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Sport

Mischas Tagebuch

Hätte auch bei 2:0-Satzführung aufgegeben

Zugegeben: Ich bin schon ein wenig verwundert darüber, dass es negative Kommentare über meine gestrige Aufgabe bei den French Open gibt. Einige Kritiker sagen, es sei komisch, dass ein so junger Spieler wie ich in dieser Saison bereits dreimal wegen Aufgabe Spiele verloren hat. Deshalb möchte ich mal ein paar Dinge klarstellen.

Ich habe gegen den Italiener Potito Starace gestern aufgegeben, weil ich mich wegen schwerer Bauchkrämpfe nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Ich habe mich selbst darüber sehr gewundert, denn als ich auf den Platz ging, ging es mir noch blendend, und heute ist, bis auf ein wenig Erschöpfung, von den Problemen auch nichts mehr zu spüren. Ich habe gestern normal essen können und alles bei mir behalten. Der Arzt hat gestern auch nichts feststellen können, allerdings soll ich morgen oder am Donnerstag noch eine Blutuntersuchung machen lassen.

Fakt ist aber: Schon zum Ende des ersten Satzes, den ich 7:6 gewann, waren die Schmerzen plötzlich heftig. Ich habe mich dann durch den zweiten Satz gequält und 5:7 verloren, und jeder, der mir dabei zugeschaut hat, sollte gesehen haben, dass ich versucht habe, alles zu geben. Aber wenn man irgendwann an den Punkt kommt, an dem man spürt, dass gar nichts mehr geht, dass die Probleme nur schlimmer werden, dann muss man seinem Körper zuliebe einfach die Entscheidung treffen, nicht weiterzumachen. Ich hätte gestern auch bei 2:0-Satzführung aufgegeben, weil ich gespürt habe, dass ich nicht durchhalten kann. Das hat nichts damit zu tun, dass ich mich nicht quälen kann oder ein Weichei bin, sondern einfach mit der Einsicht, dass der Körper manchmal eben schlapp macht.

Ich habe in dieser Saison in Zagreb aufgegeben, weil ich eine Bronchitis hatte, mit der ich eigentlich gar nicht erst hätte antreten dürfen. Dann musste ich beim Masters in Madrid wegen einer Fußverletzung aufgeben, weil ich nicht mehr laufen konnte. Es waren also drei unterschiedliche Gründe, die mich zur Aufgabe zwangen, und immer hatte ich das Gefühl, dass es schwerwiegende Folgen gehabt hätte, wenn ich weitergespielt hätte. Wer das in Zweifel zieht oder nicht verstehen kann, dem kann und will ich auch nicht helfen.

Das Argument, man dürfe doch bei einem so wichtigen Turnier wie den French Open nicht wegen ein paar Krämpfen aufgeben, zählt für mich im übrigen gar nicht, denn meine Einstellung ist, dass ich bei jedem Turnier, bei dem ich spiele, immer gewinnen will. Da gibt es keine Unterschiede in der Wichtigkeit. Wenn ich spüre, dass gar nichts mehr geht, dann gebe ich auf, egal ob es in Wimbledon, Hamburg oder bei einem Challenger-Turnier in Florida ist.

Die Konsequenz, die ich aus der gestrigen Aufgabe ziehe, ist eine andere. Ich werde mir professionelle Hilfe in Sachen Ernährung holen, denn ich habe das Gefühl, dass ich während eines Matches meine Energiezufuhr optimieren muss. Ich schwitze sehr viel, verliere deshalb eine Menge Substanz, die ich mir wieder zuführen muss. Das heißt, ich werde mich informieren, ob ich statt Wasser und Elektrolyt-Getränken vielleicht lieber eiweißhaltige Milchshakes oder ähnliches zu mir nehmen sollte. Dazu werde ich die Physiotherapeuten hier befragen. Auch werde ich prüfen, ob ich meine Ernährungsgewohnheiten vor und nach Matches optimieren kann. Eins muss man mir als 21-Jährigem eben auch zubilligen: Ich bin noch nicht perfekt, sondern mache Fehler und versuche, diese Erfahrungen dann so zu verwerten, dass ich durch sie stärker werde. Das habe ich nach dem Aus in Madrid getan, indem ich mir Einlagen habe anfertigen lassen, um die Fußprobleme auszumerzen, und das werde ich auch jetzt wieder tun.

Nun genug der Erklärungen. Heute habe ich eineinhalb Stunden trainiert. Wann ich mit meinem serbischen Partner Dusan Vemic zum Erstrundendoppel gegen die Franzosen Michael Llodra und Fabrice Santoro antrete, stand bis heute um 18 Uhr noch immer nicht fest. Wenn die beiden Franzosen ihre Einzel verlieren, spielen wir Donnerstag. Wenn einer oder beide gewinnen, spielen wir morgen. Warten wir es also ab.

Viele Grüße aus Frankreich, Euer Mischa!

Der Hamburger Profi Mischa Zverev (21), derzeit an Position 51 der Weltrangliste geführt, berichtet exklusiv für abendblatt.de von seinen Erlebnissen im Tennisjahr 2009

 

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