18.10.12

Doping-Skandal

Demontage des Denkmals Lance Armstrong geht weiter

Dem Ex-Radprofi laufen immer mehr Sponsoren weg. Täglich kommen neue Anschuldigungen hinzu. Nun steht auch der UCI in der Kritik.

Foto: REUTERS
File photograph of Lance Armstrong taking part in a special session regarding cancer in the developing world during the Clinton Global Initiative in New York
Es wird eng: die Beweise im Doping-Skandal sprechen gegen Lance Armstrong

Düsseldorf. Den Vorsitz seiner Krebsstiftung ist er los, die Sponsoren laufen ihm davon und neue Anschuldigungen machen die Runde: Der Absturz des einstigen Radhelden Lance Armstrong geht in rasendem Tempo weiter. Seine sportlichen Erfolge sind spätestens seit der Veröffentlichung des Abschlussberichts der amerikanischen Anti-Doping-Agentur USADA ein Muster ohne Wert. Und auch in finanzieller Hinsicht kommen schwere Zeiten auf den Texaner zu.

Nach dem Rückzug des US-Sportartikelherstellers Nike nehmen auch die Brauerei Anheuser-Busch, die Fitness-Center-Kette 24 Hour Fitness, der Fahrradhersteller Trek sowie Honey Stinger, ein Produzent für Sportlernahrung, das Energy-Drink-Unternehmen FRS und der Sonnenbrillenhersteller Oakley Abstand von einer weiteren Zusammenarbeit mit dem Texaner.

Laut Anheuser-Busch werde der 2012 auslaufende Vertrag nicht verlängert. 24 Hour Fitness teilte mit, dass die Geschäftsbeziehung mit Armstrong nicht mehr im Einklang mit den Werten des Unternehmens stünde. Trek hat die Zusammenarbeit mit sofortiger Wirkung beendet. Ebenso sei die Kooperation zwischen FRS und Armstrong eingestellt worden. Honey Stinger will auf seinen Verpackungen nicht mehr mit Armstrong werben. Oakley hat noch keine Entscheidung getroffen, will aber das Sponsoringverhältnis zu Armstrong überprüfen.

Anschuldigungen von Kathy Lemond

Erst am Mittwoch hatte Nike die Zusammenarbeit beendet, nachdem Armstrong das Unternehmen seit mehr als einem Jahrzehnt irregeführt habe. "Nike duldet den Missbrauch von illegalen, leistungssteigernden Mitteln in keiner Weise", hieß es in der Begründung. Sein Engagement bei Livestrong will das Unternehmen aber fortsetzen. Als Gegenleistung musste Armstrong aber offenbar seinen Hut nehmen.

Leistung und Gegenleistung – so oder so ähnlich könnte es auch 1999 abgelaufen sein, schenkt man den Anschuldigungen von Kathy Lemond, der Ehefrau des dreimaligen Toursiegers Greg Lemond Glauben. Sie hatte behauptet, dass Nike 500.000 Dollar an den damaligen UCI-Präsident Hein Verbruggen gezahlt habe, um einen Dopingtest Armstrongs bei der Tour 1999 zu vertuschen. Sowohl Nike als auch Verbruggen wiesen dies zurück. "Nike duldet nicht die Nutzung von leistungssteigernden Substanzen", hieß es in einer Stellungnahme. Auch Verbruggen nannte die Vorwürfe "absurd". Armstrong sei nie positiv getestet worden. Es habe nichts zu vertuschen gegeben.

Lemond hatte die Anschuldigungen bereits während des Rechtsstreits zwischen Armstrong und dessen früherem Sponsor Tailwind Sport im Jahre 2006 erhoben. Laut Lemond habe Nike das Geld auf ein Schweizer Konto von Verbruggen gezahlt, um einen positiven Test auf Corticosteroide bei der Tour 1999 zu vertuschen. Armstrong hatte damals eine medizinische Ausnahmegenehmigung nachgereicht.

Verbruggen steht auch im Zentrum der Kritik von Jean Regenwetter, dem Präsident des luxemburgischen Radsport-Verbandes, der der UCI im Kampf gegen Doping Versagen und den Verantwortlichen einen autokratischen Führungsstil vorgeworfen hat. "Leider ist die Führung der UCI völlig intransparent. Eine Aussprache über essenzielle Dinge fand nie statt", sagte Regenwetter der "Berliner Zeitung". Die UCI-Kongresse seien quasi eine reine Show. "Da wird ein Bericht gemacht, dann werden bunte Bilder gezeigt, damit sich die Delegierten nicht langweilen, und dann gibt es einen Film über die Entwicklungshilfe. Über die Probleme des Radsports wird nicht debattiert."

Debatten zum Kampf gegen Doping werden laut Regenwetter unter dem Punkt "Verschiedenes" kurz vor dem Mittagessen abgehandelt. Auch die von McQuaid ins Spiel gebrachte Idee von der Generalamnestie für geständige Dopingsünder sei nie wirklich diskutiert worden. Es habe von McQuaid nicht einmal eine schriftliche Vorlage gegeben. Stattdessen habe der Ire einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen wollen. "Nach dem Motto: Wir schauen nur nach vorne. Er sagte, die Medien seien dabei, den Radsport zu vernichten. Von Selbstkritik keine Spur."

Verbruggen womöglich weiter der starke Mann bei der UCI

Regenwetter ist felsenfest davon überzeugt, dass im Hintergrund weiterhin Verbruggen "die Fäden bei der UCI in der Hand hält". Dem Niederländer gehe es darum, ein System Ecclestone zu installieren. Regenwetter wirft Verbruggen Profitgier vor. "Der Mann ist ja kein Philantrop. Verbruggen hat sich eine goldene Nase verdient. Die Weltmeisterschaften werden dahin vergeben, wo das meiste Geld sitzt. Es ist doch kein Zufall, dass die WM 2016 an Katar gegangen ist."

Die WM wird Armstrongs langjähriger Mentor Johan Bruyneel dann wohl nur noch als Zuschauer erleben. Doch der Belgier gibt nicht auf. Bruyneel will seinen Einspruch gegen die Anklage der amerikanischen Anti-Doping-Agentur USADA aufrechterhalten. Das teilte er in einer Stellungnahme mit, wenngleich er "fassungslos" sei, dass die USADA die Vertraulichkeit missachte.

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Die Doping-Akte Armstrong
  • Hauptvorwurf

    Die Usada wirft Armstrong sowie fünf weiteren Teambetreuern und Ärzten systematisches Doping von 1998 bis 2010 vor. Armstrong habe selbst unter anderem Epo-, Kortison-, Testosteron- und Blutdoping betrieben sowie viele Mannschaftskollegen dazu aufgefordert. Seine Teams seien von Anfang bis zum Ende „mit Doping verseucht“ gewesen.

  • Beweise

    Die Usada stützt sich vor allem auf eidesstattliche Erklärungen und Aussagen von mehr als zwei Dutzend Zeugen, darunter 15 Radprofis und elf ehemalige Teammitglieder von Armstrong. Darüber hinaus bietet die Behörde viele Dokumente wie Bankauszüge, E-Mail-Korrespondenzen, Labortests und wissenschaftliche Gutachten auf. Auf Unterlagen der US-Finanzbehörde, die Ermittlungen gegen Armstrong zuvor eingestellt hatte, musste die Usada dabei nach eigenen Angaben verzichten.

  • Dopingproben

    Armstrong gab als Verteidigung stets an, in seiner Karriere mehr als 500 Mal negativ getestet worden zu sein. Diese Zahl streitet die Usada ab und rechnet mit rund der Hälfte. Außerdem habe es mehrmals positive Tests gegeben: Sechs wissenschaftliche Epo-Befunde der Tour 1999 seien zum Zeitpunkt der Nachuntersuchung 2005 sportrechtlich nicht mehr verwertbar gewesen. Ein positives Epo-Ergebnis der Tour de Suisse habe Armstrong mithilfe der UCI verschleiert. Analysen von Armstrongs Blutprofilen zwischen Oktober 2008 und Januar 2011 lassen auf Blutdoping schließen. Die Chance, dass ein zu niedriger Retikulozyten-Anteil bei sieben Blutproben auf natürliche Weise zustandekam, beziffert ein Gutachter auf „kleiner als 1:1 000000“.

  • Zeugenaussagen

    Die Berichte ehemaliger Teamkollegen zeichnen ein detailliertes Bild. Schon 1998, in seiner ersten Saison nach seiner überstandenen Krebserkrankung, habe Armstrong im Team US Postal Doping mit Epo, Kortison, Testosteron und dem Wachstumshormon HGH betrieben. Ein Jahr später sei bei der Tour erstmals ein Motorradfahrer („Motoman“) engagiert worden, um das Team unbehelligt mit Drogen zu versorgen. Danach sei die „Dopingverschwörung“ immer professioneller geworden.

  • Tests

    Um keine positiven Tests abzugeben, seien Armstrong und seine Kollegen zu gewissen Vorsichtsmaßnahmen aufgefordert worden. In den ersten Jahren habe es zum Teil schon genügt, den Kontrolleuren einfach die Wohnungstür nicht zu öffnen. Später hätten die Teamchefs um Johan Bruyneel stets im Voraus erfahren, wann ein Test anstand. Weil die Dopingkontrollen von Jahr zu Jahr intensiver wurden, habe sich Armstrong mitunter in Wohnungen von Teamkollegen versteckt. Zudem hätten die Team-Mediziner penibel genaue Zeitfenster für die Doping-Einnahme errechnet, um später nicht aufzufallen. Einen positiven Kortison-Test Armstrongs habe Teamarzt Luis Garcia del Moral durch ein gefälschtes nachträgliches Rezept verschleiert.

  • Helfer

    Die zentrale Figur ist der italienische Arzt Michele Ferrari, in der Szene bekannt als „Dottore Epo“. Laut Usada arbeitete Armstrong die ganze Karriere hindurch mit dem umstrittenen Mediziner zusammen, der in Italien Berufsverbot hat. Daneben war Teamchef Bruyneel der engste Vertraute des Texaners. Der Belgier habe junge Radprofis „auf schädlichste Art und Weise“ in „abgeklärte Doper“ verwandelt.

  • Gruppenzwang

    Laut Zeugenaussagen hat Armstrong Doping in seinen Teams nicht nur gefördert, sondern auch gefordert. David Zabriskie etwa berichtete, durch den Leistungssport den Drogen aus dem Weg gehen zu wollen, die er für den frühen Tod seines abhängigen Vaters verantwortlich machte. 2003 aber sei er dann doch von Bruyneel überredet worden, Epo zu nehmen („Jeder macht das“). „Als ich in meine spanische Wohnung zurückkam, brach ich zusammen. Ich rief heulend zuhause an. Ich hatte dem Druck nicht standgehalten“, erzählte Zabriskie.

  • Einschüchterung

    Armstrong sorgte in seinem Team und im Peloton nicht nur für Respekt, sondern auch für Angst: Als der Italiener Filippo Simeoni aus einer gegnerischen Mannschaft 2004 gegen den Armstrong-Arzt Ferrari aussagte, wurde er vom Amerikaner während einer Tour-Etappe vor laufenden Kameras zurechtgewiesen. Den Ex-Teamkollegen Tyler Hamilton habe Armstrong in einem Restaurant körperlich bedroht („Wir machen dein Leben zur verdammten Hölle“), Levi Leipheimers Frau einschüchternde SMS geschrieben. Zudem habe er mehrfach versucht, andere Fahrer zu falschen eidesstattlichen Versicherung zu nötigen.

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