Sensation im Stabhochspringen der Frauen
Überfliegerin Isinbajewa böse abgestürzt
Die Russin Jelena Isinbajewa, Favoritin auf den WM-Titel, blieb ohne gültigen Versuch. Silke Spiegelburg verpasst als Vierte Bronze knapp.
Jelena Isinbajewa ist abgestürzt. Ein "salto nullo" beendete ihren Traum vom WM-Titel.
Foto: ddp/DDP
Berlin.
Wer wollte, der konnte diesen Stabwechsel kommen sehen. Man musste dafür
gar nicht lange zurückblättern in den Datenblättern dieser
Leichtathletiksaison. Es war beim Super-Grand-Prix in London Ende Juli.
Jelena Isinbajewa, die große, schier unbesiegbare Stabhochspringerin, war
tatsächlich besiegt worden. 4,68 Meter hatte sie erzielt. Eine Höhe, mit der
sie zu ihren besten Zeiten schon mal in einen Wettkampf eingestiegen ist.
Eine gewisse Anna Rogowska aus Polen besaß damals die Kühnheit, die gleiche
Höhe zu meistern, und deshalb durfte sie sich damit rühmen, der
Weltrekordlerin, Olympiasiegerin, Welt- und überhaupt Meisterin aller
Klassen die erste Niederlage nach 18 Siegen und ebenso vielen Monaten
beigebracht zu haben. Wie gesagt: Man konnte es kommen sehen, aber das
wollte wohl so recht niemand. Am wenigsten wollte das Jelena Isinbajewa.
Die Niederlage hatte sie nicht in Selbstzweifel gestürzt, so viel war schon vor dem WM-Finale klar, in das sich die Russin am Sonnabend mit nur einem Versuch katapultiert hatte. Und als sie sich gestern Abend zum Anlauf bequemte, lag die Latte bereits bei 4,75 Metern. Die meisten Konkurrentinnen hatten ihre Stäbe längst eingepackt. Eigentlich war also alles wie immer bei großen Meisterschaften, von denen sie seit der WM 2003 in Paris keine einzige mehr verloren hat.
Doch dann nahm das Unfassbare seinen Lauf: Ihren ersten Versuch brach Isinbajewa noch auf halber Höhe ab. Ihr Mentor Sergej Bubka, die Stabhochsprunglegende aus der Ukraine, verzog auf der Tribüne da schon skeptisch das Gesicht. Trainer Witali Petrow, der Sergej Bubka zu 35 Weltrekorden geführt und die 27-Jährige zur weltweit einzigen Fünfmeterspringerin gemacht hatte, gab auf der Tribüne genervt Anweisungen.
Für den zweiten Versuch ließ die Russin 4,80 Meter auflegen, ohne Erfolg. Und als die Latte auch beim dritten Versuch vom Himmel über Berlin fiel, da entfuhr den 30 496 Zuschauern im Olympiastadion ein Aufschrei des Entsetzens und Rogowska einer der Verzückung: Als einzige Springerin der Konkurrenz hatte die Polin 4,75 Meter gemeistert. Sie war die neue Weltmeisterin, die Dauersiegerbesiegerin. Gemeinsam mit ihrer Landsmännin Monika Pyrek und Chelsea Johnson aus den USA, die beide Silber gewannen, begab sie sich sogleich auf die Ehrenrunde. Jelena Gadschijewna Isinbajewa aber, im Mai etwas voreilig zur Weltsportlerin des Jahres gekürt, verließ nach dem Salto Nullo fluchtartig den Tatort, die Mütze tief ins enttäuschte Gesicht gezogen. "Ich hätte nie damit gerechnet, dass ihr das passiert Das ist eine kleine Sensation", sagte Silke Spiegelburg und lag damit nicht ganz richtig: Es ist eine große, sicherlich die größte dieser WM. Zuletzt hatte Isinbajewa vor drei Jahren in Warschau einen Wettkampf ohne gültigen Versuch beendet. Spiegelburg war das vor zwei Jahren bei der WM in Osaka passiert. Vielleicht konnte sie deshalb "gut mit ihr mitfühlen".
Das Los der großen Favoritin war freilich ein schwacher Trost für das, was ihr selbst passiert war. Obwohl mit 4,65 Metern auf einer Höhe mit Pyrek und Johnson, blieb der Leverkusenerin nur der vierte Platz. Fast hätte sie die 4,75 Meter im ersten Versuch überquert, wie schon bei der Hallen-EM in Turin im März, was damals gleichbedeutend war mit dem deutschen Rekord und dem Silberrang. Aber eben nur fast. "Ich habe noch nie einen so guten Sprung wie den gemacht", sagte Spiegelburg unter Tränen. "Ich war so hoch drüber, und dann reiße ich den noch. Eine Medaille war mein Traum, schade, dass es nicht geklappt hat."
Anna Battke und Kristina Gadschiew schafften es nicht in die Nähe des Podiums. Beide kamen nicht über 4,40 Meter hinaus, was für Battke Platz sieben, für Gadschiew Platz zehn bedeutete. Battke hatte vier der letzten fünf Wettkämpfe ohne Höhe beendet. Das kann, wie man sieht, den Besten passieren.
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