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Reise

Poznan: Auf halbem Weg zwischen Berlin und Warschau liegt eine oft unterschätzte Metropole

Die Unbekannte will entdeckt werden

Im westpolnischen Posen verbinden sich Geschichte und Zukunft. Demnächst tagt hier die Weltklimakonferenz - was der Stadt neue Aufmerksamkeit bescheren dürfte.

Es ist zwei Minuten vor zwölf Uhr mittags. Vor dem Alten Rathaus am Stary Rynek, dem vor 700 Jahre erstmals errichteten Alten Markt von Poznan, recken die Besucher die Köpfe in die Höhe. Das, was auf dem Münchner Marienplatz täglich das berühmte Glockenspiel auf dem Rathausturm ist, gehört seit fast 500 Jahren auch in Posen ganz natürlich zur Tagesmitte. Pünktlich um zwölf geht über der großen Uhr mit dem goldenen Zifferblatt ein Türchen auf, und zwei weiße Ziegenböcke aus Blech erscheinen. Insgesamt zwölfmal stoßen sie frontal ihre Hörner aufeinander, dazu schlägt die Glocke. "Die ersten Ziegen wurden hier schon 1551 installiert, und sie sind auch im Stadtwappen zu finden", erklärt Fremdenführerin Dorota den Besuchern vor dem Ratusz, dem markantesten Gebäude auf diesem Platz, der zu den schönsten in Europa gehört. Das Alte Rathaus wie auch die Ziegenböcke blicken auf eine sehr lange Geschichte zurück - ebenso wie Posen selbst. Keine andere Stadt ist enger mit der polnischen Einheit verbunden wie die Hauptstadt der Provinz Großpolen (Wielkopolska) .

Gegründet im 9. Jahrhundert, stieg sie im 13. Jahrhundert zu Polens wichtigstem Bollwerk an der Westgrenze auf. Zu dieser Zeit entstanden am Westufer des Flusses Warthe die Ansiedlungen im Schachbrettmuster rund um den Marktplatz. "Der Bau des Alten Rathauses wurde im frühen 14. Jahrhundert vollendet, nach einem Feuer 1536 baute es der italienische Architekt Giovanni Quadra wieder auf", erklärt Dorota, "damals galt es als das schönste Gebäude nördlich der Alpen." Doch immer wieder suchten Katastrophen das Bauwerk heim - ein weiteres Feuer, ein Orkan und die Bomben des Zweiten Weltkrieges. Stets entstand es hinterher neu - original erhalten sind heute nur die eindrucksvollen frühgotischen Kellergewölbe, die das sehenswerte Historische Museum der Stadt beherbergen. "Und die Ziegenböcke kehrten immer wieder. Jene, die wir jetzt sehen, sind von 1954", weiß die Fremdenführerin. Legenden um ihr Entstehen gibt es mehrere: Mal war es ein Koch, der den 1511 zur Einweihung der Turmuhr vorgesehenen Rehbraten anbrennen ließ und sich mit zwei gestohlenen Ziegen behelfen wollte, die aber aus der Küche ins Rathaus entkamen und dort als Stadtsymbol zu Ehren kamen. Andere Legenden sprechen davon, dass die Ziegenböcke vor einem gerade im Rathaus ausgebrochenen Feuer warnen wollten und die Stadt vor einer Feuersbrunst retteten. "Den genauen Ursprung der Ziegenböcke kennt aber niemand", sagt Dorota.

Wenige Straßenecken vom Ratusz entfernt sitzt Tomasz Kayzer, der Vizebürgermeister von Posen, im heutigen Rathaus und weiß darauf auch keine Antwort. Obwohl die Amtsräume in einem ehemaligen Kloster aus dem 17. Jahrhundert liegen, beschäftigt sich Kayzer zurzeit nur mit der Zukunft. Vom 1. bis zum 12. Dezember dieses Jahres wird seine Stadt Gastgeber der Uno-Weltklimakonferenz mit erwarteten 8000 Teilnehmern aus allen Kontinenten sein, eine große Herausforderung für die Halb-Millionen-Metropole an der wichtigen Achse Berlin - Warschau - Moskau. Aber auch eine einmalige Chance, Posen zu präsentieren. "Wir können traditionell gut organisieren, schließlich waren wir lange preußisch", lacht Tomasz Kayzer und macht nicht den Eindruck, dass die gewaltige Aufgabe der Konferenz-Organisation ihm schlaflose Nächte bereitet. Doch das größte Ereignis in der Stadtgeschichte ist nur eine Etappe - 2012 wird Posen auch Austragungsort von drei Vorrundenspielen der Fußball-EM sein. Bis dahin will sich die Stadt als guter Gastgeber und Touristenattraktion etabliert haben und gleichzeitig ihre neu gewonnene Bedeutung unterstreichen: "Wir haben eine hohe Kaufkraft und eine geringe Arbeitslosigkeit", betont der Vizebürgermeister. Posen hat in der Tat mehr zu bieten als historische Pracht, auch wenn die deutsche Besucher, die vielleicht Krakau oder Danzig schon kennen, am meisten reizen dürfte - abgesehen von der kurzen Anreise. Aber Posen könnte sich auch als Shopping-Metropole etablieren, "die Leute glauben oft gar nicht, dass wir hier mehr Läden internationaler Edelmarken haben als so manche deutsche Stadt", sagt Dorota. Im historischen Gebäude des Bazar-Kaufhauses unweit des Marktplatzes liegt der Nobelladen von Burberry gleich neben dem Autohaus für Luxusgefährte und anderen Hochpreis-Outlets, doch die Preise in Zloty sind zum Teil für deutsche Käufer durchaus attraktiv und lohnen einen Vergleich. Absolut unverzichtbar für jeden Posen-Besucher ist aber ein Abstecher zum neuen Stolz der Stadt, der Alten Brauerei. Das Stary-Browar-Einkaufszentrum, 2003 eröffnet und 2007 erweitert, bietet heute elegantes Shopping-Vergnügen und kulturelle Ereignisse auf fast 200 000 Quadratmeter Fläche. Obwohl von dem namensgebenden, 1844 erbauten Brauereikomplex nicht mehr viel zu sehen ist, dürfte die Shopping Mall in der Innenstadt zu den architektonisch gelungensten Bauwerken dieser Art in Europa gehören. "Die haben viele internationale Preise gewonnen, man spricht in ganz Polen über die Stary Browar", weiß Dorota. Mehr als 210 Designerläden, Food Courts, Multiplexkino und reichlich Platz für Kultur, Ausstellungen und Live-Konzerte geben einen Eindruck davon, wie das neue Posen gern sein möchte. "Bestimmt werden sich viele Delegierte der Klimakonferenz mal davonstehlen, die kann man dann sicher in der Stary Browar treffen", vermutet Vizebürgermeister Tomasz Kayzer.

Aber Zerstreuung bietet die Stadt ihren offiziellen und privaten Besuchern, denen alle kulturellen Konferenz-Events ebenfalls offen stehen, im Dezember sowieso reichlich. Vom vergrößerten Weihnachtsmarkt auf dem Stary Rynek über die Lange Nacht der Museen, ein Umwelt-Filmfestival, Nacht-Performances in Galerien und Theatern bis hin zu Weihnachtskonzerten sowie Solo-Auftritten von Opern-Weltstars oder Jazz-Größen. Die Klima-Konferenz soll bewusst Teil des Stadtlebens sein. "Das ist eine große Chance für uns, denn wir haben immer noch ein Imageproblem. Es gilt, eine mentale Hürde zu überwinden, um Besucher nach Posen zu locken", weiß Kayzer. Und wer einmal da ist, sich vom Flair des Marktplatzes in Beschlag nehmen lässt oder im Zamek, dem alten Schloss, ein Klezmer-Konzert genießt, kommt bestimmt wieder. Was immer sich bis dahin in Posen verändert haben mag - pünktlich um zwölf Uhr mittags werden am Ratusz immer noch die beiden Ziegenböcke aus Blech zwölfmal ihre Hörner gegeneinander schlagen.

 

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