27.10.10

Mode aus Hamburg

Im Norden was Neues

Der Hamburger Modenachwuchs glänzt – mit Perlenketten hat er dennoch nichts am Hut. Porträts über Designer von morgen.

Foto: Roland Magunia

Der Designer Stefan Eckert in seinem Atelier am Hamburger Mittelweg.

6 Bilder

Nett war es nicht. Erst recht nicht charmant. Dafür ein echter Wolfgang Joop. Die wohlhabende Hamburgerin, lästerte der für seine spitze Zunge bekannte Designer in einem Interview, sei eine "gelungene Mischung aus Pferd und Frau". Sie trage "wenig Make-up, viel Zahnfleisch", dazu Hermès-Gürtel und Karottenjeans. Das dürfe nicht als Beleidigung verstanden werden. Lediglich als eine pointierte Bestandsaufnahme.

Sicherlich, die Beobachtungen des einstigen Wahlhanseaten mögen mancherorts bestätigt werden. In den noblen Stadtvierteln Othmarschen und Blankenese etwa. Doch hat die Stadt weit mehr zu bieten. Und das müsste eigentlich keiner besser wissen, als eben jener Wolfgang Joop. Nicht nur, dass er von hier aus seine Weltkarriere startete, wie übrigens auch Jil Sander und Karl Lagerfeld. Er selbst entdeckte einen Designer, der mit seiner Mode das verkörpert, was Hamburg tatsächlich ausmacht. Dezenter Stil und Schnörkellosigkeit: Stefan Eckert, 32 Jahre alt, entwirft in seinem Atelier rund 120 Kleider im Jahr. Alle sind handgefertigt, meist in gedeckten Tönen gehalten.

Er sei inspiriert von der Begrifflichkeit der Eleganz, sagt der gebürtige Nürnberger. "Ich möchte feminine Mode für selbstbewusste Frauen machen, Modernität mit Haute Couture verbinden." Und kurz wird man stutzig angesichts der Worte dieses Mannes mit dem dicken Rastazopf, den großen Ohrringen und dem tätowierten Arm. Ja, Individualität sei ihm wichtig, sagt Stefan Eckert. Er habe lange versucht, sich selbst durch das Äußere zu finden. Mittlerweile scheint er angekommen.

Nach einer Schneiderlehre und dem Studium an der Hamburger Akademie Mode und Design arbeitete er bei dem kürzlich verstorbenen Alexander McQueen in London. Seiner Hartnäckigkeit hätte er das zu verdanken. "Ich habe mich nicht woanders beworben, immer wieder dort angerufen", sagt er. Die Zeit in London prägte ihn nachhaltig. "McQueen zeigte mir, dass du an deinen eigenen Weg glauben musst."

Sein Weg führte in die Selbstständigkeit – und zurück nach Hamburg. Er liebe die Ruhe der Stadt, die ihr eigene Kontinuität. Berlin, sagt er, mache ihn verrückt. Zur Fashion Week im Januar reiste er in die Hauptstadt, präsentierte dort erstmals eine Kollektion. Mit Erfolg. Im Sommer möchte er wiederkommen, doch für länger zieht es ihn nicht an die Spree: "Die Hamburger Attitüde passt einfach besser zu mir und meiner Mode."

Der "Vibe" der Stadt, wie er es nennt, ist weit mehr als Louis-Vuitton-Tasche und blonde Strähnchen von Marlies Möller. Eine natürliche Noblesse findet sich hier. Pelz trägt man nach innen, wenn es denn überhaupt sein muss. Schließlich gibt es eine bunte Vielfalt an Modeschöpfern, die sich deutschlandweit mit unterschiedlichsten Stilrichtungen einen Namen gemacht haben. Zwar haben mit Jil Sander, Joop! und Lagerfeld die einstigen Lichtgestalten schon längst die Stadt verlassen. Jene glorreichen Drei, die einst den Ruf Hamburgs als Enklave für Modeschaffende prägten.

Doch der Nachwuchs von heute ist nicht minder interessant. Dass davon wenig Notiz genommen wird, dass Berlin zur alles bestimmenden Modemetropole erhoben wird – an er Elbe kümmert es die wenigsten. "In Berlin sind sie alle Künstler", sagt Stefan Eckert. Die aufstrahlen können – und auch verglühen. In der Hansestadt hält man es mit der Tradition. Und ist erst Geschäftsmann, dann Kreativer.

Hamburg muss sich nicht anbiedern. Mit dem Image eines Geheimtipps lebt es sich gut, wenn nicht sogar besser. Das bestätigt Stefan Eckert. "Du brauchst länger, um die Leute zu überzeugen", sagt er. "Dann aber bleiben sie." Trends werden aufgenommen, doch nicht um jeden Preis. Der Stil ist gefestigter als im schnelllebigen Berlin. Das kann man konservativ finden - oder entspannt.

Und wie steht es um die Frauen auf der Straße? "Das lässt sich nicht verallgemeinern", lautet Stefan Eckerts diplomatische Antwort. Steppjacken und Ralph-Lauren-Bluse mit hochgestelltem Kragen sind keine Seltenheit. Jedoch nicht die Regel. Zumindest eines wird ihnen nicht gerecht: Sie mit Pferden zu vergleichen.

Stefan Eckert, Mittelweg 19, 20148 Hamburg

Mehr interessante junge Labels aus Hamburg:

Herr von Eden

Er verkörpert das, was er mit seiner Mode ausdrücken will. Einen Gentleman. Die Perfektion des guten Stils. Bent Angelo Jensen fertigt Anzüge, die an die Zeiten eines Oscar Wildes erinnern: Mit Einstecktuch, Manschettenknoten und Kummerbund. In Flensburg geboren, eröffnete er 1998 im Hamburger Karoviertel ein Geschäft in der Art eines britischen Herrenausstatters. Es war bestückt mit Secondhand-Ware. Zunächst verlieh er die Anzüge für eine Monatsrate; einmal pro Woche bekam der Kunde dafür ein anderes Stück.

1999 entwarf Autodidakt Jensen seinen ersten Anzug. Mittlerweile verkauft er sie bundesweit – und führt auch Parfum, Kleider und Brillen. Ein prominenter Fan: Lady Gaga trug in London eine Sonnenbrille des Modells "Edeneyes". Jan Delay zelebrierte derweil seinen Imagewechsel von Rap auf Funk im feinen Zwirn der Marke Herr von Eden. In Köln, München und Berlin eröffnete Bent Angelo Jensen bereits Ableger. Hauptsitz der Firma bleibt aber weiter Hamburg. Auch ein Herr von Welt weiß schließlich, wo er Zuhause ist.

Herr von Eden, Marktstraße 33, 20357 Hamburg

FKK

FKK, das steht für Freiheit, Körper und Kultur. Tobias Jopp und Stefan Harm passten diese Begriffe dem eigenen Label an. Ihr Statement: Freiheit im Modestil, ein gutes Körpergefühl, Design als ein wichtiger Teil unserer Kultur. Bekannt ist FKK vor allem für seine Jerseykleider. Und für ihre klare Linien. Die Designer lernten sich während des Studiums an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in der Hansestadt kennen. Expandieren wollen sie nicht: Die Kleidung ist nur im Ladengeschäft oder über den Online-Shop erhältlich. Ein Standortbekenntnis. "Hamburg hat ein überschaubares und mit der Zeit gewachsenes Netzwerk", sagt Stefan Harm. "In Berlin tummelt sich jetzt alles, was Anschluss sucht und braucht, um von dem Hype um die Stadt zu profitieren." Das schaffe Unruhe.

Allerdings vermissen beide die Unterstützung durch die lokale Politik. Es gebe zu wenig Förderprojekte. "Der Wirtschaftsfaktor Design wird nicht in seinem ganzen Umfang erkannt und vertreten." Die Hamburger bezeichnen sie als durchaus kritisch, aber auch offen gegenüber Neuerungen. "Das unaufgeregte Stilbewusstsein, das sogenannte Understatement, nennen viele mutlos", sagt Tobias Jopp. Es sei aber eine gute Grundlage, seinen persönlichen Stil zu verfeinern.

FKK, Hegestraße 21, 20251 Hamburg

Garment

Garment bedeutet auf Englisch Bekleidung. So elementar wie der Name ist auch der Anspruch, welcher der Mode zu Grunde liegt. Kontinuität und Kombinierbarkeit sind das Prinzip, nach dem die beiden Designerinnen Ullinca Schröder und Kathrin Müller arbeiten. Nach ihrem Studium an der Akademie Mode und Design in Hamburg gründeten sie 1997 das Label Garment. Auch Berlin wäre für sie als Standort in Frage gekommen, allerdings hatten sie in der Hansestadt bereits viele wichtige Kontakte. Den einen Stil gebe es hier nicht. "Höchstens eine tendenzielle Vorliebe für schnörkellose Geradlinigkeit", sagen sie. Und das wiederum passt perfekt zur eigenen Mode, die Funktionalität mit Eleganz verbinden möchte. Trends beeinflussen die Designerinnen bei der Arbeit weniger. Vielmehr der eigene Geschmack – und die potenzielle Käuferschaft im Hinterkopf.

Garment, Marktstraße 25, 20357 Hamburg

Hausach Couture

Bei der Fashion Week in Berlin präsentierte Sascha Gaugel in diesem Jahr erstmals seine Kollektion. Und für Hausach Couture, dem Label des Wahlhamburgers, konnte direkt Eva Padberg als Model gewonnen werden. Sie zeigte, was Gaugel am besten kann: Fantasievolle Kleider für den ganz großen Auftritt zu schneidern. Wie sein Kollege Stefan Eckert setzt der Designer auf Damenmode, verwendet für die Maßanfertigungen vorwiegend italienische Seidenstoffe. Die opulenten Roben, oft in vollen Farben, finden auch in prominenten Frauen auf dem roten Teppich ihre Trägerinnen.

Zweimal gewann Sascha Gaugel, der an der AMD Düsseldorf studierte, bereits den "New Faces Award" der Zeitschrift Bunte. In Hamburg hat er seinen Showroom, plant jedoch die Eröffnung einer Dependance in Hongkong. Ansonsten mag er es bodenständig. Was bereits der Name seines Labels verrät: Hausach ist angelehnt an den Geburtsort seiner Eltern im Schwarzwald.

Hausach Couture, Milchstraße 28, 20148 Hamburg

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