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Sport

Zehnkampf: Norman Müllers Weg in die Weltspitze

Angst hat ihn schnell und stark gemacht

Als Kind wurde Norman Müller wegen seiner Hautfarbe durch Eisleben gejagt. Jetzt ist er eine deutsche Hoffnung bei der Leichtathletik-WM.

Zehnkämpfer Normen Müller hofft bei der WM in Berlin auf eine Platzierung unter den ersten sechs.
Foto: dpa/DPA

Halle (Saale). Sommer 1992. Ein kleiner Junge läuft durch die Straßen von Eisleben, der alten Lutherstadt. Eisleben befindet sich im Umbruch. Die Stadt bekommt Farbe, Gerüste, Straßenschilder, Umbauten - die neue Zeit ist angebrochen, aber weniger denn je akzeptiert. Die Euphorie der Wiedervereinigung scheint verflogen; mit der Arbeitslosigkeit macht sich Frust breit: Helmut Kohls Wort von den "blühenden Landschaften" wird diffamiert, auch in der kleinen, 25 200 Einwohner großen Stadt in Sachsen-Anhalt.

Dennoch kennt man sich hier untereinander; eigentlich ein gutes Zeichen - Indiz für Solidarität, Geborgenheit und Schutz gegen die neue Kälte, wie sie jenseits der Elbe allenthalben empfunden wird. Nicht von dem kleinen Jungen. Er wird verfolgt, beschimpft, bespuckt. Deswegen hetzt er so panisch durch die Straßen, wiewohl er das Wort "Panik" gar nicht kennt. Er hat nur Angst. Er rennt, weil er schwarz ist. Diejenigen, die hinter ihm her sind, sind weiß und gnadenlos: "Bleib` stehen Kohle, schwarze Sau!" Auch die Verfolger sind Kinder, etwas älter vielleicht als der Siebenjährige, der Fersengeld gibt.

"Fitschi", hört er sie schreien, nicht nur sie, nicht nur einmal und nicht nur an diesem Tag. "Fitschi" ist in der alten DDR der abwertende Ausdruck für Farbige gewesen; "Fitschi klatschen" wurde zum Synonym für die Fremdenfeindlichkeit der Rechten, die die Stimmung in weiten Teilen der Neuen Bundesländer vergiftet haben, nicht zuletzt in seinem Land.

Die tödliche Flucht des Algeriers Omar Ben Noui, der nach einem verzweifelten Sprung durch eine Scheibe verblutete, geschah zwar erst Jahre später in Guben, zur gleichen Zeit aber, da der Grundschüler Norman Müller durch Eisleben gejagt wird, brennt das Asylanten-Auffanglager in Rostock und finden in Hoyerswerda ähnliche Hetzjagden auf Ausländer statt - unter dem Beifall eines gewichtigen Teils der Bevölkerung. Nur, dass der kleine Norman kein Ausländer ist; er ist in Eisleben geboren und Deutscher - Mutter weiß, Vater schwarz. Das ist sein Problem, als er erschöpft, über Umwege nach Hause kommt und überlegt: Was tun?

Er hat von Karate gehört. Er will sich verteidigen. "Aufgeben", sagt er heute, "ist für mich nie infrage gekommen." Er grübelt, der Kleine. Die Mutter mag er nicht belästigen. Nicht jeden Tag. Sie hat es schon schwer genug. Der Vater ist zurück in seine afrikanische Heimat. Der Sohn vertraut sich einer Nachbarin an; sie sucht für ihn nach einem Karateverein. Vergeblich in Eisleben, wie beide zu seinem Leidwesen feststellen. Aber der Ort hat etwas anderes: einen Leichtathletikverein.

Leichtathletik? Das Wort hätte auch "Kitelhtathciel" heißen können, lacht Norman Müller heute über die Umdrehung des Wortes als Beweis für die ihm damals völlig unbekannte Sportart. Der kleine Schwarze wagt sich dorthin, bleibt und erkennt sehr bald, was er aber schon wusste: "Schnelles Rennen ist tatsächlich eine geeignete Form der Gegenwehr." Was er jetzt hinzu lernt, ist die Sicherheit des Könnens. Einen halben Kopf größer als seine gleichaltrigen Traininggenossen hat der Übungsleiter nicht eine Sekunde gezögert, ihn dazubehalten.

Inzwischen sind 17 Jahre vergangen. Aus dem verängstigten Kind ist ein smarter junger Mann geworden - ein Zehnkämpfer der Weltklasse mit einem ganz besonderen Lächeln, 1,96 Meter groß, durchtrainiert und 80 Kilo schwer. Er vertritt Deutschland bei den kommenden Leichtathletik-Weltmeisterschaften vom 15. bis zum 23. August in Berlin. Mit einer Bestleistung von 8295 Punkten gehört er weltweit zur Elite. Dass er schon zweimal den nationalen Titel geholt hat - einen in der Halle, einen im Freien -, gehört fast zum guten Ton für internationale Berufungen. Laufen ist immer noch eine seiner Stärken. Die 100 Meter sprintet er unter elf Sekunden. Und über 400 Meter, die Stadionrunde, die seine früheren Verfolger allenfalls im Trab kurzatmig durchhalten würden, läuft er in für einen Zehnkämpfer fast sensationellen 47 Sekunden. Einer, der sich auf dieser "männermordenden Strecke" quälen kann.


 

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Hintergrund

Norman Müller hat eine Menge Lehren aus seiner schicksalhaften Jugend gezogen. Es klingt wie aus dem Bilderbuch eines Humanisten, wenn er formuliert: Leistung und Ehrgeiz, aber in einem vernünftigen Verhältnis zueinander; Toleranz, aber nicht als Phrase, sondern im aktiven Einsatz; Reden, aber nicht ohne zu handeln; handeln, aber nur mit Konsequenz.

Nach einem erstklassigen Abitur hat er zunächst eine Ausbildung als Polizeimeister in Halle (Saale) in Angriff genommen; ein Studium im Bereich Politologie, Geschichte, Soziologie soll folgen. Einen ersten Einstieg in die Politik hat er als Praktikant der SPD-Bundestagsabgeordneten Dagmar Freitag bereits hinter sich. Wer sich wie er über gesellschaftspolitische Dinge ärgert, will sie ändern. Dabei ist Müller (von sich als "Sturkopf und Perfektionist gelegentlich selbst nicht begeistert") ein absolut heiterer Mensch, inzwischen mit einem bunten Freundeskreis. Keine Spur von Verbissenheit. Einer mit Charme und Charisma. Einer, der lernt und lernen will. Als Jahrgangsbester der Frankfurter Reisebank-Akademie, die sich vorgenommen hat, aus Talenten Eliten zu formen, gewinnt er die Überzeugung, noch besser werden zu müssen.

Was sich nach Superstreber anhört, ist die Haltung eines Menschen, der als Kind auf aberwitzige Weise an den Rand der Gesellschaft gestoßen werden sollte. Sich durchzusetzen geschieht nicht nur aus Ehrgeiz, schon gar nicht aus rot glühendem, eher aus der Verpflichtung heraus, es sich selbst, seinem Talent und seiner Familie schuldig zu sein, vielleicht sogar seinem Land. Sein Land ist Deutschland.

Als sein Repräsentant laufen ihm beim Abspielen der Nationalhymne "jedes Mal Schauer über den Rücken". Würde er für Mosambik, das Land seines Vaters, starten (was möglich gewesen wäre), dann "wäre ich dort wahrscheinlich Nationalheld", merkt er an - doch befriedigen würde es ihn nicht. Er mag nicht den leichten Weg; dazu ist sein Glaube an sich zu stark "wie der des Papstes an Gott".

Was für ein Mensch. Typisch schwarz oder typisch deutsch? Das ist hier die Frage.

 

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