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Sport

Usain Bolt

Wie schnell kann ein Mensch laufen?

Mit dem Fabelweltrekord von Usain Bolt über 100 Meter hat eine neue Zeitrechnung begonnen. Achim Leoni und Rainer Grünberg über die Grenzen der Leistungsfähigkeit.

Usain Bolt läuft gegen die Grenzen der Natur.
Foto: AFP


Vielleicht wird Stefan Schwab später einmal erzählen, dass er dem Beginn einer neuen Zeitrechnung ganz nahe war. Wird erzählen, wie er auf der Athletentribüne des Berliner Olympiastadions saß, genau auf Höhe der Startlinie. Wie gespenstisch still es war, bis der Schuss fiel. Wie dann ein Orkan des Jubels losbrach, der sich noch steigerte, als die Uhr schon nach 9,58 Sekunden stehen blieb, und wie 51 113 Zuschauer kreischten und Usain Bolt wie von Sinnen feierten. Und vielleicht wird er dann auch erzählen, dass er selbst nicht gejubelt hat.

Natürlich wäre Stefan Schwab gern einer von denen dort unten auf der blauen Bahn gewesen, an diesem Abend des 100-Meter-Finales der 12. Leichtathletik-Weltmeisterschaften. Der Sprinter aus Schwarzenbek hatte, von einer Mandelentzündung geschwächt, sein Bestes gegeben, doch 10,50 Sekunden im Vorlauf waren nicht gut genug gewesen. In jenem Moment aber, da in Berlin die Schallmauer fiel, stellte sich der deutsche Topsprinter die Frage nach dem Sinn seines Tuns. "Es gibt Leistungen, die sind einfach nicht realistisch", merkt Schwab an: "Da macht es gar keinen Spaß mehr, selber zu rennen."

Spaß. Ist es nicht das, worum es beim Laufen geht? Die Freude an der Bewegung ist jedem Kind anzusehen. Und kein Athlet verkörpert diese kindliche Freude wie Usain Bolt. Es ist schwer, sich diesem bald 23 Jahre jungen Wunderknaben aus Jamaika zu entziehen, seine Mätzchen nicht komisch zu finden, sich von seinem strahlend weißen Lachen nicht anstecken zu lassen. Es ist schwer, für seine federnden Wunderläufe kein Entzücken zu empfinden, sondern Entsetzen. Sich von ihm nicht mitnehmen zu lassen auf seine märchenhafte Zeit-Reise, von der man nicht weiß, wohin sie noch führt.

"Diese Leistung", sagt Uwe Wegner, leitender Arzt des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV), "bekomme ich durch keine Tablette. Und diese Lockerheit auch nicht." Das Publikum liebt Bolts Posen, weil es spürt, dass sie ihn nicht aus der Konzentration bringen, sondern Teil seines Erfolgs sind. Es ist diese nie gesehene Leichtigkeit, mit der Bolt über den Tartan schwebt, die ihn entscheidend von seinen muskelbepackten Konkurrenten abhebt. Die "Kronenzeitung" schrieb vom "Urknall".

Selbst Tyson Gay freute sich über den Weltrekord, jedenfalls sagte er das. Dem US-Amerikaner war die Rolle des Herausforderers in diesem Rennen zugedacht, aber letztlich blieb ihm nur die des Tempomachers. In 9,71 Sekunden avancierte er zum zweitschnellsten Mann aller Zeiten. Und doch sah er seine Mission als erfüllt an: "Es war wichtig zu beweisen, dass ein Mensch so schnell sein kann."

Die Frage, wo die Grenzen der Leistungsfähigkeit liegen, hat Generationen von Forschern beschäftigt, und keine Disziplin scheint dafür eine bessere Folie zu bieten als diese 100 Meter. Zuletzt sah der amerikanische Sportwissenschaftler Mark Denny das Limit bei 9,48 Sekunden - eine Zeit, die sich Bolt in den nächsten Jahren zutraut, wie er gestern sagte. Viel größere Verbesserungen seien bei den Männern nicht mehr möglich, meint Denny. Er stützte sich bei seinen Berechnungen auf Aufzeichnungen großer Hunde- und Pferderennen: Trotz gezielter Zucht stagnierten die Siegerzeiten bereits seit Jahrzehnten. Bei den Frauen sah Denny noch mehr als vier Zehntel Spielraum. Allerdings habe es hier seit den dopingbelasteten 70er- und 80er-Jahren keine nennenswerten Fortschritte mehr gegeben.

Seit dem denkwürdigen Abend von Berlin scheint es, als könne auch Dennys Hochrechnung über den Haufen gerannt werden. "Wissenschaftler haben sich mit ihren Prognosen immer wieder geirrt", weiß DLV-Sportdirektor Jürgen Mallow. 1931 hatte der kalifornische Dozent Brutus Hamilton vorhergesagt, dass nie ein Mensch schneller als 10,1 Sekunden laufen werde. Und noch 2005 behauptete der Freiburger Sportmediziner Hans-Hermann Dickhuth: "In den nächsten 20 Jahren sind 9,67 Sekunden möglich." Da kannte er Usain Bolt noch nicht.

"Wir sind noch lange nicht am Ende der Entwicklung", sagt Sportdirektor Mallow. Auch Versuche, etwa den Laufstil nach wissenschaftlichen Kriterien zu designen, führten ins Leere. So wollte man etwa in den 70er-Jahren dem russischen Doppel-Olympiasieger von München Waleri Borsow eine Schrittlänge von 2,41 Metern antrainieren.

Die heutige Athletengeneration würde sich einem solchen Diktat niemals unterwerfen, vermutet Wegner. Sie lasse es buchstäblich einfach laufen. Im Finale am Sonntag erreichte Bolt zwischen Meter 60 und 80 eine Spitzengeschwindigkeit von 44,72 km/h. Mit 37,58 km/h war das Durchschnittstempo erstmals höher als das des 200-Meter-Weltrekords (19,30 Sekunden), der ebenfalls ihm gehört. "Usain Bolt ist ein absolutes Ausnahmetalent", sagt der frühere 400-Meter-Meister Uwe Wegner. Auch die Bremer Hürdensprinterin Carolin Nytra beschreibt den 1,96-Meter-Mann wie ein Naturwunder: "Er hat eine Wade von der Ferse bis ins Knie, das erzeugt einen Hammerdruck. Warum soll es nicht einen geben, der mehr Talent hat als die anderen? Am Sonntag haben wir den perfekten Sprint gesehen."

Ja, warum eigentlich nicht?

Bolt ist nicht nur größer, schlanker und schneller als all seine muskulöseren Vorgänger, von Carl Lewis bis Justin Gatlin, von Ben Johnson bis Maurice Greene. Ein Sprinter wie er könnte am gentechnischen Reißbrett entworfen sein, seine Maße sind ideal. Riese Bolt wiegt 86 Kilogramm. Er ist auch der Erste, der nie direkt in Verbindung mit Doping gebracht wurde - das unterscheidet ihn bislang von seinen Vorläufern. Das könnte daran liegen, dass Bolt sauber ist - oder aber schlauer. Ein flächendeckendes Kontrollsystem gibt es in seiner Heimat nicht, und selbst in Ländern, wo es eines gibt, kann es leicht unterwandert werden. Und so war es wohl ein Zufallstreffer, dass jüngst ein Trainingskollege Bolts positiv auf ein Stimulans getestet wurde, das zur Asthmabehandlung dient. Für Dopingexperte Prof. Fritz Sörgel spricht Bolts Lauf aber "gegen alle wissenschaftlichen Lehren über die menschliche Leistungsfähigkeit". Dieser Weltrekord sei ohne Doping schwer vorzustellen, meint der Leiter des Nürnberger Instituts für biomedizinische und pharmazeutische Forschung, "zumal die Tests in Jamaika alles andere als zuverlässig sind".

Bolts Fabelzeiten haben sich aber so weit von unserer Vorstellungswelt entfernt, dass die einfachen Antworten wie "Er war gedopt" zu kurz greifen. Schon die Begleitumstände machten seinen Rekordlauf zur Geste der Arroganz. Wie bei seinem Olympiasieg in Peking suchte er am Finaltag seines Laufs eine Fast-Food-Kette auf, um sich mit panierten Hühnerhäppchen zu stärken. Vor seinen Einsätzen hielt er es nicht einmal für nötig, sich aufzuwärmen, wie Schwab konsterniert beobachtete. Und den Fehlstart im Halbfinale habe er nicht aus Nervosität gemacht, erzählte Bolt: Das sei nur ein Wettstreit mit seinem Kumpel Daniel Bailey, weil der ihn im Training am Start immer abkoche. Im Übrigen sei seine Form noch lange nicht toll, seit einem Autounfall im April habe er noch Trainingsrückstand.

Was aber, wenn einmal alles zusammenpasst? Wenn die Form stimmt, der Start gelingt, der Wind noch stärker als wie am Sonntagabend 0,9 Meter pro Sekunde weht (2,0 sind erlaubt), die Ernährung sportgerecht, der Schuh (anders als bei Olympia) vernünftig zugebunden und die Bahn (anders als in Berlin) schnell ist?

Die Jagd nach den menschlichen Grenzen hat am Sonntag nicht aufgehört, vielleicht hat sie gerade erst richtig begonnen. Andere Sportarten stoßen derzeit in ganz andere Dimensionen vor. In den vergangenen 20 Monaten sind im Schwimmen mehr als 200 Weltrekorde aufgestellt worden. Auch hier kraulen die Zweifel mit. Vordergründig sorgten neue Kunststoffanzüge für den wundersamen Auftrieb, die vom 1. Januar 2010 an wieder verboten sind. Die deutschen Weltmeister und Weltrekordler Paul Biedermann und Britta Steffen aber konnten sich auch ohne die textilen Treibstoffe signifikant verbessern. Schwimm-Bundestrainer Dirk Lange sagte nach der WM Ende Juli in Rom: "Vielleicht haben wir in der Vergangenheit zu hart trainiert, zu wenig auf die Regeneration geachtet und die falschen Reize gesetzt. Wir werden diese Entwicklung beobachten müssen."

Für den Hamburger Arzt Andreas Fehrig kommt dieses Erstaunen nicht überraschend. "Im Verstehen des menschlichen Körpers stehen wir erst ganz am Anfang, vielleicht wissen wir 20 Prozent." Welche physischen Reserven noch zu mobilisieren, welche psychischen Blockaden noch zu lösen sind, sei ein weites Feld. "Auf diesem Gebiet liegt einiges Potenzial für Leistungsverbesserungen."

Auch deshalb will Stefan Schwab weitermachen. Er sagt: "Mich motiviert es, meine Leistungsgrenze zu erfahren." Aber ein WM-Finale mit Usain Bolt zu erreichen, das wird für ihn wohl Utopie bleiben.


 

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