Kleine Fluchten
Familientradition und ein Schuss Magie
"Hotel Schloss Gamehl" bei Wismar hat seit seiner Entstehung 1860 viel erlebt. Die alte Besitzerfamilie hat es liebevoll restauriert
Außen Märchenschloss oder Zauberinternat - innen wurde alles entkernt und auf luxuriöse Weise original wiederhergestellt
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Das "Schloss Gamehl" ist ein schönes, altes Gemäuer, zwölf Kilometer östlich von Wismar gelegen. Es ist nicht so groß wie Hogwarts, das Zauberinternat von Harry Potter, aber es atmet doch Magie. "Viele Geschichten ranken sich um das Haus", weiß Schlossherrin Dagmar von Stralendorff-von Wallis zu berichten. Sie sitzt vor dem Kamin in der Hausbibliothek, blättert in einem Album und erzählt: "1860 ließ mein Urgroßvater, Franz von Stralendorff, dieses Schloss im neogotischen Stil erbauen. Vorher gab es bereits ein Gutshaus weiter unten und davor im Schlossteich eine Motte, das ist eine kleine Ritterburg, so vermutet man jedenfalls. Auch soll es dort noch einen Geheimgang bis zum Preensberg geben."
Die Stralendorffs sind ein altes Mecklenburger Rittergeschlecht, welches schon vor 600 Jahren hier ansässig war. Im Wappen führen sie drei aufstrebende Pfeile, drei Strahlen.
Der Urgroßvater hatte zwei Frauen und 20 Kinder, von denen die wenigsten das Erwachsenenalter erlebten. Auch Ulrich, Ottilie und Mathilde, die auf einem Gemälde von 1849 zu sehen sind, starben früh. Das Bild wurde von dem Wismarer Maler Carl Canow gemalt und hing bis Anfang dieses Jahres noch in einem Wismarer Museum, im Schabbelhaus. Nun wurde es mit zwei weiteren Bildern an die Erbin rückübertragen. Dorfbewohner hatten die Gemälde gerettet, nachdem das Vermögen der Stralendorffs 1945 enteignet wurde.
Viele Dinge erschütterten Dagmar, als sie fast 40-jährig 1998 das erste Mal in den Osten fuhr. Sie war eine glückliche Ehefrau mit zwei Kindern, in Berlin-Zehlendorf lebend, in Brüssel geboren, in England und München hatte sie studiert, war auf allen Kontinenten zu Hause. Was wollte sie in Mecklenburg? Tante und Onkel ließen keine Ruhe, erzählten immer wieder von "Gamehl", von der Familientradition, dem Schloss, der Nähe zum Meer und "die Großmutter hätte da noch was vergraben".
"Ich weiß noch, wie wir den Weg heraufkamen. Es war November, alles war grau", berichtet Dagmar "die Tante schlug die Hände überm Kopf zusammen. Das Haus war verwahrlost, der Wintergarten weg, der Turm abgeschlagen, es regnete durchs Dach. Aber da waren der rote und der blaue Salon, die sahen fast genauso aus wie früher."
Dagmar war beeindruckt: "Ein richtiges Schloss, und hier war mein Vater aufgewachsen." Ihr Mann meinte: "Die scharren jetzt alle mit den Hufen, wenn wir es nicht kaufen, tut es ein anderer." Den Schlosspark bot bereits ein Makler an. Die Familie musste schnell handeln und tief in die Tasche greifen. Zwei Jahre später war Dagmar Schlossbesitzerin, ohne zu ahnen, wie viel Arbeit noch auf sie zukommen sollte.
In der Bibliothek liest man idealerweise ein "Harry Potter"-Buch
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"Der Befall von Hausschwamm war das Schlimmste", erklärt die Inhaberin, "das Gebäude musste entkernt werden. Manche Balken haben die Bauarbeiter nur noch rausgekehrt." Da es sich aber um ein denkmalgeschütztes Haus, ein neogotisches Ensemble handelte, sollte alles möglichst originalgetreu wiederhergestellt werden. Das kostete viel Zeit, forderte auch privat Opfer.
"Nach und nach kamen die Leute aus dem Dorf auf uns zu. Einer brachte die Truhe meiner Großmutter, ein anderer ein paar Bücher zurück. In den 60er-Jahren, als jede Verzierung abgeschlagen und alles grau verputzt wurde, rettete der alte Schweinehirt meines Großvaters von jedem Formstein ein Muster", erzählt Dagmar "nach seinem Tod hüteten die Töchter diese Steine wie einen Schatz." Anhand dieser Originale konnte alles in einer Brandenburger Kunst- und Baukeramikwerkstatt nachgebrannt werden. Heute sieht man von außen fast keinen Unterschied zu frühen Fotos.
Innen ist das natürlich anders. Wand- und Fußbodenheizung sind nicht zu sehen, aber zu fühlen. Das Haus hat den Charme von Bequemlichkeit und Luxus. Auf Details wurde viel Wert gelegt, die dominierenden Pastellfarben sind sanft Ton in Ton gehalten. Ob Turm-, Chor- oder Pastorenzimmer, jedes der 19 Hotelzimmer ist anders und sehr individuell geschnitten. In den Rundumgängen kann man sich verlaufen, landet aber immer wieder im Foyer mit dem original Marmorboden, wo an den Wänden auch die Familienwappen von Franz von Stralendorff und seinen Frauen von Boot und von Kühnemann freigelegt wurden.
Im Keller entstand ein Wellnessbereich mit Sauna und Fitnessgeräten. Darüber wird in der sonnendurchflutete Veranda das Frühstück serviert. Am Abend kann man im historischen Restaurantsaal mediterrane Küche genießen, ein drei Meter hoher Kaminofen sorgt hier für gemütliche Wärme und viel Romantik. Nebenan lockt der blaue Salon mit einem stilvollen Eichenparkett und einem wunderschönen Blick auf den Park. Er dient als Außenstelle des Standesamtes, und mit der ersten Trauung 2008 feierte auch das "Hotel Schloss Gamehl" seine Einweihung. Seitdem ist das Interesse an Trauungen groß, das Schloss mit seinem Park ist sehr romantisch - ein Ort zum Genießen, Entdecken und Verstecken. Zehn Minuten sind es mit dem Auto nach Wismar, 15 zum Salzhaff, 25 Minuten nach Schwerin und 30 Minuten nach Rostock. Ideal auch für eine kleine Auszeit vom Arbeitsalltag, mal die Liebste mit einem Candlelight-Dinner überraschen oder sich einfach ein paar Tage richtig verwöhnen lassen. Dafür ist das "Gamehl" der richtige Ort.
Die Reihe "Kleine Fluchten" gibt es auch als Buch. Jeder der vier bislang erschienenen Bände (Basis, Genießer, Wellness, Verliebte) stellt 50 Häuser vor und kostet 12,95 Euro




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