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Ausflüge rund um Hamburg

Ausflüge, Teil 28: Ostfriesland

In der Heimat von Otto, dem Außerfriesischen

Buckelpisten, beschauliche Dörfer und hinter dem Deich das Watt - wenn man die Autobahn bei Emden verlassen hat, tickt die Uhr langsamer. Und zu jeder Tages- und Nachtzeit, da tönt es: "Moin!"

Wahrzeichen: Otto hat ihn im Kino berühmt gemacht, den kleinen Leuchtturm von Pilsum.
Foto: Johannes Arlt

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Die Reise zum Fischerdorf Greetsiel ist ein unmerklicher Übergang in eine andere Welt - der Weg in ein ostfriesisches Paralleluniversum. Wenn man in Emden die Autobahn verlassen hat und auf Landstraße L 2 Richtung Küste fährt, scheint die Zeit allmählich langsamer zu verfließen. Man fährt durch beschauliche Dörfer, vorbei an endlosen Feldern. Zügiges Vorankommen ist so gut wie unmöglich, denn die Landstraßen sind die reinsten Buckelpisten. Schwere Landmaschinen von oben, weicher Marschboden von unten - dem hält der Asphalt auf Dauer nicht stand.

Wir befinden uns in der Krummhörn, einer sogenannten Flächengemeinde mit 19 Orten - 18 Warfendörfern und dem Fischerort Greetsiel, der unser Ziel ist. In dem Warfendorf Loquard legen wir einen kurzen Zwischenstopp ein. Es ist einer jener zahlreichen Orte, die früher ohne Deich direkt am Meer zum Schutz gegen dieses auf künstlichen Erdhügeln, hier Warfen genannt, gebaut wurden.

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In Loquard befindet sich der Künstlergarten des Ehepaars Gudrun und Rolf Greeven. Und man trifft auch auf jede Menge neues Leben in alten Gemäuern. Seit zehn Jahren dient ein alter Gulfhof - die ostfriesische Variante des Bauernhofs mit besonders tief gezogenem Dach - als Grundschule für die 90 Kinder aus Loquard und den angrenzenden Dörfern Campen und Rysum. Heike Bohlen, seit sechs Jahren Lehrerin an der Schule, fühlt sich sehr wohl.

Der Dorfkern ist der "Runde Graben" hinter der Grundschule mit einer Insel in der Mitte, daran grenzt die alte Dorfkirche an. Die Straßen sind mit Ziegeln gepflastert und einspurig. Das reicht auch, denn Gegenverkehr gibt es so gut wie nie. Im Dorf kennt jeder jeden, und die Kinder dürfen mit ihren Deutschbüchern schon mal das Klassenzimmer verlassen und zu Bekannten und Verwandten gehen, um ihnen etwas vorzulesen - das ist Deutschunterricht auf dem Dorf. Die "Super-Nanny" würde hier arbeitslos werden. Freundliche, ausgeglichene Schüler, keine echten Probleme, sagt Heike Bohlen.

Zu dieser Idylle gehört auch der besagte Künstlergarten. Stauden, Rosen, Kräuter und kleine Gemüsebeete dienen als Ausstellungsraum für die bunten oder auch traditionell blau-weißen Fliesen, die das Ehepaar Greeven in seiner Manufaktur herstellt (Tel. 04927/1323, www.fliesen-aus-friesland.de ).

Weiter geht es auf der Landstraße nach Greetsiel über die Dörfer Campen, Upleward, Hanswerum, Groothusen, Manslagt und Pilsum mit dem rot-gelben Leuchtturm, der durch den Film "Otto - der Außerfriesische" seit 1989 weit über die Grenzen Ostfrieslands hinaus bekannt wurde - ebenso wie Jahre zuvor schon der gebürtige Emdener Otto Waalkes selbst. Vom Fischerort Greetsiel kommen zunächst moderne Ferienhäuser in Sicht, ein Hotel, der örtliche Edeka-Markt und andere kleine Geschäfte. Dann geht es durch malerische Gassen, die Namen wie "Pastorenpadd" (Pastorenpfad) und "Antenpadd" (Entenpfad) tragen, zum historischen Markt: Wie in einer Puppenstube reihen sich Giebelhäuser aus dem 17. Jahrhundert aneinander, bis hin zum Fischerhafen mit den Krabbenkuttern.

Im Haus an der Sielstraße 23 betreibt Elke Fitzek ihr "Teekontor". Das 1795 erbaute Giebelhaus befindet sich seit 1850 im Besitz der Familie ihres Mannes Uwe Fitzek. Das Ehepaar wohnt und arbeitet in dem Haus. Uwe Fitzek verschlug es beruflich zwar weit über Ostfrieslands Grenzen hinaus bis nach Irland. Aber vor 16 Jahren kehrte er zurück nach Greetsiel. Fitzek organisiert den einmal im Jahr stattfindenden Kutterkorso, dann laden Kutterkapitäne die Landratten zu einer vierstündigen Seetour an Bord. Anschließend treten im Hafen Shanty-Chöre auf und es wird kräftig gefeiert.

Der historische Ortskern von Greetsiel hat sich stark gewandelt, sagt Fitzek: "Viele Hausbesitzer ziehen lieber aus dem Ortskern heraus in modernere Häuser. Aber die historischen Häuser blieben erhalten." Zur Freude der Touristen: Es lässt sich wunderbar schlendern in den alten Gassen, überall laden Teestuben zum Verweilen ein oder Galerien stellen Kunst aus. Und auch im Hafen hat man sich umgestellt. So wurde aus dem "Rettungsschuppen" für das frühere Rettungsboot der Kutterflotte die Kneipe "Rettungsschuppen". Ebenso erging es dem "Hafenkieker": Wo früher Krabben verarbeitet und gelagert wurden, wird heute im maritimen Ambiente gespeist und getrunken.

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Bei so viel touristischem Interesse ist es für viele Alteingesessene immer wichtiger geworden, Greetsieler Geschichte und Tradition hochzuhalten. Inge Ysker-Cornelius, gebürtige Greetsielerin und Inhaberin von Poppingas Alter Bäckerei in der Sielstraße 21, hat hier neben der Teestube auch ein kleines Museum eingerichtet. In dem Gebäude aus dem 17. Jahrhundert ist ein schmuckes Wohnzimmer mit Schrankbetten, den sogenannten Butzen, zu besichtigen. Auch die alte Backstube im Keller und der Verkaufstresen stammen aus der alten Bäckerei der Familie Poppinga. "Ich habe das Haus vor 28 Jahren gepachtet", erzählt Inge Ysker. Sie und ihr Mann Enno Cornelius, ein gebürtiger Pilsumer, wollen, dass "nicht alles so kommerziell wird". Trotzdem hatte sie ihren Spaß daran, in "Otto - der Außerfriesische" als Statistin aufzutreten: "Gleich zu Anfang, mit Kopftuch", erzählt Inge Ysker lachend.

Als traditionelles Wahrzeichen von Greetsiel gelten die Zwillingsmühlen in der Mühlenstraße. Auf die Frage, wo denn der Müller stecke, bekommt man hier schon mal die Antwort: "Da müssen Sie eine Mühle weitergehen." In der zweiten Mühle mit Café ist dann tatsächlich einer: Frank Schoof hat die Mühle 1992 geerbt, lebt aber nicht mehr vom Mahlen, sondern vom Ladenverkauf und den Führungen in der Mühle. Wer sie besichtigen möchte, sollte schwindelfrei sein und keine Angst vor steilen Treppen haben. Im urigen Ambiente der Mühle gibt es regelmäßig auch Krimi-Abende mit ostfriesischen Autoren wie Bernd Flessner oder Peter Gerdes.

Ein ostfriesisches Original ist auch Frank Baumann. Der gebürtige Pilsumer spielt Theater, singt, moderiert das Schlickschlittenrennen und leitet den Posaunenchor Pilsum. Im blauen Kittel mit Prinz-Heinrich-Mütze und Gummistiefel mutiert er zu "Harm Drög" und bringt den Gästen die Besonderheiten Ostfrieslands mit trockenem Humor nahe. "Die Krummhörn", schnarrt Drög/Baumann hörbar norddeutsch, "ist mit ihren 19 Dörfern eine einzigartige Flächengemeinde voller Superlative." Welche das sind - abgesehen von der schönsten Schule der Welt in Loquard - gibt Harm Drög gern auf den Heimatabenden im Greetsieler "Haus der Begegnung" preis. Außerdem will er in diesem Sommer in seinem Heimatort Pilsum "besonders dröge Dorfführungen" anbieten. Der Ort ist mit seinen rund 600 Einwohnern zwar sehr klein, doch Baumann kennt Pilsum bis in den letzten Winkel: "Da gibt es so viele Geheimnisse und Geschichten - sooo geheimnisvoll - aber vielleicht nicht immer wahr!" Es ist eben alles ein bisschen märchenhaft in der ostfriesischen Tiefebene...

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