Eisschnelllauf: Pechstein-Prozess
Experten-Streit um Blutanomalie spitzt sich zu
Nach der Anhörung von Claudia Pechstein vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS zeichnet sich noch keine Vorentscheidung ab.
Eisschnelläuferin Claudia Pechstein kämpft gegen ihre Sperre.
Foto: dpa/DPA
Lausanne/Berlin . Alle Streitparteien glauben weiter an den Sieg, der Experten-Streit spitzt sich zu: Nach den ersten Stunden der Anhörung von Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS zeichnet sich noch keine Vorentscheidung ab. Immer mehr kristallisiert sich jedoch heraus, dass die von ihren Gutachtern und Anwälten ins Spiel gebrachte mögliche Blutanomalie ganz wichtig für das Urteil der CAS-Richter werden könnte.
Pechstein-Anwalt Simon Bergmann stellte am Rande der Verhandlungen noch einmal klar, dass Claudia Pechstein „wahrscheinlich eine angeborene leicht kompensierte Hämolyse“ aufweise. Hinweise darauf hatte das Gutachten von Professor Lothar Röcker, dem Leiter des Berliner Labors 28, bestätigt. Bei der Hämolyse handelt es sich um eine körpereigene Zerstörung der roten Blutkörperchen, die gleichzeitig die Produktion von Retikulozyten – die Vorstufe der roten Blutkörperchen – erhöht.
Der Heidelberger Doping-Jäger Werner Franke bezeichnete diese Argumentation auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur (dpa) hingegen am Freitag als „glatten Unsinn“, weil die „erhöhten Werte immer in Korrelation mit Wettkämpfen aufgetreten“ seien. „Das wäre ein Phänomen. Sie hat hohe Werte bei einem Wettkämpfe und kaum ist sie wieder zu Hause, ist die Hämolyse wieder vorbei. Das ist ein Witz“, meinte Franke. „Sie ist doch außerhalb der Wettkampfsaison kaum unter Belastungen getestet worden“, erwiderte Pechstein-Manager Ralf Grengel und bezeichnete Frankes Äußerungen als „polemische Stimmungsmache. Da lobe ich mir Experten wie Professor Wilhelm Schänzer, die sich mit solchen Diagnosen zurückhalten, mit dem Hinweis, dass sie die Befunde nicht kennen“, sagte er.
Der Hämatologe Thomas Held vom Klinikum Berlin-Buch hält diese Blutanomalien hingegen für eine schlüssige Erklärung. Höchstleistungen und Hämolyse schlössen sich nicht automatisch aus. „Auch Tennisspieler Pete Sampras hatte eine vergleichbare Anomalie und konnte trotzdem hervorragend spielen“, sagte Held dem „Tagesspiegel“ (Freitag), räumte aber ein: „Eine Hämolyse tritt nicht sehr oft auf, nicht in einem von hundert Fällen.“
Da selbst Spezialisten in dieser Frage völlig unterschiedliche Auffassungen vertreten, wird es für die drei Juristen vom CAS extrem schwer sich aufgrund dieser vorgebrachten Belege ein Urteil zu bilden. Mit ungebrochener Zuversicht verfolgte Claudia Pechstein die wissenschaftlichen Diskussion in Lausanne. Ihr Manager Grengel versuchte, Pechsteins Gefühle nach dem ersten Tag wiederzugeben: „Sie präsentiert sich hier unheimlich stark. Man muss sich das einmal vorstellen: Da philosophieren hochanerkannte Wissenschaftler über Dinge, die sich im menschlichen Körper abspielen“, sagte er. „Und Du sitzt da, weißt, Du hast nichts gemacht, aber Deine Karriere, dein ganzes Leben steht auf dem Spiel.“
Für eine Überraschung im Verhandlungssaal hatte zum Auftakt das Zugeständnis der ISU gesorgt, wonach in der Datenbank des Verbandes zwölf weitere Eisschnellläufer mit erhöhten Retikulozyten-Blutwerten über drei Prozent – der Grenzwert liegt bei 2,4 – geführt werden. Mit einer Lawine weiterer Doping-Prozesse ist aber offenbar nicht zu rechnen. ISU-Mediziner Harm Kuipers wollte die Fälle nicht ins Verhältnis zu den Mess-Ergebnissen bei Pechstein setzen und erklärte, dass den Weltverband nicht allein der Wert, sondern das Gesamtprofil der Sportler interessiere.








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