Montag, 28. Mai 2012, 18:36

Abendblatt als Startseite | Aboservice | E-Paper

www.abendblatt.de

  • E-Mail
  • Singles
  • Branchenbuch
  • Jobs Hamburg
  • Immobilien Hamburg
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Rechner
  • Ticket kaufen

Sport

Leichtathletik-WM in Berlin

Hoffnung auf einen neuen Höhenflug

Die Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Berlin sind das größte Sportereignis des Jahres. Doch die Athleten kämpfen gegen mangelnde Unterstützung.

Die Leichtathletik hofft bei der WM in Berlin auf einen großen Sprung.
Foto: Witters


Berlino ist gut auf seinen großen Auftritt vorbereitet. Leichtfüßig tänzelt der knuffige Braunbär über die improvisierte blaue Laufbahn im Berliner Hauptbahnhof. Ein paar Kinder halten inne, sie finden Spaß an den Mätzchen der Figur mit den großen grünen Schuhen. Die meisten Reisenden aber gönnen dem Maskottchen der Leichtathletik-Weltmeisterschaften an diesem Donnerstag keinen Blick.

Kurz bevor morgen in der Hauptstadt der Startschuss zum größten Sportereignis des Jahres fällt, scheint diese WM bei den Menschen noch nicht angekommen zu sein. Dabei übernehmen 190 Länder die Fernsehbilder, die erstmals in hoch auflösender HDTV-Qualität produziert werden. Doch drei von vier Deutschen, ergab eine Umfrage von Infratest Dimap, interessieren sich wenig bis gar nicht für das neuntägige Sportfest. Der Kartenverkauf lief lange schleppend, jetzt sind immerhin 320 000 der 500 000 Tickets abgesetzt; noch zu wenige, um den Etat von rund 47 Millionen Euro zu decken. Viel zu tun also für Berlino und alle anderen, die im Olympiastadion noch einmal zum großen Sprung ansetzen wollen.

Dabei gilt die Leichtathletik als Königsdisziplin, als olympische Kernsportart Nummer eins. "Zu Recht", wie Eike Emrich meint, Vizepräsident des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV): "Die Leichtathletik begann schon, als der erste Primat vom Baum fiel und feststellte, dass er laufen, werfen und springen kann." Anders als etwa beim Schwimmen sind die Duelle auf der Laufbahn bis ins Detail zu beobachten, den Gesichtern der Sportler ist anzusehen, wie Menschen an ihre Leistungsgrenzen gehen.

Aber die natürlichste aller Sportarten hat in Deutschland ihre natürliche Basis verloren - den Schulsport. Fuß- und Basketbälle haben vielerorts Maßband und Stoppuhr verdrängt, Bundesjugendspiele und "Jugend trainiert für Olympia" können den Trend nur abschwächen, nicht aufhalten.

Und doch sind die Sorgen unbegründet. Keine Sportart ist demokratischer als die Leichtathletik. Die kleinen Schlanken laufen lange Strecken, die langen Schlanken springen hoch. Die Kräftigeren, ob kurz oder lang, sprinten kurz oder springen weit. Die Stämmigen greifen zu Kugel, Diskus, Hammer oder Speer. Und wer alles kann, aber nichts perfekt, macht eben Mehrkampf. Tatsächlich meldet der Verband einen positiven Trend. "Es gibt sogar wieder mehr Mitglieder in den Vereinen", sagt dann auch DLV-Vize Emrich. "Tatsache ist, dass wir in den Medien weniger beachtet werden." Ein Grund sei die ständig wachsende Zahl der konkurrierenden Sportarten.

Leichtathletik ist trainingsintensiv. Wer den Erfolg will, wer bei der Leistungsschau im Olympiastadion von den Fans angefeuert werden will, muss sich quälen. Zehn Einheiten und mehr in der Woche lassen wenig Raum für Ausbildung, Studium, Beruf und Familienplanung, dazu kommen Wettkämpfe, Pflege und Regeneration. "Unsere Junioren sind bis zum Alter von 23 Jahren Weltspitze. Die Älteren aber laufen, springen und werfen der Konkurrenz oft hinterher", sagt Frank Thaleiser. Bei Olympia 2008 in Peking gewannen die deutschen Leichtathleten gerade noch eine Medaille. Die Speerwerferin Christina Obergföll holte Bronze. Bei der WM in Berlin gehört die Weltjahresbeste erneut zu der (gewachsenen) Gruppe deutscher Medaillenkandidaten um die Hochspringerin Ariane Friedrich oder den Diskuswerfer Robert Harting.

Frank Thaleiser (43) ist Geschäftsführer des Hamburger Leichtathletik-Verbands. Früher war er ein passabler 400-Meter-Läufer und Manager von Spitzenleichtathleten wie 800-Meter-Olympiasieger Nils Schumann. "Wir brauchen sportgerechte Ausbildungs-, Studien- und vor allem Arbeitsplätze", fordert er. "Im Wintersport gibt es sie bei der Bundeswehr und Bundespolizei, entsprechend erfolgreich sind wir in diesen Disziplinen. Für die Sommersportarten fehlen diese Angebote weitgehend, besonders die aus der Wirtschaft." Wer sich im Alter von 20 für den Leistungssport entscheide, gehe "ein hohes Vermögensrisiko ein - außer er ist Fußballer. Dann hat er schon in der Dritten Liga sein Auskommen."

Gern erzählt Thaleiser die Geschichte von Jobst Hirscht. Der Hamburger, heute 61 Jahre alt und pensioniert, stand 1972 bei den Olympischen Spielen in München als bisher letzter Westdeutscher in einem 100-Meter-Finale. Hirscht wurde Sechster und später mit der Staffel Dritter. Seine Bestzeit waren elektronisch gestoppte 10,25 Sekunden, das entspricht den handgestoppten 10,0 des ehemaligen Weltrekordlers Armin Hary. Wie er das geschafft habe, fragte ihn Thaleiser. "Ich war Vollprofi", antwortete Hirscht. Er startete für die Sportvereinigung der Polizei und wurde von seinem Arbeitgeber für die Leichtathletik freigestellt. "37 Jahre später ist das in Hamburg nicht mehr möglich", sagt Thaleiser.

Die deutsche Leichathletik stemmt sich auch gegen die Globalisierung des Sports. "Sie hat uns voll erwischt", sagt DLV-Sportdirektor Jürgen Mallow. Die 141 Leichtathletik-Medaillen in 47 Disziplinen teilten sich in Peking 43 Nationen. In keiner anderen Sportart ist die Streuung größer. Immer mehr Länder schicken ihre Athleten ins Rennen, 202 werden es in Berlin sein. Laufen kann jeder, schnell laufen immer noch viele. Spitze sind die Deutschen seit jeher dort, wo Technik und Wissen gefragt, wo komplizierte Abläufe über Jahre einzustudieren sind - das sind vornehmlich die Wurfwettbewerbe, zum Teil auch die Sprungdisziplinen.

Doping verschärft den Konkurrenzkampf. Während die Athleten in Deutschland und Westeuropa oft und regelmäßig kontrolliert werden, wurde in diesem Jahr in Afrika bei unangemeldeten Trainingstests kein Blut abgezapft. Das hatte rein logistische Gründe. Die Kühlkette von der Blutentnahme bis zum Labor war nicht zu garantieren. Afrika ist (fast) überall. Auch in der deutschen Leichtathletik wird nach ARD-Recherchen gedopt, mit Substanzen, die noch nicht im Raster der Fahnder und Forscher sind. "Die Dopingproblematik hat der Leichtathletik im Spitzenbereich geschadet", glaubt Emrich.

Und doch: Die WM in Berlin ist eine Chance. Der Klassiker unter den Sportarten hat seine Stärken, die ihn konkurrenzlos machen. "Wir müssen deutlich machen, dass Leichtathletik nicht nur von Leistung, von Zahlen und Rekorden lebt", sagt Emrich. Der Kern der Leichtathletik seien Duelle, deren Spannung es herauszuarbeiten gelte. "Das ist wie im Western - High Noon auf der Tartanbahn."

 

Artikel versenden

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus