ehemaliger Kollege der Klitschkos beim Hamburger Universum-Stall, brachte es in seiner Analyse als Experte des Senders RTL auf den Punkt: "Johnson wollte nur überleben." Klitschko-Trainer Fritz Sdunek sagte: "Gegen so einen Feigling boxen wir nie wieder. Wir haben viele seiner Kämpfe gesehen und hätten gedacht, dass er wenigstens ab und zu mal richtig reingeht. Aber da kam nichts." Bruder Wladimir, der nach einer Schulteroperation bereits locker für die am 20. März in Düsseldorf geplante Verteidigung seiner IBF/WBO-Titel im Schwergewicht gegen Eddie Chambers (USA) trainiert, sagte: "Wer so ein großes Maul hat und dann so feige boxt, der hat keine zweite Chance verdient."
Vitali Klitschko, der sich über zwei Hämatome über seinen Augen wunderte ("Von Schlägen können die eigentlich nicht kommen"), entschuldigte sich beim Schweizer Publikum. "Ich hätte Kevin Johnson nach seinen Sprüchen gern vorzeitig besiegt. Ich wusste aber, dass er schwer zu treffen ist. Er war der unangenehmste Gegner, den ich je geboxt habe." Trotz aller Kritik an Johnson muss aber auch gesagt werden, dass Klitschko zu selten versuchte, seinen eindimensionalen Stil - linke Gerade, rechte Gerade - zu modifizieren. Die Rechte fand nie ins Ziel, weil Johnson auf dem hinteren Bein stand und keinen Gegendruck bot. Das probate Mittel wären linke Aufwärtshaken gewesen.
Nach drei erfolgreichen Kämpfen 2009 hofft der promovierte Sportwissenschaftler, der Weihnachten mit Frau Natalie, den drei Kindern, Bruder Wladimir und den Eltern in Florida verbringen wird, 2010 auf eine Titelvereinigung gegen den britischen WBA-Weltmeister David Haye, um auch den letzten der vier großen WM-Gürtel in die Familie zu holen. Für beide stünde jedoch zunächst eine Pflichtverteidigung an - Haye gegen John Ruiz, Klitschko womöglich gegen den Kubaner Odlanier Solis aus dem Hamburger Arena-Stall, der zu einem Ausscheidungskampf gegen Ray Austin (USA) antreten soll. Haye ist mit den Fäusten wie auch mit den Beinen und dem Mund schneller als Johnson. Und er weiß, dass man schlagen und treffen muss, um zu gewinnen.







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