Deutschlands beste Skiirennläuferin über Freude und Freundschaften und warum sie derzeit keinen Freund haben will.

Slalom-Weltmeisterin Maria Riesch aus Garmisch-Partenkirchen. Sie wird am 24. November 25 Jahre alt.
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Hamburg/München. Maria Riesch ist im Stress. Am heutigen Sonnabend ein Showrennen auf einer Kunstschneerampe in Moskau, am Sonntag zurück nach Garmisch Wäsche wechseln, Montag der Abflug zu Weltcuprennen in Aspen (USA) und Lake Louis (Kanada), an den Tagen dazwischen trainiert sie. „Das ist im Winter schon ein brutal hartes Programm“, sagt sie, „aber der Spaß ist mir dabei noch nicht abhandengekommen.“ Das Ziel hat sie klar vor Augen: die Olympischen Winterspiele 2010 in Vancouver. Vor vier Jahren hatte ein Kreuzbandriss im linken Knie ihr die Teilnahme in Turin verwehrt.
Abendblatt: Frau Riesch, Sie haben am vergangenen Sonnabend gleich den ersten Weltcup-Slalom der neuen Saison gewonnen. Im Februar sind Sie in dieser Disziplin in Val-d’Isère Weltmeisterin geworden. Jetzt erwarten alle in Vancouver olympisches Gold von Ihnen. Sie auch?
Maria Riesch: Eigentlich wollte ich mich vor den Olympischen Spielen nicht von irgendwelchen Erwartungen unter zu starken Druck setzen lassen. Der Sieg in Levi in Finnland hat mich selbst überrascht, aber die Pisten dort liegen mir offensichtlich.
Abendblatt: Mit Druck scheinen Sie aber hervorragend umgehen zu können. Bei der WM in Val-d’Isère sind Sie bis zum letzten Lauf im Slalom vergeblich Medaillen hinterhergefahren. Dann haben Sie einen perfekten Lauf hingelegt.
Riesch: Da war der ganz große Druck schon nicht mehr da, weil ich nach dem ganzen Pech und Missgeschicken in den vorigen Rennen eine Medaille längst im Kopf abgehakt hatte. Ich bin den Hang dann ganz locker heruntergefahren. Da hat plötzlich alles gepasst.
Abendblatt: Das klingt nach einem Erfolgsrezept.
Riesch: Ganz so einfach ist es leider nicht. Diese Lockerheit kann man nicht erzwingen. In den nächsten Wochen bis zu Olympia will ich meine Form finden, ohne mich dabei in die Rolle der großen Favoritin zu katapultieren. Für Vancouver wünsche ich mir das Selbstvertrauen und die Gewissheit, dass ich zu Topleistungen fähig bin, und die Gelassenheit, damit ich mein Potenzial auch jederzeit abrufen kann.
Abendblatt: Sie gehören zu den Allroundern im Skizirkus, die in allen Disziplinen Siegchancen haben. Was macht Sie so vielseitig?
Riesch: Ich bin von meinen Trainer früh auf alle Disziplinen getrimmt worden. Und weil ich überall mithalten konnte, habe ich das bis heute beibehalten.
Abendblatt: Damit gehören Sie stets zu den Favoriten auf den Gewinn des Gesamt-Weltcups. In der vergangenen Saison haben Sie die Wertung lange angeführt und wurden schließlich hinter Ihrer amerikanischen Freundin Lindsey Vonn Zweite. Da geht doch was 2010!
Riesch: Natürlich bleibt der Gesamt-Weltcup ein Ziel, aber in dieser Saison stehen eindeutig die olympischen Rennen an erster Stelle.
Abendblatt: Im Gegensatz zu anderen Ski-Wettbewerben, haben Sie gesagt, kann man im alpinen Bereich die Form nicht auf den Punkt planen. Aber Ausdauer und Schnelligkeit müssen doch auch bei Ihnen zum Saisonhöhepunkt stimmen.
Riesch: Im alpinen Rennsport spielen im Gegensatz zum Langlauf viele Unabwägbarkeiten eine Rolle, das Wetter, der Zustand der Piste, der Ski. Ein kleiner Moment Unaufmerksamkeit – und alles ist vorbei. Man kann die körperlichen und psychischen Voraussetzungen schaffen, im richtigen Moment in Höchstform zu sein, das alles ist aber keine Garantie, dass am Ende eine Medaille herausspringt. Etwas Glück gehört bei uns schon dazu.
Abendblatt: Die Pisten in Whistler, dort finden die olympischen Skirennen im Februar statt, scheinen Ihnen jedoch hervorragend zu liegen.
Riesch: Dieses Gefühl habe ich auch nach den bisherigen Rennen dort. Bei der Abfahrt gibt es schöne weite Kurven, nicht zu eng an den Fangnetzen, das gefällt mir.
Abendblatt: Wer Sie bei Rennen erlebt, beschreibt Sie als fröhlichen, meist gut gelaunten Menschen, der sich auch über Erfolge anderer freuen kann. Von anderen Hochleistungssportlern weiß man, dass sie ihre Gegner manchmal hassen, um sich für wichtige Wettkämpfen zu motivieren. Der Tennisspieler Andre Agassi hat darüber in seinem Buch berichtet.
Riesch: Das mag für Zweikämpfe wie Tennis gelten, nicht für Skirennen, bei denen ich allein gegen die Uhr fahre. Aber hat uns nicht gerade die Tragödie um Robert Enke gelehrt, dass Erfolg selbst im Hochleistungssport nicht alles sein darf, dass wir in erster Line immer noch Menschen sind und im höchsten Maße verletzlich. Bei allem Ehrgeiz, wenn ich jemanden hassen muss, um zu gewinnen, höre ich sofort auf. Respekt vor der Leistung des anderen gehört zum Sport dazu.
Abendblatt: Ihre Freude ist also authentisch?
Riesch: Absolut. Natürlich bin ich enttäuscht, wenn ich ein Rennen verloren habe. Aber danach kann ich mich mit meiner Mannschaftskameradinnen freuen. Außerdem nimmt es mir ein Stück des Drucks, wenn zum Beispiel eine Kathrin Hölzl Riesenslalom-Weltmeisterin wird. Das ist schließlich gut für den deutschen Skisport, und wenn es dem gut geht, profitiere ich auch davon. Es ist zudem höchst angenehm, mit einem starken Team bei den Weltcups unterwegs zu sein. Das hebt auch im Training das Niveau. Und dass ich mich riesig freue, wenn meine jüngere Schwester Susanne vorn landet, ist doch selbstverständlich.
Abendblatt: Lindsey Vonn, Ihre beste Freundin im Skizirkus, ist zugleich Ihre stärkste Konkurrentin. Wie geht das?
Riesch: Gut. Natürlich übertreiben die Medien da manchmal, aber wir verbringen auch diesmal Weihnachten zusammen, und meine Mutter kocht wieder für uns. Ein Grund dafür ist, dass zu dieser Zeit die Rennen in Europa anstehen und es für Lindsey wenig Sinn macht, für ein paar Tage in die USA zurückzufliegen. Natürlich gehen wir gern zusammen shoppen und machen auch schon mal gemeinsam Urlaub, zum Beispiel in Mexiko. Aber im Sommer, wenn sie in den USA ist und ich zumeist in Deutschland, beschränkt sich unser Kontakt auf gelegentliche Mails.
Abendblatt: Sie waren jedoch nicht gerade erfreut darüber, dass Ihre Skifirma Lindsey Vonn ebenfalls unter Vertrag genommen hat.
Riesch: Das hat nichts mit Lindsey zu tun. Mir hat nur die Entscheidung meiner Skifirma missfallen. Das Gute daran ist vielleicht, dass Lindsey und ich jetzt mit demselben Material unterwegs sind und es keine Ausreden mehr gibt. Außerdem können wir uns sicherlich gegenseitig und auch unseren Serviceleuten noch bessere Tipps geben.
Abendblatt: Und wo hört Ihre Freundschaft auf?
Riesch: Sie muss nirgendwo aufhören. Wir puschen uns gegenseitig, wir können ohne Neid und Missgunst gegeneinander fahren. Unser Zweikampf macht uns beide besser.
Abendblatt: An diesem Sonnabend fahren Sie in Moskau auf einer speziell dafür gebauten Rampe ein Showrennen. Ist das angesichts des Klimawandels die Zukunft des Skisports? Biathleten und Langläufer gehen ja bereits regelmäßig in große Städte.
Riesch: Ich hoffe nicht, das wäre ja furchtbar. In Moskau gibt es bei dem Slalomrennen, glaube ich, nur 15 Tore. Bei allen technischen Möglichkeiten heutzutage: Skirennen gehören in die Berge. Und ich hoffe, dass sie dort noch sehr, sehr lange stattfinden können und werden.
Abendblatt: Verstehen Sie, dass es Naturschützer sind, die Olympische Winterspiele 2018 in München und bei Ihnen vor der Haustür in Garmisch-Partenkirchen für unverantwortlich halten?
Riesch: Ich bin auch für Naturschutz. Das ergibt sich allein schon daraus, dass ich eine Sportart in der Natur betreibe. Der Umweltschutz liegt mir am Herzen. Aber man kann es auch übertreiben. Olympische Winterspiele täten unserer ganzen Region gut. Wir bräuchten viel mehr dieser hochkarätigen Veranstaltungen wie zum Beispiel die alpine Ski-WM 2011 in Garmisch.
Abendblatt: Frau Riesch, Sie sind eine erfolgreiche Sportlerin und eine attraktive Frau. Seit einem Jahr sind Sie aber Single. Macht Erfolg einsam?
Riesch: Das war meine Entscheidung, obwohl wir eigentlich eine harmonische Beziehung hatten. Ich brauchte bei all dem Stress mal wieder mehr Zeit für mich selbst. Ich wollte einfach nach Hause kommen, die Füße hochlegen und den Fernseher anmachen können. In einer Beziehung geht das zwar auch, aber nicht immer ganz so problemlos. Das heißt nicht, dass ich bis zum Ende meiner sportlichen Laufbahn solo bleiben will, aber es muss schon passen.
Abendblatt: Wie lange wollen Sie noch Skirennen fahren?
Riesch: Die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi haben ich mir zum Ziel gesteckt. Danach werde ich von Jahr zu Jahr sehen, was meine Gesundheit macht und ob ich noch mithalten kann.
Abendblatt: In diesem Sommer haben Sie bereits öfter den Skianzug gegen das Abendkleid getauscht und sind bei großen Empfängen und im Fernsehen aufgetreten. Wird das Abendkleid später mal Ihre Berufskleidung?
Riesch: Es hat mir ungeheuren Spaß gemacht, ich habe diese Auftritte genossen. Ich finde es toll, mich schön anzuziehen. Ich kann mir gut vorstellen, später mal beim Fernsehen als Moderator oder Kommentator zu arbeiten. Aber erst mal fahre ich noch ein bisschen Ski.




