24.10.12

100. Tour de France

Tour-Chef mit Anti-Doping-Appell – großes Spektakel

Zwei Tage nach dem UCI-Urteil gegen Armstrong ist die 100. Tour de France vorgestellt worden. Tour-Chef Prudhomme fand deutliche Worte.

Foto: DAPD
France Tour de France Armstrong
Zwei Tage nach dem UCI-Urteil gegen Armstrong ist die 100. Tour de France vorgestellt worden. Tour-Chef Christian Prudhomme fand deutliche Worte.

Paris/Berlin. Mit einem flammenden Anti-Doping-Appell hat Tour-Direktor Christian Prudhomme die Präsentation der spektakulären 100. Frankreich-Rundfahrt begonnen. Der Schatten des einstigen Seriensiegers Lance Armstrong lag am Mittwoch in Paris über der feierlichen Vorstellung der Strecke der Jubiläums-Tour 2013, die Bergfahrern besonders entgegen kommen dürfte.

Die 100. Tour seit der Erstaustragung 1903 soll im nächsten Jahr vom 29. Juni bis 21. Juli zum großen Spektakel werden. Sie beginnt zum ersten Mal auf der Mittelmeerinsel Korsika, klettert auf der 18. Etappe zweimal hoch nach L'Alpe d'Huez, bezwingt am Nationalfeiertag den Mont Ventoux, überquert den Tourmalet und feiert ein Flutlicht-Finale auf den Champs Elysées. In Nizza findet nach den ersten drei Etappen auf Korsika ein Mannschaftszeitfahren statt, auf der Atlantikinsel Mont Saint Michel (11. Etappe) endet ein Einzelzeitfahren. Vier Bergankünfte stehen im Programm, die beiden Einzelzeitfahren führen über zusammen 65 Kilometer.

Zwei Tage nach dem Schuldspruch gegen Armstrong, dessen sieben Tour-Siege zwischen 1999 und 2005 vom Weltverband UCI aberkannt worden waren, traf sich am Mittwoch in Paris die Radsport-Familie. Tour-Chef Prudhomme hielt eine emotionale Rede gegen Doping, bevor er den kommenden Parcours über rund 3360 Kilometer vorstellte. Die Teammanager und Ärzte hätten "die Schlüssel gegen Doping in der Hand - sie müssen der Schutzwall sein", sagte der Ex-Journalist.

Unter den Ehrengästen im Palais des Congrès war neben dem diesjährigen Sieger und Olympia-Goldmedaillengewinner Bradley Wiggins (Großbritannien), der in einer blauen Winterjacke auf dem Podium erschien, auch Alberto Contador. Dem Spanier war der Tour-Sieg 2010 wegen Dopings aberkannt worden. Erst im August war er aus einer Sperre zurückgekehrt. Am 29. Juni darf der zweifache Tour-Sieger Contador – Stand heute – wieder den Start gehen.

In der ersten Reihe im Palais des Congrès saß auch der umstrittene UCI-Chef Pat McQuaid, der am Freitag entscheiden will, ob es für die aberkannten sieben Armstrong-Siege Nachrücker im Tour-Klassement geben wird. Die Tour-Organisatoren sind dagegen – auch weil es schwer werden dürfte unter den Erstplatzierten Profis zu finden, die dopingunverdächtig sind.

"Die Tour-Entscheidung wird in der letzten Woche in den Alpen fallen. Wir müssen uns im Team jetzt zusammensetzen und unsere kommende Strategie besprechen", sagte der diesjährige Tour-Zweite Chris Froome, der sich als besonders starker Bergfahrer Chancen ausrechnet, 2013 auf die Position des Kapitäns beim Team Sky aufzurücken. Wiggins hatte ihm nach der vergangenen Tour Unterstützung in Aussicht gestellt. "Es wird schwierig werden, die Konkurrenz zu kontrollieren", sagte Contador.

Der Name Armstrong soll in L'Alpe d'Huez verbannt werden. Der Bürgermeister will das Metallschild mit dem Namen des Texaners in der 21. Straßenkehre hoch in den Wintersportort abmontieren. Jeder der 27 Tagessieger in L'Alpe d'Huez wird mit einer Erwähnung in einer der 21 Kurven geehrt.

Der Etappenplan der 100. Tour de France

1. Etappe (Samstag, 29. Juni): Porto-Vecchio - Bastia (212 km)

2. Etappe (Sonntag, 30. Juni): Bastia - Ajaccio (154 km)

3. Etappe (Montag, 1. Juli): Ajaccio - Calvi (145 km)

4. Etappe (Dienstag, 2. Juli): Nizza - Nizza, (25 km/MZF)

5. Etappe (Mittwoch, 3. Juli): Cagnes-sur-Mer - Marseille (219 km)

6. Etappe (Donnerstag, 4. Juli): Aix-en-Provence - Montpellier (176 km)

7. Etappe (Freitag, 5. Juli): Montpellier - Albi (205 km)

8. Etappe (Samstag, 6. Juli): Castres - Ax-3 Domaines (194 km)

9. Etappe (Sonntag, 7. Juli): Saint-Girons - Bagneres-de-Bigorre (165 km)

Ruhetag (Montag, 8. Juli) in Saint-Nazaire

10. Etappe (Dienstag, 9. Juli): Saint-Gildas-des-Bois - Saint-Malo (193 km)

11. Etappe (Mittwoch, 10. Juli): Avranche - Mont-Saint-Michel (33 km/EZF)

12. Etappe (Donnerstag, 11. Juli): Fougeres - Tours (218 km)

13. Etappe (Freitag, 12. Juli): Tours - Saint-Amand-Montrond (173 km)

14. Etappe (Samstag, 13. Juli): Saint-Pourcain-sur-Sioule - Lyon (191 km)

15. Etappe (Sonntag, 14. Juli): Givors - Mont Ventoux (242 km)

Ruhetag (Montag, 15. Juli) in Vaucluse

16. Etappe (Dienstag, 16. Juli): Vaison-la-Romaine - Gap (168 km)

17. Etappe (Mittwoch, 17. Juli): Embrun - Chorges (32 km/EZF)

18. Etappe (Donnerstag, 18. Juli): Gap - Alpe d'Huez (168 km)

19. Etappe (Freitag, 19. Juli): Bourg-d'Oisans - Le Grand-Bornand (204 km)

20. Etappe (Samstag, 20. Juli): Annecy - Annecy-Semnoz (125 km)

21. Etappe (Sonntag, 21. Juli): Versailles - Paris Champs-Elysees (118 km)

Gesamtlänge: 3360 km

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Die Doping-Akte Armstrong
  • Hauptvorwurf

    Die Usada wirft Armstrong sowie fünf weiteren Teambetreuern und Ärzten systematisches Doping von 1998 bis 2010 vor. Armstrong habe selbst unter anderem Epo-, Kortison-, Testosteron- und Blutdoping betrieben sowie viele Mannschaftskollegen dazu aufgefordert. Seine Teams seien von Anfang bis zum Ende „mit Doping verseucht“ gewesen.

  • Beweise

    Die Usada stützt sich vor allem auf eidesstattliche Erklärungen und Aussagen von mehr als zwei Dutzend Zeugen, darunter 15 Radprofis und elf ehemalige Teammitglieder von Armstrong. Darüber hinaus bietet die Behörde viele Dokumente wie Bankauszüge, E-Mail-Korrespondenzen, Labortests und wissenschaftliche Gutachten auf. Auf Unterlagen der US-Finanzbehörde, die Ermittlungen gegen Armstrong zuvor eingestellt hatte, musste die Usada dabei nach eigenen Angaben verzichten.

  • Dopingproben

    Armstrong gab als Verteidigung stets an, in seiner Karriere mehr als 500 Mal negativ getestet worden zu sein. Diese Zahl streitet die Usada ab und rechnet mit rund der Hälfte. Außerdem habe es mehrmals positive Tests gegeben: Sechs wissenschaftliche Epo-Befunde der Tour 1999 seien zum Zeitpunkt der Nachuntersuchung 2005 sportrechtlich nicht mehr verwertbar gewesen. Ein positives Epo-Ergebnis der Tour de Suisse habe Armstrong mithilfe der UCI verschleiert. Analysen von Armstrongs Blutprofilen zwischen Oktober 2008 und Januar 2011 lassen auf Blutdoping schließen. Die Chance, dass ein zu niedriger Retikulozyten-Anteil bei sieben Blutproben auf natürliche Weise zustandekam, beziffert ein Gutachter auf „kleiner als 1:1 000000“.

  • Zeugenaussagen

    Die Berichte ehemaliger Teamkollegen zeichnen ein detailliertes Bild. Schon 1998, in seiner ersten Saison nach seiner überstandenen Krebserkrankung, habe Armstrong im Team US Postal Doping mit Epo, Kortison, Testosteron und dem Wachstumshormon HGH betrieben. Ein Jahr später sei bei der Tour erstmals ein Motorradfahrer („Motoman“) engagiert worden, um das Team unbehelligt mit Drogen zu versorgen. Danach sei die „Dopingverschwörung“ immer professioneller geworden.

  • Tests

    Um keine positiven Tests abzugeben, seien Armstrong und seine Kollegen zu gewissen Vorsichtsmaßnahmen aufgefordert worden. In den ersten Jahren habe es zum Teil schon genügt, den Kontrolleuren einfach die Wohnungstür nicht zu öffnen. Später hätten die Teamchefs um Johan Bruyneel stets im Voraus erfahren, wann ein Test anstand. Weil die Dopingkontrollen von Jahr zu Jahr intensiver wurden, habe sich Armstrong mitunter in Wohnungen von Teamkollegen versteckt. Zudem hätten die Team-Mediziner penibel genaue Zeitfenster für die Doping-Einnahme errechnet, um später nicht aufzufallen. Einen positiven Kortison-Test Armstrongs habe Teamarzt Luis Garcia del Moral durch ein gefälschtes nachträgliches Rezept verschleiert.

  • Helfer

    Die zentrale Figur ist der italienische Arzt Michele Ferrari, in der Szene bekannt als „Dottore Epo“. Laut Usada arbeitete Armstrong die ganze Karriere hindurch mit dem umstrittenen Mediziner zusammen, der in Italien Berufsverbot hat. Daneben war Teamchef Bruyneel der engste Vertraute des Texaners. Der Belgier habe junge Radprofis „auf schädlichste Art und Weise“ in „abgeklärte Doper“ verwandelt.

  • Gruppenzwang

    Laut Zeugenaussagen hat Armstrong Doping in seinen Teams nicht nur gefördert, sondern auch gefordert. David Zabriskie etwa berichtete, durch den Leistungssport den Drogen aus dem Weg gehen zu wollen, die er für den frühen Tod seines abhängigen Vaters verantwortlich machte. 2003 aber sei er dann doch von Bruyneel überredet worden, Epo zu nehmen („Jeder macht das“). „Als ich in meine spanische Wohnung zurückkam, brach ich zusammen. Ich rief heulend zuhause an. Ich hatte dem Druck nicht standgehalten“, erzählte Zabriskie.

  • Einschüchterung

    Armstrong sorgte in seinem Team und im Peloton nicht nur für Respekt, sondern auch für Angst: Als der Italiener Filippo Simeoni aus einer gegnerischen Mannschaft 2004 gegen den Armstrong-Arzt Ferrari aussagte, wurde er vom Amerikaner während einer Tour-Etappe vor laufenden Kameras zurechtgewiesen. Den Ex-Teamkollegen Tyler Hamilton habe Armstrong in einem Restaurant körperlich bedroht („Wir machen dein Leben zur verdammten Hölle“), Levi Leipheimers Frau einschüchternde SMS geschrieben. Zudem habe er mehrfach versucht, andere Fahrer zu falschen eidesstattlichen Versicherung zu nötigen.

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